Editorial

von Jenny Friedrich-Freksa

Das ärmste Land, das reichste Land (Ausgabe III+IV/2018)

-

Vor wenigen Jahrzehnten noch zogen in Katar Beduinen mit ihren Tieren durch die Wüste. Heute ist das Emirat das reichste Land der Welt. Die Menschen leben in Villen und Hochhäusern.In Doha zeigt sich, was man mit viel Geld alles bauen kann: prestigeträchtige Sportstadien, prächtige Museen und Bibliotheken. Seinen Reichtum verdankt Katar riesigen Vorkommen an Erdöl und Erdgas. Der Herrscher des Landes, Scheich Tamim bin Hamad Al Thani, ist klug genug, sein Volk an diesem Vermögen teilhaben zu lassen.

Wer einen katarischen Pass besitzt, dem geht es gut. Doch sind dies nur etwa zwölf Prozent der 2,8 Millionen Menschen, die tatsächlich in Katar leben. Der Rest sind Arbeitsmigranten, die Tätigkeiten verrichten, für die kein Katarer morgens aufstehen würde: Steine schleppen auf Baustellen oder putzen in Privathaushalten, oft schlecht bezahlt und unter menschenunwürdigen Bedingungen. Dieses Heft handelt von Ungleichheit. Anhand des Pro-Kopf-Einkommens misst der Internationale Währungsfonds jährlich den Wohlstand aller Länder weltweit. Am untersten Ende der Skala, auf Platz 187, liegt die Zentralafrikanische Republik (ZAR). Umgerechnet 580 Euro beträgt das durchschnittliche Jahreseinkommen der 4,6 Millionen Einwohner.

Nur 400 Kilometer gepflasterte Straßen gibt es in dem Land, das dreimal so groß ist wie Deutschland. Die ZAR gehört zu jenen Ländern, die die internationale Gemeinschaft für hoffnungslose Fälle hält: Rebellenmilizen kontrollieren das Land, Kindersoldaten kämpfen in Bürgerkriegen, Frieden ist nicht absehbar. Die Menschen sind arm. Und das, obwohl in dieser waldreichen Region im Herzen Afrikas unzählige Schätze verborgen liegen, vor allem Gold und Rohdiamanten. An ihnen verdienen Warlords und korrupte Staatsbeamte; auch Unternehmen aus Frankreich, der einstigen Kolonialmacht, profitieren. Eine autoritär regierte arabische Erbmonarchie und ein afrikanischer Failed State haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam. Wir haben für diese Ausgabe Menschen im ärmsten und und im reichsten Land der Welt gefragt, wie es ihnen geht. Und nach den Gründen geforscht, warum die einen viel zu viel haben und die anderen viel zu wenig.



Ähnliche Artikel

Das ärmste Land, das reichste Land (Thema: Ungleichheit)

„Ich bin Optimist“

ein Interview mit Moussa Abdoulaye

Wie macht man in einem Krisenstaat Politik?­ Moussa Abdoulaye, Sonderberater des ­Präsidenten, erzählt aus seinem ­Arbeitsalltag

mehr


Das neue Italien (Essay)

Wacklige Werte

von Helmut Willke

Ungleichheit und Populismus bedrohen die Demokratien des 21. Jahrhunderts – und mit ihnen bröckeln auch unsere Grundwerte. Allen voran: die Toleranz

mehr


Das ärmste Land, das reichste Land

Ein Land versinkt in Gewalt

eine Fotostrecke von William Daniels

Arm sein trotz Reichtum – in der Zentralafrikanischen Republik ist das seit Jahrzehnten die paradoxe Realität. Wie wurde das Land zum ärmsten der Welt, trotz Rohstoffen wie Gold, Diamanten und Uranium?

mehr


Das ärmste Land, das reichste Land (Thema: Ungleichheit)

Der Alltag in Katar

von Gundula Haage

Anziehen

Männer tragen ein langes weißes Gewand, »Thawb«, und einen weißen Kopfschutz »Ghitra«, der mit »Igal«, einem schwarzen Band, festgehalten wird. Jeder ...

mehr


Das ärmste Land, das reichste Land (Thema: Ungleichheit)

Arm in Katar, reich in der Zentralafrikanischen Republik: Der 350-Euro-Hungerlohn

von Vani Saraswathi

88 Prozent der berufstätigen Menschen in Katar sind Arbeitsmigranten. Bal Krishna Gautham ist einer von ihnen

mehr


Das ärmste Land, das reichste Land (Thema: Ungleichheit)

Wir sind Mütter, wir sind wütend

von Marie-Thérèse Boubande

Wie Frauen sich bei bewaffneten Milizen Respekt verschaffen und sich für Versöhnung einsetzen

mehr