Die Fremden von nebenan

Stephanie von Hayek

Russland (Ausgabe III/2015)


Die Rue Edel in Straßburg ist eine Straße des Anfangs. Viele, die in die Stadt ziehen, finden hier ihr erstes Zuhause, bleiben jedoch meist auf gepackten Kisten sitzen, weil sie nicht vorhaben, hier länger zu verweilen. „Ach“, heißt es daher oft, wenn Barbara Honigmann erzählt, wo sie wohnt, „da haben wir am Anfang auch gewohnt.“ Die Autorin lebt noch immer dort, seit sie 1984 Ost-Berlin verließ, sogar im hässlichsten Haus, und von dort aus, ihrem Schreibtisch am Fenster, hat sie dieses von vielen Völkern bewohnte Provisorium beobachtet und genauso detailreich wie unterhaltsam beschrieben. Da ist der Kurde mit seinem Laden gegenüber, der, sobald es draußen schön wird, Stühle in die „falsche Einfahrt“ stellt – ein Parkplatz und manchmal ein Ort für junge bierlaunige Menschen, die sich dort tummeln. Da ist die Wäscherei, die zunächst von der redseligen Marie-Ange aus Madeira geführt und später von einer Anne Marie übernommen wird.

In der Brasserie de l’observatoire schließt die Autorin Bekanntschaften, in der Bäckerei beobachtet sie die Verschiebung vom Baguette hin zu Vollkornbrötchen, und am Ende ihrer Straße liegt Straßburgs École internationale, wo Mütter und Väter ihre Sprösslinge morgens aus den Autos lassen und nachmittags wieder abholen.


Solch eine Beschreibung könnte langweilig sein. Die deutsch-jüdische Schriftstellerin versteht es jedoch, den Leser in die witzigen, traurigen und heiteren Geschichten ihrer Nachbarn, besonders der jüdischen, mitzunehmen, ihn in einen lebendig plätschernden Erzählton einzulullen, sodass er schließlich mittendrin steht in diesem Basar von Nationalitäten, in dem Türken, Kurden, Araber, Bosnier, Franzosen, aber auch Katzen, Hunde und Verrückte eine erste Heimat gefunden haben. Gebräuche vermischen sich hier, Religionen und Sprachen, Kinder finden die Eltern mit ihrem holprigen Französisch peinlich, man passt sich an – „Ça va?“ – „Ça va.“ Andere lernen die Sprache nie. Viele gibt es in dieser Straße, heißt es, „die irgendeine verlassene Heimat mit sich herumtragen, die sie freiwillig oder unfreiwillig verlassen haben, die sie verklären oder verabscheuen, nach der sie sich sehnen oder die sie lieber vergessen möchten“.

Barbara Honigmann zeigt uns ihre Gewohnheiten als Schriftstellerin, wie sie Verbindungen zu Nachbarn, Händlern und Caféhausbesitzern aufbaut, und wie schwierig es sein kann, das Fremde zu bejahen, wenn der „finster und arrogant“ wirkende Nachbar in seiner Grußlosigkeit einen dermaßen irritiert, dass einem schließlich nichts anderes übrigbleibt, als diesem „stillen Krieg“ ein Ende zu setzen und eine „Friedensinitiative zu starten“. Missgelaunte Nachbarn kennt jeder gut, die Gründe dieser Übellaunigkeit jedoch meistens nicht. Honigmann geht ihr nach, und so schreibt sie in ihrer Chronik auch darüber, wie sich Beziehungen wandeln und neu anfangen können und was der Einzelne selbst dazu beitragen kann, seine Welt etwas freundlicher zu gestalten. Sie selbst hilft ihrer jüdischen Nachbarin aus Ungarn beim Ausfüllen deutscher Formulare für die Claims Conference, die die Entschädigungsansprüche für Verfolgte in den ehemaligen Ostblockstaaten erstritten hat, sie nennt es „Auschwitzpauschale“; ihr Mann tingelt von Nachbar zu Nachbar und sucht Behörden auf, um sich für das Aufstellen einer Laubhütte zum jüdischen Laubhüttenfest in ihrem Hof einzusetzen. Das Fest erinnert an den Auszug Israels aus Ägypten.

Ein Stück Erinnerung und ein Stück ihrer Zeit ist es für Barbara Honigmann. Wie in der „Chronik der Sperlingsgasse“ von Wilhelm Raabe, bestimmt nicht die zeitliche Reihenfolge die Dramaturgie. Die Autorin erinnert sich an Menschen, die mit ihrem Leben verknüpft waren, es noch sind. Ihre Anekdoten folgen dem Lauf der Zeit, den Jahreszeiten, dem Älterwerden, den Kindern und Enkeln. Sie wird bis ans Ende ihrer Tage in Straßburg bleiben. Das verrät der Kauf eines Grabplatzes auf dem Friedhof.

In diesem Buch – wie in „Ein Kapitel aus meinem Leben“, in dem Honigmann über den Ehemann ihrer Mutter, den Spion Kim Philby erzählt, oder „Bilder von A“, ihrer leidenschaftlichen und schwierigen Beziehung zu einem Theaterregisseur – ist ihr Ton wiederzufinden: ein Erzählen in kleinen Wiederholungen. Mitreißende Handlung ist Honigmanns Sache nicht, vielmehr die filigrane Plauderei für einen Sonntagnachmittag auf dem Balkon, nichts Großes, nichts Außergewöhnliches, sondern eine Handvoll von dem, was das menschliche Leben ausmacht. Wer das Buch in der Absicht liest, etwas über Straßburg zu erfahren, die Kathedrale, die wechselhafte deutsch-französische Geschichte oder das politische Straßburg mit Europaparlament und Europarat, wird enttäuscht sein. Die Lektüre ist gleichwohl beglückend, zeigt die Autorin doch einen bunten Ausschnitt jener Stadt, die Europas Hauptstadt sein will. In einer Zeit, in der viele Europäer rechte Parteien ins Parlament wählen, auf den Straßen für einen Einheitsunsinn protestiert wird und die Europäische Union ihre Grenzen so hermetisch abriegelt, dass Menschen im 21. Jahrhundert im Mittelmeer ertrinken, möchte man dieses Buch hochhalten: Voilà, das ist l’Europe, das kann es sein, nicht mehr, auf keinen Fall aber weniger.

 

Chronik meiner Straße. Von Barbara Honigmann. Carl Hanser Verlag, München, 2015.



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