Der andere Sudan

von Timo Berger

Ich und die Technik (Ausgabe IV/2015)


Bürgerkriege, Militärdiktatur und Hungersnöte prägen das Bild des Sudan in westlichen Medien. „Wir sind hungrig danach, neue Bilder einzufangen“, sagt der Fotograf Mohanned Elfadl bei einem Berlinbesuch im April 2015. „Wir wollen die Geschichten, die uns begegnen, erzählen.“ Es geht Fotokünstlern wie Elfadel darum, andere Bilder zu machen, die nicht die bekannten Klischees bedienen. In Europa habe man ein festgesetztes Bild von Afrika, beklagt auch die sudanesische Fotografin Ethar M. Jupara: „Wir kennen die positiven und lebensbejahenden Seiten Afrikas und wollen sie zeigen.“ Jupara und Elfadl haben beide in den letzten zwei Jahren an Fotolehrgängen des Goethe-Instituts in Khartum teilgenommen.

Die jährlichen Workshops werden von deutschen Fotografen – zuletzt von dem Hamburger Fotografen André Lützen – geleitet. Sie richten sich an Nachwuchsfotografen und sind Teil des MUGRAN Foto Project des Goethe-Instituts. Das mehrjährige Programm habe das Ziel, so der Institutsleiter Manfred Ewel, „die künstlerische Fotografie in Sudan und den Nachbarländern in Ostafrika zu unterstützen“. Hintergrund sei, dass es bislang in Sudan keine Ausbildung für Fotografen und Filmemacher gebe. „Die bildenden Künstler sind fast alle Autodidakten“, erläutert Ewel. Dennoch sei in dem Land eine lebendige Fotoszene entstanden. Seit 2014 organisiert das Goethe-Institut außerdem in Zusammenarbeit mit der Sudanese Photographers Group jährlich die MUGRAN Foto Week, auf der die Ergebnisse der Werkstätten und Ausstellungen zur Fotokunst aus Ostafrika gezeigt werden.

Im Rahmen der Fotowerkstatt porträtierte Mohanned Elfadl sudanesische Bauern am Nilufer, die mit Benzinpumpen das Flusswasser auf die Felder bringen. Brook Zerai Mengistu, ein Kollege aus Äthiopien, fing mit der Kamera Bilder aus dem Leben äthiopischer Einwanderer in Khartum ein. Ethar M. Jupara zeigt vor allem Fotos aus dem Alltag sudanesischer Frauen, der sich oft innerhalb des Hauses abspielt. Die Frauen aufzunehmen, sei nicht so einfach gewesen, erzählt sie. Um ihre anfängliche Skepsis zu überwinden, habe sie ihnen genau erklärt welche Absicht sie mit den Bildern verfolge.

„Als ich den Menschen sagte, dass ich mit den Fotos aller Welt zeigen wolle, wie heiter und friedlich das Leben hier ist, hatte kaum jemand noch Vorbehalte“, erzählt Japara. Auch Mohanned Elfadl weiß das aus eigener Erfahrung zu berichten: „Wenn die Leute wissen, um was es dir geht, dann zeigen sie dir Aspekte ihres Alltags, die du alleine nie gesehen hättest. Manche kommen mit ganzen Geschichten zu dir.“ Für den äthiopischen Fotografen Brook Zerai Mengistu ist die Kamera kein Medium, das nur mit Bildern zu tun hat. „In der Fotografie kommen unterschiedliche Medien zusammen. Die Fotografie erfasst ihre Essenz. So kann man in wenigen Bildern viele Geschichten gleichzeitig erzählen.“

Ihre Fotos verstehen alle drei aber nicht nur als Korrektiv der einseitigen Bilder von Ostafrika, sondern vor allem als Kunst. Brook Zerai Mengistu betont: „Es ist wichtig, dass die Nachfrage nach authentischer afrikanischer Kunst steigt.“ So könne der Öffentlichkeit „ein richtigeres, differenziertes Afrika“ gezeigt werden.

Unter dem Titel „City in change“ sind vom 8. bis zum 16. Oktober 2015 im Rahmen der MUGRAN Foto Encounters Fotostories aus dem letztjährigen Workshop des Goethe-Instituts im Nationalmuseum in Khartum sowie im Jugendpalast in Omdurman zu sehen. Die Arbeiten von zwölf sudanesischen Fotografen zeigen intime Szenen: ein Kind, das seiner Mutter beim Teetrinken zusieht, ein kleines Zimmer, das nur von einem in die Wand gebrochenen Fenster beleuchtet wird.



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