Harte Musik und weiche Jungs

von Mark Rimmer

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


Als ich das erste Mal auf „New Monkey“ stieß, war ich im Nordosten Englands unterwegs, um Musik-stile und soziale Gruppierungen zu unter-suchen. In den ländlichen Gemeinden war ich bis dahin auf rosige, wohlbehütete Mittelstandssprösslinge gestoßen, die auf Okarinas, Blechflöten und Djembes Stevie-Wonder-Songs nachspielten. Ich hatte nicht damit gerechnet, in den heruntergekommenen Innenstädten der Region ein ähnliches Szenario vorzufinden.

Dennoch überraschte es mich, in den dortigen Jugendklubs junge Männer zu sehen, die sich zu harter, springender Techno-Musik bewegten. Ein klezmerartiger Rhythmus (man denke: uhmm-pah), der auf treibenden 200 bpm, beats per minute, lag und von maurisch anmutenden Klängen untermalt wurde – das war „New Monkey“: ein Musikstil, der live zudem von Rappern untermalt wurde, deren synkopischer Schnellfeuersprechgesang (bidda-bim, bidda-bim) Partys, Drogen und das Hier-und jetzt-Sein zelebrierte. Dieser ungewöhnliche, testosteronlastige Klangmix wird von allen, außer seinen Anhängern, als heftig und wenig zugänglich empfunden.

Auf meine Frage, wie er zu dieser Musik gekommen sei, antwortete Carl, 15 und angehender „New Monkey“-DJ: „Anfangs habe ich es gehasst. Aber jedes Mal, wenn meine Freunde diese Musik gehört haben, bin ich mehr in den Stil reingekommen. Seitdem ist es mein Stil.“ In dieser Antwort spiegelt sich das Wesen von „New Monkey“ wider, etwas, das man nicht hören kann und das man in besseren Kreisen vor lauter Vorbehalten nicht versteht: Es geht weniger um Wut, Härte oder Aggression als ganz einfach um ein Gruppengefühl. Die jungen Männer hängen zusammen ab, und das aus gutem Grund. Die meisten, mit denen ich in Kontakt stand, hatten Schwierigkeiten in der Schule, viele erzählten Verstörendes aus ihren Elternhäusern. Sie waren übereinstimmend der Meinung, dass Gruppenzugehörigkeit in ihrem Sozialbaughetto (wo es gerade unlängst wieder eine Reihe von Schießereien gegeben hat) notwendig sei.

In der britischen Jugendkulturszene, die insbesondere durch den individualistischen Lifestyle bessergestellter Teenager geprägt ist, fallen die „New Monkey“-Fans durch relative Uniformität und ausgeprägte Solidarität auf. Dies hängt mit dem Stigma ihrer sozialen Herkunft zusammen. Der Makel, „ganz unten“ zu sein, bringt sie in die prekäre Position, verletzlich und Angst einflößend zugleich zu sein. Der typische „New Monkey“-Stil (Trainingsanzug, Turnschuhe und Baseballkappe) hingegen, ebenso wie die auf billige 90-Minuten-Kassetten kopierte Musik, bietet den Jungen eine erschwingliche Möglichkeit, sich positiv wahrzunehmen und trotz aller sozialen Randständigkeit sicher zu verorten. „New Monkey“ ist in dieser Hinsicht nichts Neues.

Seit den 1970er-Jahren verweisen Wissenschaftler darauf, dass Subkulturen (ob Punks, Mods oder Rocker) ihren Mitgliedern psychosoziale Strategien für den Umgang mit gesellschaftlichen Problemen anbieten. Entsprechend sind in den letzten Jahren Sounds und Szenen aus dem Boden der Unterklasse-Wohnsilos geschossen, die „New Monkey“ sehr ähnlich sind. Sie tragen Namen wie „Scouse House“ in Liverpool, „Donk“ in Wigan und andernorts einfach „Bounce“. Dort legen junge Lokalmatadoren ihre im heimischen Schlafzimmer geprobten Sounds auf und meist gleichaltrige, überwiegend weiße Teenager ergehen sich dazu in einem ritualisierten Gruppenrausch (meist zu Ecstasy, LSD und reichlich Steroiden).

In Newcastle klingen hier sehr deutlich Verweise auf die 1950er- und 1960er-Jahre an, als die Stadt und ihr Umland noch sehr stark von Industrie und Arbeiterklasse geprägt waren. Nicht nur, dass die jungen Männer den gleichen zutiefst gemeinschaftlichen, berauschenden und hedonistischen Vergnügungen anhängen, die aus den Workingmen’s Clubs der Arbeiterklasse bekannt sind (jenen Vereinen, die, als Freizeit- und Bildungsheime gegründet, hauptsächlich dem heftigen Alkoholkonsum dienten) - „New Monkey“ steht ebenfalls für traditionelle Werte wie handwerkliches Geschick und harte, ehrliche Arbeit. Paul, 16, beschreibt dies am Beispiel des Plattenauflegens: „Es ist hart … Die Beats müssen sitzen. Du musst das Ganze im Griff haben. Und mach nichts Abgedrehtes mit den Platten.“

Der industrielle Niedergang Newcastles in den 1980er-Jahren und das Abgleiten der gesamten Region in die Arbeitslosigkeit hat umfas-sen-de Veränderungen mit sich gebracht. In gewissem Sinne verweisen viele Aspekte und besonders die Werte innerhalb der „New Monkey“-Szene auf die Region und deren Geschichte, während sie gleichzeitig die Gegenwart dieser Gemeinschaft aufgreifen. In dem eskapistischen, solidarischen und hedonistischen Freizeitverhalten zeigt sich jedoch weitaus mehr. All dies lässt im gleichen Moment vermuten, wie unsicher die jungen Männer im Hinblick auf ihre eigene Zukunft sein müssen.

Aus dem Englischen von Angela Dreßler



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