Die Brückenhüter

von Gundula Haage

Oben (Ausgabe I/2019)


Wer im slowakischen Städtchen Štúrovo einen Fuß auf die Maria-Valeria-Brücke setzt, blickt auf die geruhsam dahinströmende Donau. Auf der anderen Flussseite thront der Dom der früheren ungarischen Hauptstadt Esztergom. Nichts lässt mehr erahnen, dass diese Brücke beinahe sechzig Jahre lang nur aus Stümpfen bestand, die von beiden Ufern aus ins Wasser ragten.

Für Karol Frühauf, der in Štúrovo geboren wurde, ist die rekonstruierte Donaubrücke ein Symbol des Friedens.  Seit ihrem Bau 1895 überspannte sie den Fluss allerdings nur wenige Jahre, denn bereits im Ersten Weltkrieg fiel die Brücke einer Explosion zum Opfer. Im Winter 1944 sprengten sie die deutschen Truppen erneut. In den darauffolgenden Jahren des Kalten Krieges investierte niemand in ihren Wiederaufbau. Als die Maria-Valeria-Brücke 2001 schließlich mit europäischer Finanzierungshilfe wiederaufgebaut werden konnte, war für Frühauf klar: »Man muss sie bewachen.« Darum erschuf der in der Schweiz lebende Programmierer die Künstlerresidenz Bridge Guard. Die Idee: Kunstschaffende, Autoren oder Wissenschaftler können für drei bis sechs Monate in einem Brückenwächter­häuschen in Štúrovo bei freier Kost und Logis arbeiten, wenn sie dafür symbolisch die Brücke hüten.

Die Künstler führen ein Logbuch über die Brücke, begleiten Schulklassen und arbeiten an ihren jeweiligen Kunstprojekten. Die entstandenen Werke sind so unterschiedlich wie die Brückenwächter selbst. Der koreanische Künstler Jung-ki Beak etwa nutzte die Stahlträger der Brücke als Antenne, um Radiowellen zu empfangen. Das Duo Thomas Hauck und Sabine Kaeser siebte mit Mehl ein Gedicht auf die Brückengeländer. Und der Brite Stephen Turner stellte aus Kastanien von der ungarischen und der slowakischen Seite Farben für seine Zeichnungen her. Die Werke werden ausgestellt und ziehen Menschen beidseits der Donau an.

Die rumänische Wissenschaftlerin Cristina Vidrutiu zog 2018 als 44. Brückenwächterin nach Štúrovo. »Ich habe Geschichten gesammelt, wie Grenzen überwunden werden«, berichtet sie. Denn die Donau war über Jahrhunderte hinweg Grenze zwischen mehreren Ländern und immer wieder Zeugin kriegerischer Auseinandersetzungen. Dabei hat sie Menschen voneinander getrennt, aber auch miteinander verbunden. »Zur Zeit des Eisernen Vorhangs wurde alles abgehört«, erzählt Karol Frühauf. »Unzensierte Kommunikation zwischen Ungarn und der Slowakei war kaum möglich.« Darum verabredeten sich damals Ungarn und Slowaken bei Windstille an bestimmten Stellen des Donauufers und flüsterten sich Botschaften zu. Das Wasser trug die Worte über 500 Meter von einem Ufer zum anderen.

Heute erinnert nur noch eine kleine Plakette auf halber Strecke an den Grenzübertritt. Doch die rechtspopulistische ungarische Fidesz-Partei an der Macht ist, verschlechtern sich die Beziehungen zwischen den beiden Ländern wieder. Deshalb ist es Frühauf besonders wichtig, dass die Geschichte nicht in Vergessenheit gerät. Sein »AquaPhone« erinnert an die Kommunikationshürden von damals: Auf beiden Seiten der Donau werden slowakische und ungarische Gedichte verlesen, während Musiker dazu improvisieren. Das Publikum lauscht dem Klangteppich, der zeitverzögert am jeweils anderen Ufer ankommt. »Mit der Brückenwacht und dem AquaPhone wollte ich virtuelle Brücken zwischen den beiden Städten schaffen«, sagt Frühauf, »denn wenn diese Brücken halten, hören die Menschen vielleicht endlich auf, reale Brücken zu zerstören.«    



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