Wie viele Netze gibt es?

von Jörg Pohle

Ich und die Technik (Ausgabe IV/2015)


Die Frage, wie viele Netze es gibt, ist gar nicht einfach zu beantworten. Das Internet ging ursprünglich aus dem ARPA-Net hervor, einem Netz des US-Verteidigungsministeriums, das Universitäten und Forschungseinrichtungen in den USA verband. In den ersten Jahren des Internets wurden vorwiegend weitere Universitäten in den USA und dann auch in anderen Ländern an das Netzwerk angeschlossen. Anfang der 1990er-Jahre wurde das Internet durch das World Wide Web und seine grafischen Seiten auch in der allgemeinen Öffentlichkeit populär. Nun hatte eigentlich jeder, der über einen Rechner verfügte, die Möglichkeit, sich mit dem Internet zu verbinden. Einzelne Akteure haben immer eigene Netze betrieben, manchmal vollständig getrennt vom Internet, manchmal als Virtuelles Privates Netz (VPN) mit dem Internet verbunden, jedoch abgeschottet und nicht öffentlich zugänglich.

Das hatte zwei Gründe: Innerhalb eines eigenen Netzes lassen sich Daten untereinander teilweise viel schneller, aber vor allem auch viel sicherer als im Internet austauschen. Auch Staaten und kleinere Verwaltungseinheiten wie Bundesländer oder Städte haben ihre eigenen Netzwerke für ihre Verwaltung eingerichtet. In Berlin etwa gibt es ein solches Netz, das Berliner Landesnetz, das 1996 eingeführt wurde und für verschiedene Verwaltungszwecke genutzt wird. Ebenso haben aber auch die Streitkräfte und Nachrichtendienste verschiedener Länder eigene Netze oder große Konzerne, wie die ehemals staatlichen Bahnunternehmen, die früher eigene Telefonnetze betrieben, die parallel zu ihren Strecken verliefen, und die später digitalisiert wurden. Mithilfe dieser Netze organisieren sie eine schnelle Kommunikation, um in Notsituationen direkt handeln zu können. Das Internet ist also ein Verbund vieler Teilnetze, ein „Netz der Netze“ auf Basis gemeinsamer technischer Standards.

Nicht jeder Begriff, in dem „net“ vorkommt, muss ein Netzwerk sein. So gibt es auch Suchmaschinen, wie etwa das Science Net, das Forschern den Zugang zu wissenschaftlichen Arbeiten erleichtert. Das Netz benutzt einen eigenen Index, der nicht wie der Google-Index an der Popularität von Webseiten orientiert ist, sondern nur wissenschaftliche Datenbanken durchsucht.

Das Internet in China wird oft als Intranet bezeichnet, denn von oben betrachtet, also von der Anwendungsebene, für den Endbenutzer, sieht es wie ein eigenständiges Netzwerk aus. Mithilfe der Great Firewall werden bestimmte Webseiten oder Kommunikationsformen aus dem Internetverkehr herausgefiltert. Technisch gesehen arbeitet es mit denselben Protokollen wie alle anderen Teile des Internets und ist daran angeschlossen.

Nicht alles im Internet befindet sich an der sichtbaren Oberfläche des Netzes, im sogenannten Surface Web. Schätzungen von Politik Digital zufolge werden 90 Prozent der Inhalte von Suchmaschinen nicht gefunden. Man bezeichnet diesen Bereich des Internets landläufig als „Deep Web“ oder auch „Dark Web“. Der Begriff stammt aus der Forschung. Microsoft-Mitarbeiter wollten herausfinden, wie groß überhaupt die Abdeckung des Webs durch die Suchmaschinen ist. Das, was die Suchmaschinen nicht finden können, nannten sie Deep Web. Das sind zum Beispiel Datenbanken, die nicht öffentlich zugänglich sind, Webseiten, die explizit versteckt werden, oder Foren, die durch Passwörter geschützt sind und von Google nicht durchsucht werden können. Andere Teile des Internets sind wiederum nur erreichbar, wenn man sich über Tor einwählt.

Tor steht für ein Netzwerk und einen Dienst, der die anonyme Nutzung des Internets ermöglicht. Tor verschleiert, wer mit wem kommuniziert, und man kann es auf zwei Arten nutzen. Man kann innerhalb des Tor-Netzwerkes Websites veröffentlichen, die nur darin existieren und nur dort aufgerufen werden können. Dadurch kann man die Internetzensur umgehen. Mit Tor erreicht man aber auch Seiten, auf denen illegale Dienstleistungen und Waren angeboten werden (Drogen oder Waffen). Für jemanden, der weiß, wie man Zugang dazu bekommt, ist es genauso öffentlich wie das normale Web für den normalen Benutzer.

Das Internet zergliedert sich auch anhand von Sprachgrenzen. Russlands Internet beispielsweise ist zwar das gleiche wie überall sonst, nur ist es ähnlich wie Chinas Internet für Ausländer dadurch abgeschottet, dass es eine andere Sprachversion benutzt, die für Menschen, die die Zeichen nicht lesen können, uninteressant ist. Eventuell können sie die Seiten nicht einmal öffnen,  weil sie die dazugehörige Schrift auf ihrem Rechner nicht in­stalliert haben und sie nur kleine schwarze Kästchen auf ihrem Bildschirm sehen. Das Internet ist also auch kulturell gespalten. Laut W3Techs.com (2015) haben 48 Prozent der Internetseiten englischen Inhalt, 5,9 Prozent russischen, 5,8 deutschen und nur 2,8 Prozent chinesischen Inhalt. Die Teile des Internets, die man nicht lesen kann oder auch gar nicht suchen kann, weil man die Sprache nicht beherrscht, sind dann genauso unzugänglich wie das Deep Web. Aus Sicht eines einzelnen Nutzers könnte man aber sagen, es gibt zwei: das, zu dem er Zugang hat, und das, zu dem er keinen Zugang hat.

Protokolliert von Johannes von Plato



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