„Viele Frauen nutzen Facebook heimlich“

ein Gespräch mit Nighat Dad

Ich und die Technik (Ausgabe IV/2015)


Die Studie „Bytes for all“ der gleichnamigen pakistanischen Menschenrechtsorganisation hält fest, dass unter den 30 Millionen Pakistanis, die das Internet nutzen, nur 31 Prozent Frauen sind. Warum nur so wenige?

Ein Großteil der Bevölkerung lebt auf dem Land. Dort wird Technologie generell als etwas männliches angesehen. Die Frauen möchten ja gern das Internet benutzen, bekommen aber keinen Zugang. Außerdem werden Frauen online oft belästigt und bedroht. Das lässt sie zurückschrecken.

Wie muss man sich diese Belästigung vorstellen?

An der Universität von Peshawar im Norden Pakistans legte jemand eine Facebook-Seite an, auf der er Bilder von jungen Frauen postete – inklusive Adressen und Telefonnummern. Diese Seite hatte 6.000 Fans. Peshawar ist einer der konservativsten Bezirke des Landes. Solche Aktionen können erhebliche Folgen für junge Frauen haben, wenn sie publik werden. Manche dürfen zum Beispiel nicht mehr studieren, weil es die Eltern verbieten. Die Belästigung kann auch ganz analog ablaufen: Wenn Frauen Computer oder Mobiltelefone zur Reparatur bringen, stehlen ihnen die Mitarbeiter immer wieder Daten und erpressen sie damit.

Was können Frauen dagegen tun?

Nicht viel, was leider kulturell bedingt ist. Sie können sich an niemanden wenden, auch nicht an ihre Familien. Viele Frauen nutzen das Internet oder Facebook heimlich. Ihren Vätern, Brüdern oder Ehemännern erzählen sie das schon gar nicht, denn es gibt hier schnell den Verdacht, dass sich Frauen online mit Männern außerhalb der Familie anfreunden. Das würde wiederum die Ehre ihrer Familie beschmutzen. Wenn Frauen dann noch Opfer von Belästigungen werden, erzählen sie es erst recht nicht.

Also kann diese Onlinebelästigung ganz reale Folgen haben.

Ja. Aber selbst einfache mobile Kommunikation reicht schon aus. In einem nördlichen Stammesgebiet Pakistans filmte jemand mit dem Mobiltelefon vier junge Frauen, die bei einem Hochzeitsfest sangen und klatschten. Diese Aufnahmen wurden als MMS über eine Internetverbindung verbreitet und kamen so beim Stamm dieser Frauen an. Das Stammesgericht befand, dass sie die Ehre des Stammes beschmutzt hatten und verurteilte sie zum Tode. Ihre Familien brachten sie um.

Mit Ihrer Organisation „Digital Rights Foundation“ gehen Sie gegen Onlinebelästigung vor. Wie geht das unter diesen Umständen?

In Kursen erklären wir Frauen zum Beispiel, wie man online sicher kommuniziert. Viele benutzen die gleichen Passwörter für Facebook und ihre E-Mail-Accounts. Wenn jemand ein Passwort knackt, bekommt er im Extremfall Zugang zu allen Onlinekanälen, die sie nutzen. Oft kommen junge Frauen auf uns zu, wie die Studentinnen der Peshawar-Universität, die etwas dagegen tun wollten, dass man ihre Fotos und Kontaktdaten veröffentlicht hatte. Übrigens, Facebook hat diese Seite erst gelöscht, als ich bei einer Konferenz in Harvard mit einem Facebook-Mitarbeiter gesprochen und ihm erklärt habe, dass so etwas in Pakistan sehr gefährlich ist.

Werden Sie selbst auch online bedroht?

Ständig. Am schlimmsten war es, als Malala Yousafzai 2012 angeschossen wurde. Sie hatte an ein paar meiner Kurse teilgenommen und ich war sehr bestürzt. Darüber habe ich auch einige Artikel geschrieben und Position bezogen. Fotos, auf denen ich mit ihr zu sehen war, waren auf einmal überall im Netz. Daraufhin wurde ich auf Twitter als CIA-Agentin gebrandmarkt. Ich bekam Anrufe, sie wussten, wo ich wohne, dass ich eine alleinerziehende Mutter bin und wo mein Kind zur Schule geht. Da bekam ich Angst und ging für zwei Wochen in den Untergrund. Sie müssen wissen, in Pakistan ist es wirklich nicht so schwer, jemanden umzubringen und ungeschoren davonzukommen.

Das Interview führte Fabian Ebeling



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