„Die Regierung muss die Preise senken“

ein Interview mit Amine Raghib

Ich und die Technik (Ausgabe IV/2015)


In Ihrem YouTube-Kanal Almohtarif – Der Profi – zeigen Sie, wie man neue Technologien vom Smartphone bis zur Software nutzt. Viele Menschen interessiert das, Sie haben 836.752 Abonnenten. Was ist so spannend an Erklärvideos?

Einerseits ist das Internet für viele Marokkaner noch etwas neues, andererseits interessieren sie sich sehr für neue Entwicklungen bei Smartphones oder Fernsehern mit Internetzugang. Ich möchte mit meinen Videos zur Entwicklung neuer Technologien in den arabischen Ländern beitragen. Der Schlüssel des Erfolgs liegt wohl darin, dass ich in verständlicher Form vermittle, wie man sie benutzen kann. Das ist für Anfänger, aber auch für fortgeschrittene Nutzer interessant.

Wer nutzt das Internet in Marokko am meisten?

Sofern sie einen Zugang haben, nutzen junge wie alte Menschen, Männer und Frauen das Internet, sogar auf den Dörfern. Von den 33 Millionen Marokkanern haben aber nur 16 bis 17 Millionen einen eigenen Internetzugang. Trotz der ordentlichen Kaufkraft sind die monatlichen Kosten für den Anschluss oft ein Hindernis. Das Durchschnittseinkommen in Marokko liegt bei ungefähr 4.000 Dirham (rund 370 Euro) im Monat und eine gute Internetverbindung mit bis zu 20 MB pro Sekunde kostet inklusive der Routermiete ungefähr 800 Dirham (etwa 73 Euro).

Gibt es weitere Hindernisse?

Die Verbindungsgeschwindigkeit ist das Hauptproblem, sie liegt bei etwa 2 MB pro Sekunde. Das ist nicht besonders schnell. In anderen Ländern wie Singapur erreicht man Spitzengeschwindigkeiten bis zu 1.000 MB. Auch sind die Verbindungen hier oft instabil. In ländlichen Gegenden wird 3G genutzt,  also die dritte Generation von Mobilnetzwerken, die es Nutzern erlaubt, über mobile Geräte wie Smartphones Zugang zum Internet zu bekommen. Auch die H-Plus-Abdeckung ist verbreitet, eine verbesserte Form der 3G-Technologie. Das reicht aber nicht aus.

Wie, glauben Sie, sieht die digitale Zukunft des Landes aus?

Ich denke, dass Marokko innerhalb der nächsten zehn Jahre den technologischen Entwicklungsstand Südkoreas erreichen kann. Es gibt viele kleine Firmen, die sich auf neue Technologien spezialisieren.

Was muss sich ändern, damit die Menschen leichter ins Netz kommen?

Wenn mehr Marokkaner online sein sollen, muss die Regierung ganz einfach die Preise senken.

In einem Ihrer Videos zeigen Sie ganz praktisch, wie man per Satellitenschüssel kostenlos Zugang zum Internet bekommt. Das sehen Behörden sicher nicht so gern, oder?

Ich hatte noch nie Probleme mit Behörden. Wie gesagt, ich möchte den Menschen lediglich neue Technologien näherbringen. Bisher konnte ich das mit meinen Videos absolut ungestört tun.

Im Vergleich zu anderen Ländern des arabischen Frühlings hat Marokko eine relativ weiche Zensurpolitik. Dennoch konstatiert „Reporter ohne Grenzen“ in seinem Jahresbericht 2014, dass Journalisten eingeschüchtert werden. Wie sieht es online aus? Gibt es geblockte Seiten?

Seit 2000 nutze ich das Internet und bin noch nie auf eine Seite gestoßen, deren Zugang eingeschränkt war. Es gab einen Gesetzesentwurf der Regierung, den „Code Numérique“, anhand dessen sie versuchte, mehr Kontrolle im Internet auszuüben. Nach öffentlichen Protesten hat man das Gesetz aber wieder zurückgezogen. Wenn man Seiten besucht, die zu Gewalttaten aufrufen, bekommt man möglicherweise Probleme mit den Behörden. Aber insgesamt kann man in Marokko Kritik an der Regierung üben und dabei auch online den Klarnamen verwenden. Viele Leute äußern auf YouTube frei ihre Meinung und haben keinerlei Schwierigkeiten.

Das Interview führte Julia Rutz
Aus dem Englischen von Caroline Härdter



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