„Das Denkmal soll Teil unseres Alltags sein“

ein Gespräch mit Michael Arad

Was bleibt? (Ausgabe I/2016)


Kaum ein Ereignis der vergangenen Jahre hat sich so in unser Gedächtnis eingebrannt wie die Anschläge des 11. September. Brauchen wir überhaupt ein Denkmal dafür oder würden wir uns alle auch ohne Denkmal an diesen Tag erinnern?

Die Bedeutung eines Denkmals hängt von der eigenen Erlebnis- und Erfahrungswelt ab. Es ist vor allem für die Menschen da, die das Ereignis selbst miterlebt haben oder davon betroffen waren. Meine Kinder, die erst nach dem Anschlag geboren wurden, oder jüngere Kollegen, die damals in der Grundschule waren, erinnern sich nicht an die Ereignisse. Das Denkmal kann für sie deshalb die Rolle haben, sie an ein Ereignis zu erinnen, das sie selbst nicht miterlebt haben. 

Mit seinen Wasserfällen und Eichen ist der Ort, wo einst die Türme des World Trade Centers standen, ein einladender und schöner Platz. Was inspirierte Sie dazu?

Ich habe 2001 in New York gelebt und die Anschläge selbst miterlebt. Inspiriert hat mich der Hudson River. Ich stellte mir vor, wie seine Wasseroberfläche plötzlich aufreißt und zwei leere Becken freilegt. In diese Becken würde das Flusswasser unaufhörlich fließen, ohne sie je zu füllen. Ich war fasziniert von diesem Bild der Leere und von dem Gefühl, dass nicht einmal die Zeit diese Leere füllen würde. Ich baute ein Modell und hätte es wohl vergessen, wenn nicht ein Jahr später ein Bebauungsplan für das Gelände des World Trade Centers veröffentlicht worden wäre. Nach dem Plan sollte das Denkmal zwanzig Meter unter der Erde liegen. Es wäre also nicht ins Stadtleben integriert gewesen. Nach den Anschlägen waren aber solche öffentlichen Räume Orte, an denen Menschen zusammenkamen und sich gegenseitig ermutigten. Ich reichte mein Konzept mit einem öffentlichen Platz ein und verlegte die angedachten Becken auf das Gelände des World Trade Centers, um die ehemaligen Standorte der Türme zu markieren.

Wie wird an dem Denkmal an die Opfer erinnert?

Die Namen der Verstorbenen wurden in das Denkmal graviert. Wir diskutierten lange, wie wir sie anordnen. Am Ende entschieden wir uns für eine Anordnung, die ich „bedeutungsvolle Nähe“ nenne. Wir verschickten Briefe an die Hinterbliebenen und fragten, neben welchen anderen Opfern der Name des eigenen Angehörigen stehen sollte. Zusätzlich wurden die Namen in neun Gruppen unterteilt. Es gibt die vier Flugzeuge, die beiden Türme, die Opfer im Pentagon, die Opfer der Anschläge von 1993 und die Rettungskräfte. Auf unsere Briefe erhielten wir 1.200 Antworten. Eine davon kam von einer Frau, deren Vater im Flugzeug ums Leben kam. Als es in den Nordturm einschlug, starb ihr bester Freund, der dort arbeitete. Wir konnten seinen Namen neben den Namen ihres Vaters schreiben und das hat für die Hinterbliebenen eine große Bedeutung.

Wie reagieren die Besucher auf das Denkmal?

Ich habe eine bestimmte Bedeutung in das Denkmal hineingelegt, lasse aber jedem die Freiheit, persönlich darauf zu antworten. Ein Tourist reagiert anders als jemand, der hier arbeitet, oder als ein Anwohner. Es gibt das Ritual, die Namen der Verstorbenen mit einer weißen Rose zu kennzeichnen, wenn sie Geburtstag haben. Eine andere Form der Interaktion habe ich auf einem Foto gesehen. Darauf standen Hunderte Polizisten vor dem Denkmal, um eines toten Kollegen zu gedenken. Obwohl dessen Tod nichts mit dem 11. September zu tun hatte, versammelten sie sich an diesem Ort.

Die Kosten für Denkmal und Museum standen mit mehr als 700 Millionen Dollar in der Kritik. Wie teuer darf Erinnerung sein?

Wir geben in den USA zu wenig Geld für öffentliche Räume aus. Aber es fällt mir schwer, das Ganze aus einer finanziellen Perspektive zu betrachten. Es setzt die Bedeutung unserer Arbeit herab. Davon abgesehen gibt es Stimmen, nach denen es 500 Millionen Dollar gekostet hätte, wenn man das Gelände nur aufgefüllt und in eine Grünfläche verwandelt hätte.

Das Denkmal ist vier Jahre alt. Wie sehen Sie es heute?

Auf dem Weg zur Arbeit bin ich heute daran vorbeigegangen. Es gibt Zeiten, in denen wir traurig davor innehalten, und Zeiten, in denen es einfach nur zu einem Stück unseres Weges wird. Das war mir wichtig, dass das Denkmal Teil unseres Alltags wird.

Das Gespräch führte Ruth Beck



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