Zusammen fernsehen

von Yevhen Fedchenko

Ich und die Technik (Ausgabe IV/2015)


Es gibt immer noch sehr viele Menschen, die das Fernsehen als ein Medium ansehen das Identität stiftet. Doch einen Sender, der für ein geeintes Europa eintritt und eine europäische Identität stiftet, gibt es nicht – und das gerade in einer Zeit, in der vor dem Hintergrund von Flüchtlings- und Eurokrise ein
europäisches Gemeinschaftsgefühl besonders wichtig wäre.

Die berühmte Frage Henry Kissingers „Wen kann man anrufen, wenn man mit Europa sprechen will?“ lässt sich ähnlich auch für das Fernsehen stellen: Auf welchem Kanal kann man Europa sehen? Wo sehen die Europäer gemeinsam fern?

Viele nationale Regierungen investieren sehr große Summen in ihre eigenen Auslandssender und -rundfunkanstalten, die eine europäische Reichweite haben, beispielsweise die Deutsche Welle, France 24 oder der spanischen Kanal TVE Internacional. Es gibt auch einige paneuropäische Fernsehinstitutionen wie den Sender Euronews oder die Europäische Rundfunkunion. Daneben finden jedes Jahr große Fernsehereignisse wie der Eurovision Song Contest statt. Doch das alles schafft leider noch lange kein echtes paneuropäisches Fernsehen.

Brauchen wir das wirklich? Wer soll es für uns einrichten? Wer soll die Rechnung dafür zahlen? Und wie genau soll es aussehen? Das sind nur einige der Fragen, auf die es eine Antwort geben muss – gerade in einer Zeit, in der viele Menschen meinen, dass das Fernsehen durch den Siegeszug des Internets und die Digitalisierung im Niedergang begriffen ist.

Angesichts des drohenden Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union und Griechenlands aus der Eurozone sowie des überwältigenden Einflusses der Propaganda des Kreml auf russischsprachige Bürger innerhalb und außerhalb der EU müssen wir Europa durch frische Ideen, neue Werte und eine starke Identität festigen. Das Fernsehen kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Ein gemeinsamer europäischer Sender würde einen dringend benötigten einheitlichen Ort für Informationen schaffen, an dem der europäische Diskurs nicht nur unter den Mitgliedsländern der EU verstärkt wird, sondern auch mit deren östlichen Partnerländern, die derzeit zu stark von in Russland produzierten Programmen abhängig sind und gerne eine Alternative hätten.

Ein solcher Sender könnte ein bedeutendes Gegengewicht zum wachsenden Einfluss der staatlichen russischen Propaganda bilden, und zwar nicht durch die Verbreitung einer Gegenpropaganda, sondern durch das alternative Angebot von Programmen, die europäische Werte vermitteln und auf Wahrheit und Objektivität basieren. Der Sender sollte dazu nicht nur Nachrichten und Hintergründe anbieten, sondern auch Unterhaltungsprogramme.

Ein solches Projekt steht vor großen Herausforderungen, die gewiss bei vielen Menschen Zweifel darüber aufkommen lassen, ob es überhaupt machbar, relevant und tragfähig wäre.

Zunächst muss geklärt werden, welche Institution den Sender betreiben und kontrollieren soll. Wer sind die wichtigsten Beteiligten – auf nationaler und europäischer Ebene? Soll der Sender öffentlich-rechtlich oder privatwirtschaftlich aufgebaut sein? Sollen die nationalen Regierungen oder die Europäische Union ihn kontrollieren? Die Antworten auf diese Fragen entscheiden auch darüber, wie der Sender finanziert werden soll. Denn eins ist sicher: Ein Sender ist teuer.

Zweitens muss gerade bei einer so großen Zahl von Akteuren und beteiligten Institutionen die redaktionelle Unabhängigkeit gewährleistet werden. Allein in dieser Frage könnte eine Einigung jahrelange Verhandlungen erfordern.

Drittens: Wie würde die neue paneuropäische Fernsehanstalt in Wettbewerb mit den etablierten nationalstaatlichen Sendern treten? Diese werden aus Steuergeldern finanziert und decken Europa bereits ab, wenn auch aus ihrer nationalstaatlichen Perspektive.

Viertens wird es nicht einfach werden, sich auf ein Programm zu einigen, das für Zuschauer in allen Ländern Europas gleichermaßen interessant ist. Erfahrungen aus einem internationalen Workshop in Riga im Januar 2015, in dem es um die Förderung eines ausgewogenen Medienangebots in russischer Sprache in Osteuropa ging, haben mich gelehrt, dass allein schon die baltischen Staaten schwer auf eine gemeinsame Programmlinie zu bringen sind. Der Grund ist, dass die Zielgruppen und Geschmäcker sehr verschieden sind und kaum Überschneidungen aufweisen. Wie soll das für ganz Europa funktionieren?

Und schließlich: In welcher Sprache soll der europäische Fernsehsender sein Programm ausstrahlen? Auf Englisch, in mehreren Sprachen oder in begrenzter Reichweite nur auf Russisch? Das russische Sendegebiet würde eine große inhomogene Region vom Baltikum bis nach Usbekistan umspannen und auch die russische Diaspora in Westeuropa sowie die Russen in Russland selbst als Zielgruppe mit einbeziehen.

Trotz all dieser großen Herausforderungen: Europa sollte seine Anstrengungen bündeln und ein einheitliches Informationsangebot schaffen. Es muss nicht unbedingt ein klassischer Fernsehsender sein. Auch eine andere geeignete Plattform, die es ermöglicht, Inhalte anzubieten, auszutauschen und zu konsumieren, könnte diese Aufgabe übernehmen. Das Internet ist hier eventuell der passendste Ort.

Aus dem Englischen von Karola Klatt



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