Auf der Matte gelernt

von Laura Geyer

Ich und alle anderen (Ausgabe IV/2016)


Kinder in weißen und blauen Kimonos wuseln­ über den weichen Boden. Zwei Mädchen rennen Arm im Arm zum Rand der Matte, sie verbeugen sich, bevor sie in ihre Flip-Flops schlüpfen. Das ist der Alltag im Sportzentrum von Rocinha in Rio de Janeiro, einem Stadtviertel, das nicht nur als größte Favela Brasiliens, sondern ganz Südamerikas gilt. Von den Hallen aus sieht man Hügel, die zugepflastert sind mit Tausenden Häuschen in Ziegelsteinrot, unterbrochen von grün, blau oder gelb gestrichenen Fassaden.

Doch es ist kein gewöhnliches Sportzentrum, das hier steht, und es ist nicht zufällig an diesem Ort. Geleitet wird es vom Instituto Reação, einer NGO, die Kindern aus den Armenvierteln Rio de Janeiros dabei helfen will, ihr Leben zu verändern. Und zwar mit einer Kombination aus Judo und Bildung. „Wir geben den Leuten eine Angel, damit sie fischen können“, sagt Geraldo Bernardes. Der 73-Jährige, der lange die brasilianische Judo-Nationalmannschaft trainierte, hat das Institut 2003 zusammen mit dem Ex-Olympioniken Flávio Canto gegründet.

Heute hat das Instituto Reação fünf Standorte, an denen 1.200 Kinder und Jugendliche ab vier Jahren unterrichtet werden. Fátima Junde koordiniert das Bildungsprogramm, das seinen Schwerpunkt beim Standort Rocinha hat. Ziel ist es, die Kinder ganzheitlich auszubilden, also sowohl ihre Sozialkompetenzen und ihre kognitiven Fähigkeiten zu fördern. Auf dem Tatami lehren die Trainer immer auch die grundlegenden Werte des Judo: Solidarität, Respekt, Disziplin, Bescheidenheit, Entschlossenheit. „Judo ist viel mehr als ein Kampfsport“, sagt die 52-Jährige. „Es ist eine Lebensphilosophie.“ Nach einer Stunde Training kommen die Schüler hoch in die Klassen, essen und meditieren. Dann arbeiten sie gemeinsam an einem interdisziplinären Projekt. Zuletzt waren das die Paralympischen Spiele. Dabei haben sie nicht nur deren Geschichte gelernt, sondern auch viel über Barrierefreiheit, Inklusion und Vielfalt: „Sie haben verstanden, dass manche Menschen anders sind als sie selbst, aber deswegen weder schlechter noch besser“, sagt Junde.

Zu jedem Semesterprojekt gehört eine Feldstudie, bei der die Schüler das, was sie gelernt haben, im echten Leben anschauen. In diesem Fall reichte ein Spaziergang rund um den Sportkomplex. Was die Kinder dort entdeckten, zeigen zehn Plakate, die vor Jundes Büro an der Wand hängen: Löcher im Bordstein, fehlende Rampen für Rollstuhlfahrer, sogar den kaputten Aufzug im Institut. „Sie sollen einen kritischen Sinn entwickeln“, sagt Junde. Die Bildung geht hier weit über Inhalte hinaus. Das fängt schon damit an, dass die Kinder in der Schule keinen Müll auf den Boden werfen dürfen – eine schlechte Angewohnheit vieler Menschen in diesem Land. Auch Gemeinschaftssinn müssen sie hier lernen. Brasilianer haben zwar eine sehr herzliche, aber auch eine sehr egoistische Kultur. „Hier schaut jeder zuerst auf sich“, sagt Junde. Als einmal ein Rucksack aus der Klasse verschwand, hat sie einen Ausflug für die ganze Gruppe gestrichen. Das gemeinsame Arbeiten, das in jedem Semester mit einem Abschlussprojekt endet, trägt zu diesem Gruppengefühl bei. Für das Paralympics-Thema druckte die Lehrerin die Handyfotos der Schüler von ihren Entdeckungen rund um den Sportkomplex aus. Die Kinder klebten sie auf bunte Pappen und beschrifteten sie: „Wo ist die Rampe?“ oder „Gefahr in Sicht“. Dabei üben sie nebenbei auch noch schreiben.

Das öffentliche Schulsystem in Brasilien ist schlecht. „Ich habe hier 18-Jährige, die nicht richtig lesen und schreiben können“, sagt Junde. Deswegen gehört zum Instituto Reação auch ein Stipendienprogramm. Kinder, die durch gute Noten auffallen, bekommen die Chance, eine Privatschule zu besuchen. Einige Plätze stellen die Schulen kostenlos zur Verfügung, andere zahlt das Institut mithilfe von Paten. Auch mit Universitäten gibt es Partnerschaften. „Einer unserer Schüler aus der Rocinha, João Luiz, wollte Putzmann werden, wie seine Mutter. Jetzt macht er einen Abschluss in Jura“, erzählt Junde stolz.

Spätestens seit Rafaela Silva, die Judo im Instituto Reação lernte, bei der Olympiade in Rio die erste Goldmedaille für ihr Land holte, ist der Erfolg des Instituts auch öffentlich wahrnehmbar. Das ist gut für alle, denn die NGO lebt von Spenden und Sponsoren und kann nur so ihre Ziele verfolgen. „Menschen tendieren dazu, zu wiederholen, was ihnen vorgelebt wird“, sagt Junde. „Wir wollen dafür sorgen, dass sie größer denken.“ So wie der elfjährige Matheus: „Rafaela Silva kommt von der gleichen Matte wie wir, sie hat die gleichen Trainer“, sagt er. Seit vier Jahren ist Matheus jeden Tag in der Judoschule. „Wenn sie es geschafft hat, können wir alle es schaffen“, sagt er.
 



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