Der Kitt einer Gesellschaft

von Cord Riechelmann

Nonstop (Ausgabe III/2019)


Eine Gesellschaft wird von ihren Mitgliedern genauso leicht übersehen wie die Atmung und der Herzschlag, schreibt Mark W. Moffett auf den ersten Seiten seines Buches „Was uns zusammenhält“. Die Gesellschaft, heißt das, ist für Menschen genauso lebensnotwendig wie die Luft zum Atmen und ein Kreislaufsystem, das den Sauerstoff in die Zellen verteilt, auf dass sie weiterleben und sich erneuern können. In einer Gesellschaft zu leben, gehört damit für Moffett zum biologischen Minimum des Menschen, ohne das das Leben nicht möglich ist.

Mit dieser These setzt der US-amerikanische Ameisen- und Käferforscher Moffett eine überhaupt nicht selbstverständliche Geschichte der neueren Verhaltenswissenschaften voraus, dessen Ausführung ihn nicht nur vor dem Kernproblem seiner „Naturgeschichte der Gesellschaft“ hätte bewahren können, sondern auch politisch hätte interessant sein können. Für Moffett ist eine Gesellschaft nämlich durch ihre Einheit definiert, eine nicht näher bestimmte Homogenität, die ihren Mitgliedern ihre Identität als Teil der Gesellschaft versichert und die sich nach außen, gegen Fremde, mehr oder weniger verschließt. Und in dieser kurzen, aber beharrlich vorgetragenen Grundannahme der Gesellschaft als Einheit liegt nicht nur das Problem, sondern auch die Gefahr von Moffetts Buch, die sein Anliegen leicht konterkarieren kann.

In Zeiten verrohender Umgangsformen im politischen Alltag geht es ihm darum, aus der Naturgeschichte der Gesellschaft Argumente für ein friedliches Zusammenleben in „Einheit und Freiheit“ der Globalbevölkerung zu sammeln. Und es ehrt Moffett, dass er die Einheit der Gesellschaft nicht in Genen oder anderen vermeintlich „natürlichen Substanzen“ sucht.

Für einen Soziobiologen wie Moffett, der die biologischen Grundlagen des Sozialverhaltens erforscht, ist der Verzicht auf die Gensubstanz ein Fortschritt. Wie überhaupt Moffett alles andere als ein einseitiger Fachmann ist: Gleich zu Anfang des Buchs macht er klar, dass es die eine Wissenschaft, die alle notwendigen Aspekte einer kompletten Gesellschaftsforschung vereinen würde, nicht gibt. Deshalb zieht er seine Daten und Argumente ebenso aus der Psychologie, der Soziologie und der Anthropologie wie aus der Biologie. Dabei beeindruckt besonders das Wissen, das er über die menschlichen Frühgesellschaften oder auch über die Indigenen der Gegenwart zusammenträgt. Natürlich – möchte man sagen – gibt es auch bei ihnen Streit und Versöhnung, Mord und Totschlag, Repressionen und Bestrafungen wie Krieg und Überfälle auf andere, am Ende aber hält in allen Fällen die Bereitschaft zur Kooperation die Gesellschaft zusammen. Und das selbst bei Tieren, die sich untereinander überhaupt nicht leiden können. Murmeltiere mögen andere Murmeltiere einfach nicht und trotzdem kommen sie zusammen, wenn es gegen Fressfeinde geht oder sie ihre Jungen miteinander spielen lassen. Woraus man den weitreichenden Schluss ziehen kann, dass sich die Individuen einer Gesellschaft nicht unbedingt mögen müssen, um eine Gesellschaft zu bilden. Moffett trägt hier zahlreiche Beispiele aus der tierischen Verhaltensforschung zusammen. So besucht er den Primatologen Richard Wrangham bei den Schimpansen in Uganda und beschreibt ihr Zusammenleben als eine Art Techno-Strandparty im Dschungel, von Zärtlichkeiten, Zuwendungen und gegenseitiger Aufmerksamkeit geprägt. Es ist für Moffett in diesem Moment schwer, sich die extrem gewalttätigen Überfälle von Schimpansengruppen auf andere Gruppen vorzustellen, von denen zuerst Jane Godall 1974 berichtete und  die manchmal mit der völligen Vernichtung der unterlegenen Gruppe enden. Moffett schildert aber nicht nur die extreme Gewalt in Gruppenauseinandersetzungen bei Schimpansen und Wölfen, er untersucht auch das Verhalten von vermeintlich friedlicheren Tiergruppen wie Elefanten, Klammeraffen und den Bonobos, den nächsten Verwandten der Schimpansen. Moffetts Schlüsse daraus sind, dass auch die offeneren und friedlicheren Tiergesellschaften sich gegen andere Gesellschaften der eigenen Art abgrenzen und Fremden gegenüber vorsichtig bleiben, auch wenn sich die Grade von Feindlichkeit oder Vorsicht extrem unterscheiden können. Der Marker in diesen Gesellschaften ist die individuelle Kenntnis der anderen Mitglieder der Gruppe, des Rudels oder der Herde.

Dass es sich aber um Gesellschaften im Sinne der Verwendung des Begriffs für die menschliche Gesellschaft handelt, daran besteht für Moffett kein Zweifel. Was die Affen-, Wolfs- und auch Frühmenschengesellschaften verbindet, ist allerdings im Unterschied zur aktuellen menschlichen Gesellschaft ihre Größe. Diese Gesellschaften überschreiten die Zahl derer, die man individuell kennen kann, nur sehr selten. Sie bilden keine anonymen Gesellschaften. Nur Ameisen und Menschen bilden riesige anonyme Gesellschaften, die über Moffetts „Marker“ zusammengehalten werden. Bei Ameisen ist das der Geruch, bei Menschen können es alle möglichen Merkmale sein: Rassisten etwa definieren Gruppen über die Hautfarbe, andere Menschen definieren Gruppen über die Essgewohnheiten und über die Art des Glaubens. Die Soziologie und die Verhaltensforschung liefern dafür hervorragende und oft gut vergleichbare Ergebnisse. So kann sich ein Schwarm Stare sehr gut über bestimmte Tonfolgen als derselben Gruppe zugehörig identifizieren, wie sich auch Jugendgangs oder etwa Gothic- oder Hardcoretechnofans über bestimmte Zeichen, Gesten und Haltungen erkennen können.

Moffett verliert in seiner wirklich fundierten Darstellung zwar nicht den Faden, aber sein Ziel aus den Augen, weil er von seiner Vorstellung von „Identität“ nicht loskommt, die eine Gesellschaft seiner Meinung nach zusammenhält. Dabei fällt ihm sehr wohl auf, dass alle Gesellschaften sterblich sind, also irgendwann zerfallen und damit untergehen. Aber wenn sie es tun, dann nicht, weil sie einer ökologischen Katastrophe zum Opfer gefallen oder in anderen Gesellschaften aufgegangen sind, wie es für den Neandertaler diskutiert wird. Nein, für Moffett ist es immer „das Fehlen einer starken gemeinsamen Identität“, das letztlich das Verschwinden einer Gesellschaftsform bedingt, wie er über die Südstaaten als Verlierer des amerikanischen Bürgerkriegs schreibt.

Man ist fast gerührt von diesem Fehler in Moffetts Argumentationsstrang, weil sein Anliegen, zum Arzt der Gesellschaft zu werden, geradezu konträr zum selbst gestellten Auftrag der Soziobiologie steht, die explizit jede Vorstellung von Gruppenselektion ablehnt. Die Soziobiologie geht davon aus, dass man das Leben nicht anders denken kann, als im Modell individuierter vergänglicher Lebewesen mit ihrer Geburt, ihrem Leben und dessen Ende. Aus diesem Grund kann das Leben auch kein einfaches, selbsterklärendes Prinzip sein. Das Leben bleibt immer geteilt und gespalten: zwischen dem Vitalen und dem Mortalen, den Lebewesen und ihrer Ausdifferenzierung, zwischen Macht und Fürsorge.

Ein sehr großer Teil der Denkanstrengungen in den Bio- und Geisteswissenschaften seit der Moderne lässt sich unter dieser Prämisse lesen: Eben weil das Leben nicht anders beschrieben werden kann als in den erwähnten Spannungen, gibt es keine Substanz und keinen einfachen Wert jenseits der Spaltungen und Spannungen. Auch daher kreisen so viele biologische Theorien um das biologische Minimum, ohne das das Leben nicht möglich ist. Dass sich die Soziobiologie dann in den Genen als einer Art Supersubstanz, die alles kann, verrannt hat, müsste für Moffett aber kein Problem sein, weil er um Bindungen und damit auch um die Bindungstheorie weiß. Seitdem in den 1950er-Jahren der britische Kinderarzt und Psychoanalytiker John Bowlby begann, seine Arbeiten zur Bindungstheorie zu veröffentlichen, ist dieses biologische Minimum, ohne das das Leben nicht weitergehen kann, um eine Dimension erweitert worden.

Die Bindungstheorie beschreibt das Phänomen, dass sich bei bestimmten Lebewesen – Vögeln, Säugetieren und Menschen – neugeborene Individuen im Prozess des Heranwachsens an nur eine Person binden. In der Regel erfolgt diese Bindung an die Mutter. Dabei ist dieses Bindungsbedürfnis absolut originär und insofern notwendig, als Individuen der genannten Speziesgruppen, wenn ihnen die Möglichkeit der Entfaltung des Bindungsbedürfnisses genommen wird, seelisch und psychisch verkümmern und sterben. Eine Bindung entsteht nur, wenn es zwischen Individuen zu einem andauernden wechselseitigen Verhaltensaustausch kommt, zu dem Gesten der Annährung und Entfernung, Schreie und Gesänge sowie Weinen, Lachen oder Blicke gehören. Die Bindung ist nichts anderes als die Schöpfung der an ihr beteiligten Akteure. Moffett weiß das und hätte mit seinem Buch den Weg in die Zivilisierung der bestehenden Gesellschaften weisen können. Man muss die Politiker immer wieder an das menschliche Bedürfnis nach Fürsorge erinnern, wenn es um die Gemeingüter geht, die menschliche Bindungen und Beziehungen ebenso wie Luft und Wasser umfassen. Von allein kommen sie nicht darauf.

Was uns Zusammenhält. Eine Naturgeschichte der Gesellschaft. Von Mark W. Moffett. S. Fischer, Frankfurt am Main, 2019.



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