Digitales Neuland

Urs Gasser

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


Die digitale Krise des Urheberrechts begann unspektakulär. Ein Studienanfänger an einer Universität an der Ostküste der USA machte sich im Jahr 1998 auf die Suche nach einer Möglichkeit, die neuesten Hits mit seinen Kumpeln auszutauschen. Von der Uni nicht besonders begeistert, beschloss der damals 19-jährige Hobbyprogrammierer wenige Monate später, sein Studium sausen zu lassen und mithilfe seines Onkels ein Internetunternehmen zu gründen, um sich dieses Problems anzunehmen. Gemeinsam mit einem Freund entwickelte er ein kleines, aber feines Computerprogramm, das in einer Beta-Version am 1. Juni 1999 veröffentlicht wurde und bis heute wichtige Teile der Unterhaltungsindustrie existenziell bedroht. Die erste Musik- beziehungsweise Peer-to-Peer-Tauschbörse mit dem etwas eigenartigen Namen „Napster“ war geboren. Sie legte den Grundstein für eine neue Ära, in der eine Mehrheit junger Menschen Kulturgüter unentgeltlich aus dem Internet bezieht und dabei gegen geltendes Urheberrecht verstößt. Wenige Monate nach der Markteinführung nutzten 30 Millionen Menschen rund um den Globus das neue Portal, um kostenlos Musik zu tauschen – zu Spitzenzeiten 2,8 Milliarden Dateien monatlich. Zeitgleich brachen die Verkäufe von CDs, MCs und LPs drastisch ein, nachdem sie über Jahrzehnte gestiegen waren. Praktisch über Nacht schien die einst mächtige Plattenindustrie die Kontrolle über ihre Produkte und, was noch schwerer wiegt, das zugrunde liegende Geschäftsmodell verloren zu haben. Aus Sicht der Unterhaltungsindustrie gab es keinen Zweifel daran, dass die Musiktauschbörsen für den massiven Umsatzeinbruch verantwortlich waren – was allerdings bis heute stark umstritten ist. Die Reaktion der Urheberrechtsindustrie war entsprechend harsch: Nur wenige Monate nach der Geburt wurde Napster verklagt und nach einem juristischen Hickhack schließlich im Jahr 2001 in die Knie gezwungen.

Damit aber war der Kampf um das Urheberrecht im Internet erst richtig eröffnet. Findige Programmierer entwickelten sofort neue Typen von Peer-to-Peer-Diensten (P2P), die gezielt Schlupflöcher ausnutzten, die das Napster-Urteil offengelassen hatte. Diese neue Generation von Netzwerken zog ebenfalls Millionen von Nutzern an, die weiterhin gratis – und mehrheitlich illegal – Musik austauschten.

Die ungebrochene Popularität illegaler Tauschbörsen verleitete die Unterhaltungsindustrie nach mehreren Klagen gegen P2P-Anbieter zu einer überraschenden Wende: Sie begann, direkt gegen die Nutzer von Tauschbörsen gerichtlich vorzugehen. Allein in den USA wurde gegen 15.000 Personen Klage erhoben – andere Länder folgten. In den meisten Fällen endeten die Klagen mit Strafen zwischen 2.000 und 10.000 Dollar. In einigen Fällen kam es zu Gerichtsurteilen. Vor wenigen Wochen bestätigte eine US-Richterin, dass ein Student 675.000 Dollar Schadensersatz bezahlen muss – für 30 Musikstücke, die er aus dem Internet heruntergeladen hatte.

Inzwischen wurde diese Kampagne eingestellt. Die Industrie hat andere Wege beschritten, um der Piraterie im Internet Herr zu werden. So wurden Tauschbörsen etwa mit unbrauchbaren Dateien verschmutzt, um diese weniger benutzerfreundlich zu machen. Parallel dazu startete die Unterhaltungsindustrie eine groß angelegte Werbekampagne, um diejenigen der „Digital Natives“ – junge Leute, die mit dem Internet aufgewachsen sind –, die sich gratis mit Inhalten aus dem Netz versorgen, abzuschrecken. Auch neue Geschäftsmodelle wurden ausprobiert, wobei der iTunes Store von Apple hier den viel beachteten Startschuss gegeben hat. Keine dieser Strategien brachte den gewünschten Erfolg: Umfragen zufolge erfreut sich das Filesharing auf der ganzen Welt weiterhin großer Beliebtheit. Deshalb hat die Urheberrechtsindustrie in verschiedenen Ländern nach neuen Wegen gesucht, um die Online-Piraterie in den Griff zu bekommen. Dabei besteht der Ansatz nunmehr darin, die Internet Service Provider, die den Zugang zum Internet gewähren, bei der Verfolgung von Piraten in die Pflicht zu nehmen. Die neueste Generation der in vielerlei Hinsicht problematischen Gesetze zur Pirateriebekämpfung zielt darauf ab, den Nutzern von Tauschbörsen nach zwei Verwarnungen im Wiederholungsfalle die Internetverbindung für eine längere Zeit zu kappen.

Wie lässt sich erklären, dass sich so viele, ansonsten durchaus rechtschaffene junge Menschen trotz der Gefahr gerichtlicher Verfolgung so beharrlich auf Urheberrechtsverletzungen im Internet einlassen? Haben sie schlicht den Respekt vor dem Recht – oder vor Kulturschaffenden – verloren? Die Antwort, die der heutige Stand der Forschung liefert, ist vielschichtig. Zunächst zeigen Untersuchungen, dass sich viele Nutzer nach wie vor nicht im Klaren darüber sind, was genau das Urheberrecht erlaubt und was nicht. Ein erheblicher Teil der Nutzer glaubt beispielsweise, dass praktisch alle Formen des privaten und nichtkommerziellen Kopierens erlaubt seien – eine Auffassung, die sich nicht mit dem geltenden Recht deckt.

Andere Studien suchen die Ursache für den zivilen Ungehorsam in starken sozialen Normen, die auf Austausch und Teilen ausgerichtet sind und die rechtlich festgeschriebenen Exklusivrechte gleichsam überschreiben. Umfragen zeigen ferner, dass es junge Nutzer meist legitim und wünschenswert finden, mit ihren Freunden Musik auszutauschen. In der Wahrnehmung vieler Nutzer richtet es keinen Schaden an, zu teilen, was ohnehin im Netz ist. Und was im Netz ist, soll frei zugänglich sein – ganz in der Tradition des Internets, in dem sich bis Mitte der 1990er-Jahre keinerlei Seiten mit kommerziellem Inhalt finden ließen. Einen dritten Erklärungsansatz liefern die Neurowissenschaften, die der unterschiedlichen Behandlung von physischem Eigentum (Beispiel: Fahrrad) und geistigem Eigentum (Beispiel: Musikstück) nachspüren. Dort wird untersucht, welche Prozesse im Gehirn ablaufen, wenn Objekte mit anderen Menschen geteilt oder ausgetauscht werden. Umgekehrt zeigen Berichte aus Schulen, dass Kinder und Jugendliche durchaus einen Sinn für geistiges Eigentum haben, namentlich hinsichtlich ihrer eigenen Kreationen.

Das Internet hat nicht nur die Art und Weise, wie Kulturgüter verbreitet werden, grundlegend verändert. Auch der Zugang zu Information, Wissen und Unterhaltungsangeboten wandelt sich. Die-se Veränderungen bedrohen wiederum bestimmte Geschäftsmodelle. In diesen Bereichen gibt es die hitzigsten Auseinandersetzungen auf dem Parkett des Urheberrechts. Die wohl deutlichste Ausprägung dieser tektonischen Verschiebungen bildet die von der amerikanischen Internetfirma Google lancierte Initiative, Millionen von Büchern zu digitalisieren und den Nutzern mindestens teilweise zur Verfügung zu stellen. Zum heutigen Zeitpunkt hat Google bereits mehr als zehn Millionen Bücher eingescannt. Zieht man von diesen zehn Millionen jene Werke ab, zu deren Digitalisierung die Urheber ihre Zustimmung erteilt haben oder die keinen Schutz mehr genießen, bleiben rund sieben Millionen Bücher, die Google gescannt hat, ohne die Rechteinhaber um Erlaubnis zu bitten. Die Antwort kam prompt: Gegen Ende 2005 verklagten Interessenverbände Google wegen der Herstellung digitaler Kopien urheberrechtlich geschützter Werke und deren Verwendung für kommerzielle Zwecke. Nach rechtlichem Hin und Her einigten sich Kläger und Google schließlich auf einen sehr komplexen Vergleich, der nicht nur eine Zahlung von 125 Millionen Dollar, sondern auch die Errichtung einer Registrierstelle umfasst, welche die aus dem Google-Buchprojekt resultierenden Erträge nach einem bestimmten Schlüssel auf die Rechteinhaber verteilen soll. Im Gegenzug darf Google alle unter den Vergleich fallenden Bücher einscannen, indexieren, kleine Ausschnitte im Rahmen der Suchresultate anzeigen sowie bis zu 33 Prozent jedes Buches in einer Art „Vorschau“-Modus dem Leser zur Verfügung stellen. Die Details des von einem Gericht noch zu genehmigenden Vergleichs sind weiterhin umstritten und haben die amerikanischen Wettbewerbshüter auf den Plan gerufen, welche die wachsende Marktstärke des Unternehmens kritisch verfolgen.

Die Digitalisierung in der Buchbranche illustriert, wie tief die neuen Medien in das Ökosystem der Informationen eingreifen. Im Vordergrund der Diskussion steht im Moment die Frage, ob das E-Book vor dem Durchbruch steht. Treiber der Entwicklung hin zum elektronischen Buch sind dabei stark verbesserte und erschwinglichere Lesegeräte sowie – wesentlich beeinflusst durch das Google-Buchprojekt – eine rasch wachsende Katalogstärke der zum Download verfügbaren Bücher. Dass die Buchindustrie dabei dem früheren Muster der Musikindustrie zu folgen scheint und die Inhalte aus Angst vor Piraterie mittels „digitaler Schlösser“ (sogenanntem Digital Rights Management) zu schützen versucht und dabei den Austausch zwischen Geräten auch für legitime Nutzer erschwert, dürfte ein Übergangsphänomen sein. Bedeutsamer ist, dass sich im Zuge der Digitalisierung voraussichtlich auch die Nutzung von Büchern und letztlich der Charakter des Buchs verändern wird. Erste Versuche mit sogenannten „Advanced Books“, bei denen traditionelle Buchinhalte mit dem Web verknüpft und beispielsweise in soziale Netzwerke eingebunden werden, oder Pilotprogamme zum Einsatz von iPhones als Textbuchersatz in amerikanischen Schulen sind erst die Vorboten.

Es ist kaum vorstellbar, dass die Grunderwartung insbesondere junger Menschen, dass alle Inhalte jederzeit, überall und, wenn möglich, frei online verfügbar sind, vor dem Medium Buch haltmachen wird. Aufgabe der Buchindustrie ist es dabei, die mit diesen Veränderungen verbundenen Chancen gestaltend und vorausschauend zu nutzen. Dass dabei das gedruckte Buch als Kulturgut nicht verschwinden wird, darf mit Seitenblick auf die Geschichte der Medien angenommen werden.

Die bisherigen Ausführungen beziehen sich auf die Veränderungen im Vertrieb und im Zugang zu Kulturgütern wie Musik, Film und Literatur. Ein weiterer wichtiger, bisher allerdings weniger wahrgenommener Paradigmenwechsel, der demselben Muster folgt, bezieht sich auf die Art, wie Kulturgüter im digitalen Zeitalter genutzt werden. Anders als bei früheren elektronischen Medien verschwimmen beim Internet die Grenzen zwischen Rezeption und Kreation. Studien belegen, dass rund zwei Drittel aller jugendlichen Internet-Nutzer Inhalte ins Netz stellen. Die „Power User“ unter den Digital Natives im Alter von Anfang bis Mitte 20 beschäftigen sich gemäß Erhebungen äußerst intensiv mit Blogs, Online-Spielen oder Online-Profilen. Die Formen der digitalen Kreativität sind dabei sehr unterschiedlich und reichen von relativ banalen Inhalten wie beispielsweise der Aktualisierung des Facebook-Status bis hin zu Videoclips mit künstlerischem Gehalt.

Eine der interessantesten und oft anspruchsvollsten Ausdrucksformen der Digital Natives ist die parodistische Bearbeitung von Ton- und Filmmaterial, bekannt unter dem Namen „Mash-Up“. Das erklärt sich am besten anhand eines Beispiels: Damian Randle, von Beruf Finanzberater, gründete mit einem Freund eine Hip-Hop-Gruppe. Die beiden Musikfreunde produzieren ihre Songs zu Hause und verbreiteten sie erfolgreich über das Internet. Angetrieben durch die nur unzureichende Katastrophenhilfe für die Opfer des Wirbelsturms Katrina kreierten die beiden Amateurmusiker einen Song, in dem sie aus einer TV-Rede kritische Wortmeldungen eines bekannten Rappers mit einem seiner Songs und eigenen kritischen Texten zum aktuellen Geschehen zusammenschnitten. Einen Tag später war der Titel bereits 10.000 Mal im Internet heruntergeladen worden, nur wenig später zählte man bereits über eine halbe Mil-lion Downloads. Seither sind verschiedene Videos zu diesem Musikstück entstanden, die im Netz große Beachtung gefunden haben.

Eine andere beliebte kulturelle Ausdrucksform der im Sternzeichen Internet geborenen Generation bildet die sogenannte „Fan Fiction“. Hier werden Charaktere aus TV-Sendungen, Filmen, Büchern oder Comics verwendet und neue Handlungen, Schauplätze und Szenen erfunden. Eine der beliebtesten Figuren für Fan Fiction ist Harry Potter: Auf einer der populärsten Fan-Webseiten finden sich mehr als 60.000 von Nutzern verfasste Geschichten, wobei die Seite über 30 Millionen Mal im Monat aufgerufen wird.

Es ließen sich zahlreiche weitere digitale Genres von Nutzer-generierten Inhalten anführen. Den neuen Ausdrucksformen von Kreativität ist gemeinsam, dass sie durch Manipulation bestehender Kulturgüter entstehen. Durch die kreative Nutzung fremden Materials eröffnet sich wiederum ein Spannungsfeld zwischen neuen Nutzungsgewohnheiten im Netz und den Regeln des traditionellen Urheberrechts. Mehrere Indizien sprechen dafür, dass die nächste Front im Kampf um die Frage der Interpretation und Legitimation des Urheberrechts im digitalen Zeitalter sich auf die kreative Umgestaltung von Songs, Texten, Bildern und anderen Kulturgütern beziehen wird.

Spätestens an diesem Punkt wird deutlich, dass das geltende Urheberrecht in wichtigen Punkten nicht nur mit den auf Austausch und Teilhabe ausgerichteten sozialen Normen des Internets im Spannungsverhältnis steht, sondern mit diesen überhaupt nicht kompatibel ist. Insbesondere vor dem Hintergrund einer Zukunft, in der Nutzer zunehmend interaktiv mit Inhalten umgehen und dadurch Neues schaffen. Die Frage, wie das Rechtssystem auf diesen Konflikt reagieren soll, ist nicht leicht zu beantworten. Vor allem deshalb nicht, weil die traditionellen, stark ökonomisch orientierten Theorien, mit denen die Notwendigkeit des Urheberrechts hergeleitet worden ist, auf die digitalen Netzwerklogiken nicht mehr richtig passen wollen und zumindest in wichtigen Bereichen an Aussagekraft verloren haben.

Letztlich wird die Frage nach der Legitimität und zukünftigen Ausgestaltung des Urheberrechts – und damit die Frage der Allokation der Kontrollrechte über kulturelle Inhalte – deshalb nicht ökonomisch, sondern normativ zu entscheiden und über eine breit gedachte Medienerziehung zu kommunizieren sein. Dabei ist darauf hinzuarbeiten, den in den vergangenen Jahrzehnten – und auch gegenwärtig – immer stärker ausgebauten Urheberrechtsschutz nicht abzuschaffen, sondern zu flexibilisieren. Die digitalen Technologien ermöglichen es der heranwachsenden Generation von Internet-Nutzern, in historisch einmaliger Weise an der Herstellung des gemeinsam geteilten kulturellen Umfeldes teilzuhaben. Dieses Potenzial einer Gesellschaft der kulturellen Teilhabe verdient nicht nur deshalb eine Abstützung im Rechtssystem, weil diese für einen wesentlichen Teil der kommunikativen Autonomie des Individuums in der digitalen Welt konstitutiv ist. Es gilt sie vor allem auch deshalb abzusichern, weil sie im Sinne der semiotischen Demokratisierung Neues zur Produktion jener Symbole beizutragen vermag, die Kultur überhaupt erst definieren. 
 
 
 
 
 
 



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