Dürfen wir das?

von Bo Wen

Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Ausgabe I/2011)


Die Vorstellung, dass es Grenzen des Wachstums geben könnte, fällt chinesischen Politikern und Unternehmern schwer. Bislang bescherte der chinesische Weg, ein Entwicklungsmodell, das auf den Export billiger Waren setzt, dem Land hohe Wachstumsraten. China selbst verfügt nur über wenige Ressourcen. Um die Wirtschaft am Laufen zu halten, müssen Rohstoffe eingeführt werden. Seine riesigen Dollar-Reserven benutzt das Reich der Mitte, um Kohle, Öl, Gas, Holz und Metalle zu erwerben.

Angesichts des weltweiten Klimawandels will auch die chinesische Regierung als verantwortungsbewusster Akteur auftreten und die führende Rolle der Schwellenländer einnehmen. China setzt jedoch weiter auf Wirtschaftswachstum. Das Ziel der Regierung ist es, Spielraum für höhere Emissionen und somit für zukünftiges Wirtschaftswachstum auszuhandeln. Doch es ist nicht im Interesse der Menschen, dass noch mehr Treibhausgase in die Atmosphäre gelangen.

Die Chinesen leiden jetzt schon unter Umweltverschmutzung und Klimawandel: Jedes Jahr treiben Dürren und die zunehmende Desertifizierung in Nordwestchina Hunderttausende ökologische Flüchtlinge von Ort zu Ort. Viele machen China selbst für die Probleme verantwortlich, da das Land die USA als bislang größten Verursacher von Treibhausgasen überholt hat. Allerdings sind die Treibhausgasemissionen auch auf Chinas Rolle als „Werkbank der Welt“ zurückzuführen: China produziert Waren für den globalen Markt, da viele westliche Konzerne die Fertigung an chinesische Firmen outsourcen. Jeder, der Waren „made in China“ kauft, trägt somit zur Freisetzung von Treibhausgasen bei.

Auf internationalen Konferenzen hat die chinesische Regierung oft argumentiert, dass China hinsichtlich seiner Pro-Kopf-Emissionen eher wenig Treibhausgase ausstößt. Doch auf der Basis von Pro-Kopf-Emissionen zu argumentieren, öffnet der Klimaungerechtigkeit Tür und Tor. Innerhalb Chinas gibt es Menschen, die unter extremer Armut leiden und damit die Gesamtbilanz senken, während sich wenige reiche Klimasünder das Recht auf einen höheren CO?-Ausstoß herausnehmen.

Sieht man sich die demografische Entwicklung weltweit an, so nimmt die Bevölkerung gerade in China, Indien und anderen Entwicklungsländern zu. Wenn wir eine Obergrenze für Emissionen setzen, werden diese Einschnitte im CO?-Ausstoß besonders die arme Bevölkerung treffen: Solange in diesen Ländern wenige reiche Menschen sehr viel CO? erzeugen, bleiben die Spielräume für die Verbesserung des Lebensstandards der Armen klein. Ändern können wir dies nur mit einem anderen Entwicklungsmodell, das nicht auf dem Verbrauch fossiler Brennstoffe basiert, sondern mit Ressourcen nachhaltig umgeht.

Warum verfolgt China dennoch das westliche Wirtschaftsmodell? Weil China den Erfolg der Industrieländer kopieren will. Der Automobilbau soll zur Schlüsselindustrie der Wirtschaft werden. Sehen wir allerdings dem Klimawandel und der Verknappung von Ressourcen ins Auge, dann müssen wir zugeben, dass die westliche Welt den falschen Weg eingeschlagen hat.

Der Westen muss offener werden und umweltfreundliche Technologien für Entwicklungsländer erschwinglich machen. China fordert, dass die Industrieländer Verantwortung übernehmen, weil sie historisch gesehen die Hauptverantwortung für die heutigen Umweltprobleme tragen. Da China inzwischen der größte Verursacher von Treibhausgasemissionen ist, sollte sich seine Regierung auch stärker engagieren.

Was Lösungen angeht, so ist es meiner Ansicht nach sehr unwahrscheinlich, dass sich die chinesische Regierung internationalem Druck beugen wird. China hat zwar einen nationalen Plan zur Verringerung von Treibhausgasemissionen entwickelt, doch kann dieser ohne eine aktive Zivilgesellschaft und Umweltschutzgruppen nicht umgesetzt werden. Der Wandel muss von innen kommen.

Ich denke, auch der Westen sollte vermehrt darüber nachdenken, was er tun kann. Es geht zum Beispiel nicht darum, die Zahl der Autos pro Familie zu reduzieren, sondern darum, ob überhaupt jede Familie ein Auto braucht – ob wir nicht unsere Städte so umbauen sollten, dass man seine Ziele mit dem öffentlichen Nahverkehr erreicht. Eines ist jedenfalls klar: Ohne sofortiges Handeln, ohne Prioritäten bei Maßnahmen zur Bekämpfung von Umweltproblemen und Klimawandel ist dies vielleicht unser letzter Auftritt auf der Erde.

Aus dem Englischen von Claudia Kotte



Ähnliche Artikel

Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Editorial)

Editorial

von Jenny Friedrich-Freksa

Unsere Chefredakteurin wirft einen Blick in das aktuelle Heft

mehr


Beweg dich. Ein Heft über Sport (Thema: Sport)

„Mädchen auf dem Platz waren unvorstellbar“

Beim Projekt „Fußball für den Frieden“ in Ruanda bleiben die Jungen nicht mehr unter sich. Ein Gespräch mit dem Spieler Emmanuel Kayumba

mehr


Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Thema: Erderwärmung)

Großwetterlage

von Richard Weitz

Der Klimawandel verteilt die Ressourcen der Welt neu. Wie Staaten ihre Interessen verteidigen werden – ein Szenario

mehr


Treffen sich zwei. Westen und Islam (Die Welt von morgen)

Billiger Big Mac

Eine Kurznachricht aus China

mehr


Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Fokus)

Nach neuen Märkten greifen

von Ivo Ngome

Wie chinesische Immigranten in Kamerun Geschäfte machen – und was die Einheimischen davon halten

mehr


Beweg dich. Ein Heft über Sport (Thema: Sport)

Vom Zwang, fit zu sein

von Niek Pot, Ivo van Hilvoorde

Athletische Körper werden heute mehr denn je zum Vorbild erhoben. Warum eigentlich?

mehr