Besser spenden

von Peter Singer

Ich und die Technik (Ausgabe IV/2015)


In den letzten zehn Jahren ist eine neue Bewegung entstanden: der effektive Altruismus. In mehreren ihrer Kernpunkte ist sie ein Produkt des digitalen Zeitalters und sie kann uns dabei helfen zu verstehen, wie die neue digitale Welt altruistisches Verhalten fördert.

„Effektiver Altruismus“ – ein Begriff der besonders durch die Gründung der englischen Wohltätigkeitsorganisation „Centre for Effective Altruism“ 2011 geprägt wurde – ist auch eine Philosophie. Sie besteht aus zwei Elementen: Das erste Element ist die Ansicht, dass wir nicht nur auf unser eigenes Wohl bedacht sein sollten, sondern aufgefordert sind, die Welt als Ganze zu verbessern. Anders ausgedrückt: Altruismus sollte ein signifikanter Bestandteil unseres Lebens sein. Wir müssen deshalb nicht alle Heilige werden oder uns ausschließlich der Aufgabe widmen, anderen Gutes zu tun. Effektive Altruisten interessieren sich mehr für das Ergebnis als für die Lauterkeit der Absicht. Mit der Forderung, der Mensch müsse sich jede Form von Wunscherfüllung versagen, gewinnt man kaum Mitstreiter. Deshalb ermutigen effektive Altruisten ihre Mitmenschen lieber dazu, Altruismus in ihrer Lebensplanung mehr Platz einzuräumen, und verzichten darauf, ihnen vorzuwerfen, dass sie ihn nicht zu ihrem einzigen Lebensziel machen.

Das zweite Element ist die Überzeugung, dass die für wohltätige Zwecke aufgewendeten Ressourcen – ob Zeit oder Geld – so eingesetzt werden sollten, dass sie den größtmöglichen Nutzen erzielen. Das klingt nach einer Selbstverständlichkeit. Wenn wir ein Auto oder eine Geschirrspülmaschine kaufen, wollen wir alle für unser Geld einen guten Gegenwert. Niemand will genauso viel bezahlen wie der Nachbar, aber dafür ein schlechteres Produkt bekommen. Im Bereich der Wohltätigkeit jedoch lassen die meisten Menschen diese Regel außer Acht. Vielleicht glauben sie, dass es keine Rolle spielt, was genau sie mit ihren karitativen Spenden erreichen, solange ihre eigenen Motive integer sind. Doch das ist genau die Einstellung, gegen die sich effektive Altruisten wenden. Sie verweisen darauf, wie viel Gutes wir mit relativ bescheidenen Mitteln tun können, und stellen die naheliegende Frage: Wenn wir mehr Gutes tun könnten, wäre das nicht besser, als weniger Gutes zu tun?

Einer der Begründer des effektiven Altruismus ist Toby Ord, Forschungsbeauftragter für Ethik an der Universität Oxford. Als Student stellte er folgende Berechnung an: Wenn er bescheiden lebte und das, was er von seinen Einkünften nicht ausgab, an eine Organisation spendete, die sich in Entwicklungsländern sehr effektiv für die Vorsorge gegen Blindheit einsetzt und Patienten mit grauem Star, die sich keine Operation leisten können, das Augenlicht wiedergibt, könnte er im Laufe seines Lebens dafür sorgen, dass 80.000 Menschen nicht erblinden beziehungsweise wieder sehen könnten. Toby Ord rechnete nicht etwa damit, reich zu werden. Im Gegenteil, er ging vom Durchschnittsgehalt eines Akademikers aus. Als er feststellte, wie viele Menschenleben er positiv verändern könnte, fiel er aus allen Wolken. Er nahm sich vor, sparsam zu leben und den Rest seines Einkommens den effektivsten Wohltätigkeitsorganisationen zu spenden, die sich finden ließen.

Hier kommt das Entscheidende: Wir leben im digitalen Zeitalter. Toby wollte, dass andere erfuhren, wie viel Gutes sie bewirken könnten. Mit Bekannten aus Oxford gründete er 2009 die Organisation „Giving What We Can“. Ohne die Macht des Internets wäre sie vermutlich ein kleiner regionaler Verbund geblieben. Durch Tobys Website jedoch verbreitete sich die Botschaft in Windeseile und wurde von Gleichgesinnten in vielen Ländern aufgegriffen.  Viele Menschen hatten die Erfahrung gemacht, dass man sie für etwas sonderbar hielt, weil sie als einzige Personen in ihrer Umgebung einen beträchtlichen Teil ihres Einkommens an Arme spendeten. Nun stellten sie fest, dass es auf der ganzen Welt Leute wie sie gab, darunter Spitzenkräfte an Universitäten und darüber hinaus. Durch „Giving What We Can“ kamen sie in Kontakt mit Gesinnungsgenossen vor Ort und wurden ermutigt, eigene Gruppen zu gründen und mindestens zehn Prozent ihres Einkommens an effektive Wohltätigkeitsorganisationen zu spenden.

Zur selben Zeit überlegten in den USA zwei junge Hedgefonds-Analysten, welchen Wohltätigkeitsorganisationen sie einen Teil ihres erheblichen Einkommens spenden sollten. Holden Karnofsky und Elie Hassenfeld waren es gewohnt, Investitionen auf Basis harter Fakten zu tätigen, aber als sie sich an karitative Organisationen wandten, stellten sie fest, dass man ihnen lediglich Hochglanzbroschüren mit Fotos von lächelnden Kindern und positiven Fallbeispielen präsentierte. Selbst wenn Karnofsky und Hassenfeld erklärten, dass sie eine große Summe spenden wollten, konnten die Organisationen nicht die gewünschte Art von Informationen liefern.

Deshalb kündigten die beiden Analysten ihre lukrativen Jobs und gründeten „Give Well“, die erste Organisation, die die Durchschlagskraft von Wohlfahrtsorganisationen systematisch analysiert. Auch hier half das Internet maßgeblich bei der Recherche und Informationsverbreitung. Die Website von „Give Well“ ermöglicht Nutzern auf der ganzen Welt, die effektivsten Wohltätigkeitsorganisationen zu finden und sich an der fortlaufenden Diskussion über die Bewertungskriterien zu beteiligen.

Effektive Altruisten sind Kosmopoliten. Sie sind bestrebt, alles zu tun, um der ganzen Welt eine bessere Zukunft zu ermöglichen, nicht nur ihrer Stadt oder ihrem Land. Ihrer durchaus überzeugenden Ansicht nach ist das Kosten-Nutzen-Verhältnis ein besseres, wenn man den Armen in Entwicklungsländern hilft und nicht in Ländern, in denen Armut eher relativ als absolut ist. Im digitalen Zeitalter ist es nur natürlich, dass sich der effektive Altruismus von einer sozialen Bewegung zu einer globalen Online-Community entwickelt hat. Auf der ganzen Welt lesen und schreiben effektive Altruisten Blogs, diskutieren in Foren, belegen kostenlose Online-Kurse und sehen sich Videos an. Sie diskutieren über dieselben Wohltätigkeitsorganisationen oder zumindest über dieselben Strategien, wie man am sinnvollsten agiert – zum Beispiel über den Sinn und Zweck der Verteilung von Moskitonetzen an Kinder in Malariagebieten oder die Option, einigen sehr armen Menschen mit Bargeld zu helfen.

Die Verbreitung des effektiven Altruismus mit digitalen Mitteln ist allerdings nur ein Anfang. Das digitale Zeitalter kann mehr für altruistisches Verhalten tun. Das Internet bietet die Chance, Menschen in Entwicklungsländern eine Stimme zu geben. Schon jetzt gibt es Webseiten, auf denen Menschen in Not um Kredite für bestimmte Projekte oder medizinische Behandlung bitten können. Aber noch fehlt der Kontakt in Echtzeit zwischen ihnen und denjenigen, die bereit sind, Hilfe zu leisten. Im kommenden Jahrzehnt werden Menschen in Entwicklungsländern immer leichter Zugang zum Internet erhalten – zum Beispiel durch kostenlose Dienste wie Internet.org von Facebook oder viele andere Anbieter. So werden diejenigen unter uns, die in reichen Ländern leben, zum ersten Mal eingehender mit einigen der mehr als eine Milliarde Menschen sprechen können, die mit weniger als 1,25 US-Dollar am Tag auskommen müssen – und damit nach Definition der Weltbank extrem arm sind.

Studien zeigen, dass Leute für arme Menschen eher Geld ausgeben, wenn sie in einem Spendenaufruf das Foto eines Kindes sehen und einen Namen sowie ein paar Details erfahren, als wenn sie nur allgemeine Informationen über das Ausmaß der Armut in einem bestimmten Entwicklungsland erfahren. Man darf gespannt sein, wie erst ein persönliches Gespräch mit einer Familie in Not einen engeren Zusammenhalt innerhalb der Weltgemeinschaft fördern könnte.

Zugegeben, auch hier lauern Gefahren. Jemand, der uns weismachen will, dass er von Nigeria aus große Summen auf unser Konto überweisen wird (sobald wir eine kleine Summe bezahlt haben), wird noch überzeugender wirken, wenn wir ihn vor uns sehen. Außerdem müssen wir darauf gefasst sein, dass sich durch das Internet Bewohner armer Länder in digitale Pendants des Bettlers an der Straßenecke verwandeln. Bleibt zu hoffen, dass sich auch die Ideen, die dem effektiven Altruismus zu Grunde liegen, verbreiten und wir lernen, unsere Spenden dorthin zu lenken, wo sie am meisten Gutes bewirken – und zwar nicht nur heute, sondern auch in den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten. Das heißt auch, dass wir vermeiden müssen, Abhängigkeiten zu erzeugen, und stattdessen nachhaltige Wege finden, langfristig Armut zu mindern.

Aus dem Englischen von Maja Ueberle-Pfaff



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