Ghost Town

Claudia Kotte

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


Wer in Schanghai einen Hauch von England spüren möchte, braucht sich nicht extra ins Flugzeug zu setzen. Tudorvillen, Häuser wie das am Eaton Place, Fish-and-Chips-Shops und Teehäuser liegen gleich vor der Haustür im neu erbauten Vorort Thames Town. Neun Satellitenstädte nach dem Vorbild westlicher Städte sollten nach dem Willen der Stadtregierung die rasant wachsende 20-Millionen-Metropole Schanghai entzerren und den Zustrom von Menschen aus dem Stadtzentrum abfangen. Fremde Architektur galt dabei als identitätsstiftend und vermarktungsfähig. Der neuen chinesischen Oberschicht versprach man einen internationalen Lebens- und Wohnstil in einem modernen urbanen Vorort. 


Wo ehemals Ackerland war, entstand so in drei Jahren ein Klein-Großbritannien – eine britische Kleinstadt mit Supermarkt, Kirche, Fitnesscenter, Hotels, Kino und Kindergarten, die 10.000 Einwohnern Platz bieten sollte. Die Gesamtkosten betrugen etwa 500 Millionen Euro. Eröffnet wurde Thames Town im Oktober 2006. Es versammelt auf kleinstem Raum fünf Jahrhunderte britischer Architekturgeschichte. Die Stadtvilla aus Kensington liegt nur wenige Schritte vom Fachwerkhaus aus Yorkshire entfernt. Einige Gebäude wurden angeblich nach der Fertigstellung wieder abgerissen und neu errichtet, weil sie beim ersten Mal nicht authentisch genug aussahen. Die chinesischen Bauarbeiter sollen einem Bericht der Washington Post zufolge dreimal nach Großbritannien gereist sein, um britische Handwerkstradition zu erlernen.


2004 galt das Projekt noch als Immobilie mit dem höchsten Investmentpotenzial in Schanghai. Diese Blase dürfte inzwischen geplatzt sein, denn Thames Town ist heute eine Geisterstadt. Nirgendwo Passanten, Autos, Verkehr. Die Oxford Street hat außer dem Namen nichts mit der quirligen Londoner Einkaufsstraße gemein. Im Rock Point Inn wurde schon vor Jahren das letzte Ale ausgeschenkt. In den Schaufensterauslagen des Plattenladens Eire Music herrscht gähnende Leere. Weder Fish-and-Chips noch Tee kann man hier wirklich genießen. Auch das Büro des Projektentwicklers und Immobilienverkäufers Henghe Real Estate in Thames Town ist leer und verriegelt, die Firma weder per E-Mail noch per Telefon zu erreichen. Am lebendigsten in Schanghais Merry Old England wirken noch die steinernen Statuen von Winston Churchill, Florence Nightingale und Harry Potter! 


An einem Ort aber boomt das Städtchen: vor der neugotischen Kathedrale. Hier stehen die Brautpaare Schlange, um mit professionellem Fotografen und Schleierträgern vor dem Portal Aufnahmen zu machen. Ob sie die Kirche mit ihren grellen Glasfenstern, die zweifellos aus dem 21. Jahrhundert stammen, jemals von innen gesehen haben, möchte man bezweifeln. Sie ist wie der Rest der Stadt nicht in Betrieb. Nur am Wochenende kommen Tagesausflügler zu Fotoshootings und Kunstinteressierte, die die Fassaden abmalen.


„Die Engländer sind Gentlemen“, sagen zwei junge Angestellte Anfang 20, die einen Sonntagsausflug nach Thames Town unternommen haben und erklären sollen, warum das Englische sie reizt. „Die Landschaft hier ist sehr schön, wie in England, auch wenn dort das Wetter eher trüb ist.“ „Der Stil der Bauten passt zu einer Hochzeit“, findet eine junge Braut und eine Gruppe junger Leute spaziert durch Thames Town’s Straßen wie durch ein Museumsdorf. „So etwas gibt es bei uns sonst nicht. Hier sind weniger Menschen. Es ist sehr ruhig und die Häuser wurden von englischen Architekten entworfen.“


Die englischen Architekten ausgerechnet scheinen mit ihrem Projekt nicht mehr so zufrieden zu sein, denn auf der Website des international tätigen, börsennotierten Architektenbüros Atkins, das für Authentizität im Design zuständig war, taucht Thames Town nirgendwo auf. Auch auf Anfrage verweigert das Büro sämtliche Auskünfte. 


Dabei ist die Leere von Thames Town kein Einzelfall. Auch die übrigen neuen westlichen Kleinstädte sind – obwohl eine wohltuende ökologische und optische Abwechslung zu den monotonen Wohnblöcken der Metropole Schanghai – Geisterstädte. Ganz so problemlos scheint sich die europäische Stadt doch nicht internationalisieren zu lassen.



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