Das Hyperhormon

Brian B. Hoffman

Rausch (Ausgabe I/2017)


„Ein Adrenalinkick“ – der Begriff weckt Assoziationen mit Aufregung und Nervenkitzel. Viele Menschen glauben, dass das Hormon Adrenalin ungeahnte Energie freisetzen und angenehme Gefühle verstärken kann. Im „Adrenalinrausch“ soll man übermenschliche Kräfte haben, Autos von verletzten Kindern herunterheben oder mit wilden Tieren kämpfen können.

In der öffentlichen Wahrnehmung wird Adrenalin oft mit Extremsportarten wie dem Klettern ohne Seil an steilen Felswänden oder dem Skifahren im Tiefschnee in lawinengefährdeten Gebieten in Verbindung gebracht. Manchen Menschen macht es einfach Freude, einer riskanten Arbeit nachzugehen. Der australische Abenteurer und Dokumentarfilmer Steve Irwin, genannt „der Krokodiljäger“, der 2006 bei Unterwasseraufnahmen am Great Barrier Reef durch den Stich eines Stachelrochens ins Herz starb, erklärte es so: „Dauernd nennt mich irgendwer einen ‚Adrenalinjunkie‘… Aber wisst ihr was? Ich mache heute nichts anderes als das, was ich schon als kleiner Junge gemacht habe. Mein Vater ist schuld dran, er hat damit angefangen. Er hat mich zu dem gemacht, was ich bin … Abenteurer, Adrenalinjunkie? Damit habe ich kein Problem.“

Der erste Bericht über Adrenalin erschien 1903 in der New York Times. In dem Artikel wurde berichtet, dass ein berühmter Chirurg das Herz eines toten Hundes mit Adrenalin wieder zum Schlagen gebracht hatte. Es folgten unzählige Berichte in der Boulevardpresse über die angebliche Fähigkeit von Adrenalin, Tote zum Leben zu erwecken. In den 1930er-Jahren schlugen die Berichte eine andere Richtung ein. Sie betonten nun seine energiespendende Wirkung. Mit einem „Schuss Adrenalin“ war fast alles möglich. Heute beschreiben viele Medien vornehmlich die wichtige Rolle, die Adrenalin für Menschen spielt, die Abenteuer und Nervenkitzel nachjagen.

Der Einfluss von Adrenalin auf die körperliche Kraft ist ausgiebig erforscht. Vor hundert Jahren gelang dem US-amerikanischen Physiologen Walter Cannon an der Universität Harvard der Nachweis, dass Adrenalin in Notfallsituationen einen Überlebensvorteil bietet. Bedrohliche Lagen, in denen nur die Wahl zwischen Kampf und Flucht blieb, gehörten zum Alltag unserer prähistorischen Vorfahren, und Adrenalin war die evolutionäre Antwort darauf. Es half ihnen dabei, in einer feindlichen Umgebung zu überleben. Adrenalin regelt wichtige physiologische Vorgänge im Herzen, in den Blutgefäßen, den Muskeln und anderen Organen, damit man optimal auf Gefahren reagieren kann, die einen starken Körpereinsatz erfordern.

Adrenalin kann also in der Tat die maximalen physischen Fähigkeiten eines Menschen steigern. Allerdings sind die Effekte, die man in Laborversuchen messen konnte, begrenzt. Einer untrainierten Person würden sie nicht die Kraft geben, ein enormes Gewicht zu heben oder einem wütenden Stier davonzulaufen. Arzneistoffe, die die Wirkung von Adrenalin teilweise blockieren (zum Beispiel Betablocker wie Propranolol), mindern die maximale körperliche Belastbarkeit, vor allem indem sie die Pumpkapazität des Herzens sowie die Stoffwechselreaktionen, die für die Energieversorgung der Muskeln wichtig sind, einschränken.

Zusätzlich zu dem Effekt des Adrenalins nach einem plötzlichen Schub können mit dem Adrenalin verwandte Arzneistoffe wie Clenbuterol im Verlauf von Wochen oder Monaten die Größe der Muskulatur und die Muskelkraft steigern. Diese Substanzen fördern den Aufbau von Eiweißen. Clenbuterol wurde  beispielsweise dazu angewandt, das Muskelwachstum von Rindern zu steigern. Sportler haben Clenbuterol schon missbräuchlich genutzt, um ihre Leistungsfähigkeit zu verbessern, und dieser Arzneimitteltyp ist bei den Olympischen Spielen und anderen großen Sportereignissen verboten.

Zehn Jahre vor der Entdeckung des Adrenalins stellte der US-amerikanische Augenarzt William James 1884 die These auf, dass physiologische Veränderungen im Körper Emotionen erzeugen. Er behauptete, dass Bedrohungen körperliche Reaktionen hervorrufen und dass diese Reaktionen an Gefühlszustände erinnern. James nahm an, dass diese emotionalen Zustände im Gehirn ursprünglich nicht physiologische Reaktionen im Körper auslösten, sondern dass die Gefühle im Gehirn ein Resultat der Veränderungen im Körper waren.

Begriffe wie „Adrenalinrausch“ suggerieren, dass Adrenalin Hochgefühle erzeugt, und enthalten die unterschwellige Annahme, dass Adrenalin im Blut direkt Emotionen verstärken kann, in Übereinstimmung mit James’ These. 1884 gab es so gut wie keine experimentellen Beweise für diese Annahme. Sie war kontraintuitiv, weil viele Wissenschaftler der (korrekten) Auffassung waren, dass das Gehirn die anderen Körperorgane stimuliert und nicht umgekehrt.

Anfang des 20. Jahrhunderts stellte Walter Cannon energisch die Ansicht infrage, dass äußerliche Ereignisse infolge physiologischer Reaktionen im Körper Emotionen hervorrufen. Cannon machte Laborversuche, hauptsächlich an Katzen, und fand heraus, dass weder die Blockade noch die direkte Stimulation des Adrenalinausstoßes irgendeine Auswirkung auf die charakteristischen Gefühlsmuster dieser Tiere hatten.

Diese Ergebnisse legten nahe, dass das Gehirn nicht auf Adrenalin angewiesen ist, um Emotionen auszudrücken. Heute wissen wir, dass emotional anregende Ereignisse sehr schnell die Ausschüttung von Adrenalin aus den Nebennieren auslösen. Cannons starke Kritik gilt jedoch nur eingeschränkt. James ging es um Emotionen, während Cannon sich auf emotional basierte Verhaltensreaktionen bei Tieren konzentrierte. Cannons Forschungsergebnisse sprechen daher nicht gegen die Möglichkeit von Veränderungen emotionaler Empfindungen im Gehirn als Reaktion auf Veränderungen im Körper.

Inzwischen gibt es weitere Anzeichen dafür, dass Adrenalin nicht zu einer gesteigerten Neigung führt, gezielt mit Adrenalin verbundene Erfahrungen zu suchen. Wenn man Versuchspersonen Adrenalin verabreicht, führt dies zu Veränderungen der Herzfrequenz, aber nicht zu dramatischen emotionalen Reaktionen. Ein paar Probanden berichten von verwässerten Emotionen, beispielsweise einem Gefühl, „als ob“ sie Angst hätten. Nur in seltenen Fällen beschreiben die Freiwilligen schwache, scheinbar authentische Gefühlsregungen. Mit anderen Worten: Im großen Ganzen bestätigen die Ergebnisse dieser Studien nicht, dass das Adrenalin selbst zu heftigen emotionalen Reaktionen führt. Außerdem ist es unwahrscheinlich, dass das von den Nebennieren freigesetzte Adrenalin emotionale Reaktionen im Gehirn auslöst, weil das Adrenalin nicht die Blut-Hirn-Schranke passieren kann, die das Gehirn vor vielen im Blut enthaltenen Stoffen schützt.

Die Erregung, wie sie beispielsweise durch den Sprung von einer Klippe ausgelöst wird, stimuliert also Hirnregionen dazu, Signale auszusenden, die schnell dazu führen, dass die Nebennieren die Adrenalinausschüttung in das Blut erhöhen. Das Adrenalin selbst durchdringt nicht die Blut-Hirn-Schranke, die das Gehirn von vielen im Blut enthaltenen Substanzen abschirmt. Dennoch können wir nicht ausschließen, dass andere Signale, die den Zustand des Körpers betreffen, auf dem Weg über die Nervenbahnen oder die Blut-Hirn-Schranke das Gehirn erreichen. Endgültig festzustellen, in welchem Maße mögliche Rückkopplungsmechanismen des Körpers tatsächlich Gefühlszustände bei Menschen beeinflussen, erfordert zusätzliche Forschung. Allerdings erscheint es unwahrscheinlich, dass Adrenalin bei dieser potenziellen Rückkopplung eine Rolle spielt. Dennoch sollten Adrenalinjunkies nicht den Kopf hängen lassen, auch wenn der „Adrenalinrausch“ wahrscheinlich nicht für die Intensivierung ihres Vergnügens verantwortlich ist.

Aus dem Englischen von Caroline Härdter



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