„Renzi hat den Stillstand überwunden“

ein Interview mit Dacia Maraini

Das neue Italien (Ausgabe III/2016)


Die italienische Regierung hat 2015 eine neue Reformphase eingeleitet, die Italien Stabilität und innovative Kraft geben könnte. Von der Senats- bis zur Arbeitsreform, von der Schulreform bis zur Reform des öffentlichen Dienstes – wie beurteilen Sie die politische Lage Italiens heute?
Italien war in der Tat reformunfähig und Renzi hat den Stillstand überwunden. Ich glaube, dass seine Regierung das Land wirklich reformieren möchte, aber sie hat mit enormen Schwierigkeiten zu kämpfen: Vor allem gibt es zu viele Machtzentren – private wie öffentliche – , die sich nicht ändern möchten. Dabei handelt es sich um Teile der Gesellschaft, die von der Korruption profitieren, teilweise sind sie in die organisierte Kriminalität verwickelt. Das sind viele kleine Vetomächte, die sich in allen privaten und öffentlichen Institutionen einnisten. Zusammen blockieren sie jede Erneuerung und Reinigung des Systems. Das können ganz einfache Leute sein, die ihre kleinen Privilegien wahren wollen.

Was ist das Erbe von zwanzig Jahren Berlusconi?
Es ist katastrophal: Er besaß drei private Fernsehanstalten und kontrollierte drei öffentlich-rechtliche Fernsehsender. Er hat dazu beigetragen, Zynismus und Vulgarität zu verbreiten, die Vorstellung, dass sich alles kaufen und verkaufen lässt, dass im Leben nur Erfolg und Reichtum – wie auch immer man sie erreicht – wichtig sind. Er hat die Kultur des Konsumismus salonfähig gemacht, eine Kultur, die uns in gute Verbraucher statt in gute Bürger verwandelt.

Renzi wird vorgeworfen, er wolle das Werk Berlusconis vollenden. Er wird verdächtigt, dass er eine autoritäre und präsidentielle Wende der Regierung vollziehen möchte. Ist dieser Verdacht Ihrer Meinung nach gerechtfertigt?
Ich bin überhaupt nicht dieser Meinung! Jeder Premier, vor allem wenn er handelt und die Initiative ergreift, wird irgendwann beschuldigt, autoritär sein zu wollen. Aber ein Premier muss Entscheidungen treffen und handeln können. Dazu muss es unabhängige Institutionen geben wie die Justizbehörde, die Presse und die Fernsehanstalten, die frei darin sein müssen, Kritik zu üben und Dissens zu äußern. Heute sind aber praktisch alle italienischen Medien gegen die Regierung. Sie wird kritisiert, lächerlich gemacht, unerbittlich angegriffen, sowohl von rechts als auch von links. Ein echter Autoritarismus ist jener von Putin. Er lässt die Zeitungen schließen, verpasst der Opposition einen Maulkorb, kontrolliert die Armee und die Geheimdienste, die keine Skrupel haben, einen politischen Gegner oder einfach einen Journalisten, der die Wahrheit schreibt, zu vergiften oder mit einer Pistole hinzurichten. Auch Berlusconi hat Gesetze zu seinen Gunsten erlassen. Das ist bei Renzi nicht der Fall. Aber er macht natürlich auch Fehler.

Welche?
Er ist überheblich, unbekümmert und setzt sich nicht mit seinen Kritikern auseinander. Manchmal geht er zu schnell voran und hört den Bürgern nicht zu oder vermittelt den Eindruck, dass er seine Parteikollegen verachtet. Kurz gesagt: Renzi fehlt die Bescheidenheit und die Aufmerksamkeit gegenüber den anderen, ihm fehlt das Gefühl für Diplomatie und Geduld, und manchmal, aufgrund seines Charakters, gibt er sich allzu übermütig, aber ich sehe keine Gemeinsamkeit mit Berlusconi. Man sagt, dass er den Rechten angehöre, doch die radikale Linke ist für die Menschen auch keine Alternative. Die linke Opposition zum Beispiel kritisiert alles und jeden, ohne aber positive Vorschläge zu machen. Man muss sich also mit den politischen Kräften des Landes abfinden, die Reformen vorantreiben möchten. Keine Partei kann das allein machen. Das Land ist insgesamt konservativ, unduldsam gegenüber jedem Gesetz, gewöhnt an Willkür und sozialen Egoismus. Ich sehe keine Alternative zu dieser Regierung, wenn man den schlimmsten Populismus und Neofaschismus verhindern will.

Jeden Tag entzünden sich in Italien Debatten über praktisch alle Aspekte des sozialen und politischen Lebens. Was sind die dringendsten und grundlegenden Fragen, vor denen Italien steht?
Den Italienern fehlt das Gefühl der nationalen Verbundenheit. Wir sind ein anarchisches und individualistisches Land, das zu viel Zeit mit persönlichen Konflikten um die Zugehörigkeit verliert. Wir müssen unseren Nationalstolz wiederfinden, den gemeinsamen Wunsch, Projekte zu machen. Wir sollten Übereinstimmungen finden, statt unsere Energien mit nutzlosen und vernichtenden Streitereien zu verschwenden. Wir müssen unsere Liebe zu Italien wiederentdecken. Das Land hat viele Qualitäten und kreative Kräfte und eine wunderschöne Landschaft. Italien könnte von seinen unzähligen Schätzen, seiner Sachkompetenz, den Städten der Kunst, der Architektur, den Künsten leben. Es bräuchte keine internationalen finanziellen Ambitionen und könnte die diversen Mafien verhungern lassen, fände es den Stolz auf seine Identität und sein nationales Gedächtnis wieder.

Werden Renzis Reformen dem Land neuen Schwung geben?
Den Reformen von Renzi fehlt es oft an Klarheit und Vollständigkeit. Die Menschen hier sind es aber gewohnt, sich oft irgendwie durchzumogeln, an Geld zu kommen, das sie gar nicht verdient haben, zum Beispiel. Dem Land fällt es schwer, an eine transparente und ernsthafte Demokratie zu glauben.

Sie sprechen oft von der Dichotomie zwischen dem italienischen Staat und seinen Bürgern. Wie wirkt sie sich auf den Zusammenhalt und die nationale Identität der Bürger aus?
Italien bildete zuerst einen linguistischen Staat und wurde später zu einem geografischen. Wir waren in mehrere Kleinstaaten zersplittert, die oft Krieg gegeneinander führten. Es gab die katholische Kirche, die sich gegen die Einheit des Landes stellte und sich immer stets gegen ein laizistisches und demokratisches Modell gewehrt hat. All das hat eine Abneigung gegen den Staat verursacht, der stets als Feind und niemals als Verbündeter betrachtet wurde.

In Ihren Büchern spielen Frauen eine zentrale Rolle. Diese Figuren sind komplex und entschlossen. Sie befinden sich aber auch im Konflikt mit einer Gesellschaft, in der die Frau dem Mann untergeordnet ist. Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Lage der Frauen in Italien?
Nach der großen feministischen Bewegung der 1968er-Jahre ist in Italien vieles anders geworden. Bis 1974 durfte sich eine Frau in Italien nicht scheiden lassen. Die schlimmsten Gesetze aber, die auf dem patriarchalischen Prinzip gegründet waren, wurden umgestoßen, neue wurden verabschiedet: das Familienrecht, das Scheidungs- und Abtreibungsgesetz, gleiche Entlohnung, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Aufgrund dieser Veränderungen kann man sagen, dass die Gleichstellung, zumindest auf der rechtlichen Ebene, erreicht wurde. Das Problem besteht aber darin, dass die Mentalität, die tief verwurzelten Gewohnheiten, die starke Bindung an Privilegien, die man für ewig gültig hält, sich nicht so leicht ändern lassen. Noch heute gibt es viele Italiener, die die Gleichstellung nicht akzeptieren, und sie versuchen die Frauen in Verruf zu bringen. Sie bedienen sich eines konservativen Bildes der Rollen- und Aufgabenverteilung, um die Frauen im Zustand der Knechtschaft und Unterwerfung zu halten. 

Kürzlich sagten Sie: „Heute leben wir in einer Kultur, in der alles als Ware betrachtet wird, einschließlich des Menschen. Die Lösung, um aus dieser Kultur des Marktes herauszutreten, ist, einen neuen Humanismus wiederzubeleben, um dem Menschen den Wert zurückzugeben.“ Was verstehen Sie unter „neuem Humanismus“?
Man sollte sich gegen die Gewalt, die sich gegen die Schwächsten richtet, wehren. Ich meine Kinder, Frauen, alte, arme und einsame Menschen. Man sollte standhalten und die in der Marktsprache so präsente
Kommerzialisierung des Körpers zurückweisen. Und man sollte schon in der Grundschule damit beginnen, den Respekt vor den anderen zu lehren. Man sollte öffentlich über die Bedeutung von „Besitz“ nachdenken und die Ansicht verwerfen, dass man einen Menschen besitzen könne. Man kann einen Gegenstand, ein Auto, ein Juwel, ein Bankkonto besitzen, aber man  kann aus gar keinem Grund einen Menschen besitzen. Jeglicher Besitz eines menschlichen Körpers ist Sklaverei, auch wenn man vorgibt, es „aus Liebe“ zu tun. Die Aussage „Ich liebe dich, und deshalb gehörst du mir“ ist Willkür. Berlusconi hat sehr zu dieser Haltung beigetragen, dass man Menschen wie Objekte besitzen, ausnutzen und wegwerfen könne. Es ist wichtig in den Schulen zu lehren, dass man die Freiheit der anderen Menschen respektieren muss, selbst wenn es uns schmerzt.

Das Interview führte Agnese Franceschini

Dacia Maraini, geboren 1936 in Fiesole bei Florenz, ist Schriftstellerin und Dramaturgin. Sie verbrachte ihre Kindheit in Japan. Im Alter von 18 Jahren zog sie nach Rom und feierte 1962 ihren ersten Erfolg mit dem Buch „La Vacanza“. 1973 gründete sie das Teatro della Maddalena, das von Frauen geleitet wird und in dem Frauen Regie führen. Seit 2006 gibt sie die Literaturzeitschrift Nuovi Argomenti heraus. Maraini lebt in Rom.

Veröffentlichungen von Dacia Maraini:

Geraubte Liebe. Geschichten
(Edition Nautilus, Hamburg, 2015).

Der Zug in die jüngste Nacht
(Piper, München, 2010).

Gefrorene Träume
(Piper, München, 2006).

Ein Schiff nach
Kobe. Das japanische
Tagebuch meiner Mutter
(Piper, München, 2003).



Ähnliche Artikel

Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Thema: Türkei)

Land der Gründer

von Mehmet Rauf Ates

Wie die Türkei ihre chronischen Wirtschaftsprobleme zu überwinden versucht

mehr


Das neue Italien (Thema: Italien )

Die Pflegefamilie

von Bruno Franceschini

Statt von ihren Töchtern und Söhnen werden in Italien immer mehr alte Menschen von Einwanderern gepflegt

mehr


Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Thema: Türkei)

Back to Bosporus

von Semiran Kaya

Die Deutschtürken erobern Istanbul

mehr


Das neue Italien (Thema: Italien )

Frischer Wind

von Roberto Curti

Neue Filme beleben das verstaubte italienische Kino 

mehr


Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Thema: Türkei)

Was die Türken gerne …

von Kemal Çalik

... sehen, hören und lesen

mehr


Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Thema: Dorf)

Benvenuti, Fremder

von Osman Mohamed

Ein italienisches Dorf macht vor, wie man Flüchtlinge willkommen heißt. Wie es ihm dort geht, erzählt ein Neuankömmling

mehr