Eine Puppe im Garten des Ungeheuers

von Carmen Eller

Nonstop (Ausgabe III/2019)


Adèle sieht sich um. Ein Mann in einem billigen Anzug beobachtet sie im Waggon der Metro: »Seine Schuhe sind ungeputzt, seine Hände behaart. Er ist hässlich. Er könnte der Richtige sein.« Adèle ist ständig auf der Suche. Sie nutzt jede Gelegenheit für schnellen Sex mit fremden Männern. Oft betrinkt sie sich auch, lässt sich angrabschen und abschleppen. Ihr restliches Leben spielt Adèle wie ein Theaterstück.

Für ihre Artikel als Journalistin einer Pariser Zeitung erfindet sie Aussagen von anonymen Informanten. Und als Mutter eines kleinen Sohnes verpasst sie wegen eines zu langen Kusses schon einmal einen Termin beim Kinderarzt. Ihr ahnungsloser Gatte, der Gastroenterologe Richard, sehnt sich danach, mit ihr aufs Land zu ziehen. Adèle hat andere Träume: »Sie will in die Brust gekniffen, in den Bauch gebissen werden. Sie will eine Puppe im Garten eines Ungeheuers sein.«

In ihrem Roman »All das zu verlieren« erfindet die marokkanisch-französische Schriftstellerin Leïla Slimani eine Heldin, die ihr Leben auf Lügen baut. Das Buch ist nicht die Art von Geschichte, die man vermuten könnte: Von einer selbstbestimmten, sexuell emanzipierten Frau, die sich nimmt, wen sie will. Vielmehr erzählt Slimani die Geschichte einer Obsession.

Als der Roman 2014 im Original erschien, seien einige französische Journalisten erstaunt gewesen, »dass eine Marokkanerin so ein Buch schreiben konnte«; »so ein Buch«, das bedeutet: »ein schonungsloses Buch über eine Frau, die süchtig nach Sex ist«. Mit dieser Beobachtung beginnt Slimani ihren 2018 auf Deutsch veröffentlichten Band »Sex und Lügen. Gespräche mit Frauen aus der islamischen Welt«. Slimani gibt darin selbst das Stichwort, ohne das ihr Roman nicht zu verstehen ist: Sucht. Adèle ist eine Gefangene, keine Befreite.
In einer Gesellschaft, in der es keinerlei Freiheit gebe, seine Gefühle auszuleben, werde »Sex unweigerlich zur Obsession«, erklärt Slimani in »Sex und Lügen«.

Es sei kein Zufall, dass gerade sie eine Figur wie Adèle erschaffen habe: »eine frustrierte Frau«, die ein Doppelleben führe, von »ihrer eigenen Unaufrichtigkeit zerfressen werde«, Verbote umgehe und »keine echte Lust empfinde«. Adèle sei »eine etwas überspannte Metapher für die Sexualität junger Marokkanerinnen«.

Wer Slimanis 2016 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman »Dann schlaf auch du« gelesen hat, weiß, dass man es sich in der literarischen Welt dieser 1981 in Rabat geborenen Schriftstellerin, die heute in Paris lebt, nicht gemütlich machen kann. In einem nüchternen, nahezu kalten Ton beschreibt die Autorin menschliche Abgründe. »Dann schlaf auch du« erzählt die Geschichte eines Pariser Paars und ihrer nur scheinbar perfekten Nanny. Sie ersticht ihre Schützlinge.

Hier Kindermord, dort Sexsucht. Der Schrecken ist schon angelegt in Slimanis ersten Sätzen. Die Romane entfalten dann nur noch die Tragödie. In kurzen Bemerkungen steckt viel Boshaftigkeit. Bei einer Abendeinladung hört Adèle die Gäste lachen über Richards Scherze. »Adèle findet ihn nicht komisch.« Und als ihr Ehemann später einen Motorradunfall hat, versucht sie nicht nur seinen Arzt zu verführen, sondern »versteigt sich sogar zu dem Gedanken, dass es noch besser hätte kommen können. Richard hätte sterben können«.
Das alles ist mitreißend geschrieben. Die Kapitel sind kurz, der Stil eingängig. Gleichwohl betont die Autorin unnötig oft die obsessive Natur von Adèles Verhalten. Vieles wird ausbuchstabiert statt angedeutet.

Wirklich literarisch aufregend wird es erst, als Adèles Mann von ihrem Doppelleben erfährt. Denn hier überrascht Slimani mit einem gekonnten Perspektivwechsel. Richard, der bisher kaum mehr war als ein Statist, bekommt in der Rolle des gehörnten Ehemanns eine Stimme. Mehr noch: Er entwickelt seine eigene Obsession. Nun will er, der Arzt, seine Frau heilen. Gegen Ende nimmt der Roman eine geradezu gespenstische Wendung. Der Leser bleibt – und das beeindruckt – mit einem großen Unbehagen zurück.

All das zu verlieren. Von Leïla Slimani. Luchterhand, München, 2019.
 



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