Warum Israelis gerne und überall streiten

von Iris Berben

Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Ausgabe I/2011)


Es heißt: zwei Israelis und drei Meinungen – und sechs Millionen Ministerpräsidenten. Jede politische Entscheidung wird auf der Straße von allen Ministerpräsidenten ausdiskutiert. Woher das kommt? In Israel leben auf sehr engem Raum mehr als 90 Nationen zusammen. Die meisten von ihnen sprechen unterschiedliche Sprachen. Dennoch müssen alle miteinander auskommen. Die dichte Besiedlung des Landes und die Vielsprachigkeit haben deshalb besondere Formen des Umgangs miteinander hervorgebracht. Bei aller Unterschiedlichkeit versuchen die Menschen, im Gespräch die Möglichkeiten der Verständigung auszuloten.

Die Israelis kultivieren geradezu eine liebenswerte Streitkultur in allen Lebensbereichen, sodass über das Privatleben ebenso vehement gestritten wird wie über ein neu eröffnetes Restaurant. Ich war vor Kurzem wieder in Tel Aviv, wo ich eine Wohnung habe. Nach Israel zu fahren, bedeutet für mich auch, nach Hause zu kommen. An einem Abend saß ich mit acht Leuten in einem Restaurant. Allein die Frage, was man bestellen soll, ob das Essen beim letzten Mal eigentlich gut war oder ob eine bestimmte Speise, die man bestellen will, in einem anderen Restaurant nicht viel besser zubereitet wird, führte zu hitzigen Diskussionen. Bis endlich alle ihr Essen bestellt hatten, war es bereits Mitternacht.

Protokolliert von Elisa Hahn



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