Arbeiten ohne Begeisterung

von Marsha Pearce

Wir haben Zeit. Ein Heft über Langsamkeit (Ausgabe II/2015)


Auf den karibischen Zwillingsinseln Trinidad und Tobago unterscheidet das Arbeitsrecht verschiedene Formen des Arbeitskampfes. Neben normalen Streiks, bei denen die Arbeit verweigert oder ganz niedergelegt wird, gibt es sogenannte Go-slows. Dabei handelt es sich um eine Form des Widerstands, die sich dadurch auszeichnet, dass Angestellte ihre Produktivität reduzieren, behindern, verzögern und verlangsamen. Die Arbeit kommt nicht völlig zum Erliegen, sie wird vielmehr gezielt gemächlich. In ihrem Buch „Commonwealth Caribbean Employment and Labour Law“ schreiben die Anwälte Natalie Corthésy und Carla-Anne Harris-Roper, der Go-slow werde auch als „Arbeiten ohne Begeisterung“ bezeichnet.

Go-slows sind ein ganz gewöhnlicher Teil des Arbeitslebens in Trinidad und Tobago. Anfang 2013 nutzten Flughafenbeamte die Karnevalszeit auf den Inseln dazu, ihren Dienst am Internationalen Flughafen Piarco nahe der Hauptstadt Port of Spain zu verlangsamen. In dieser Zeit kommen besonders viele Touristen nach Trinidad und Tobago, um rituelle Maskenspiele, Musik und Straßenkunst zu erleben. Auf dem Flughafen herrscht dann Hochbetrieb. Die Beamten protestierten gegen das Versagen des Managements, noch offen stehende Löhne auszuzahlen.

In einem Artikel über den Vorfall im Trinidad Express hieß es: „Die Dinge liefen nicht so schnell wie gewöhnlich“ am Flughafen. Laut Watson Duke, dem Vorsitzenden der Gesellschaft der öffentlichen Versorgungsbetriebe, welche die Einwanderungsbeamten vertritt, hatten diese „die Begeisterung für die Arbeit verloren und waren deprimiert“. Es ist diese Vorstellung des verlorenen Eifers – des Abfallens von Energie und Engagement –, die sich bei Go-slows in ein verlangsamtes Verhalten übersetzt.

Langsam zu arbeiten, ohne Eifer und Esprit, kann extreme Auswirkungen haben. Eine Reihe von Angriffen auf Gefängnisaufseher, darunter auch ein Mord, lösten Ende 2013 einen weiteren Go-slow im Golden Grove State Prison östlich von Port of Spain aus. Um effektivere Sicherheitsmaßnahmen zu erwirken, brachten Gefängnisangestellte das Essen absichtlich zu spät zu den Gefangenen. Sie verschoben ihre Verpflichtungen bewusst, wenn Gefangene zum Gericht gebracht werden sollten, um von einem Richter zu ihren Angelegenheiten angehört zu werden. Das träge Verhalten der Gefängnisaufseher wurde zu einem Katalysator für einen Gefängnisaufstand.

Das veranlasste den Premierminister des Landes dazu, ein spezielles Komitee zu ernennen, das sich der Befürchtungen der Wärter und der Umstände im Gefängnis annehmen sollte. Unter anderem empfahl das Komitee Ganzkörperscanner am Eingang des Gefängnisses sowie stich- und kugelsichere Westen. Die Gefängnisaufseher warten jedoch noch immer auf die Umsetzung dieser Maßnahmen.

In ihren Augen reagieren Autoritäten, welche die Situation verbessern könnten, nicht schnell genug. Anfang 2015 drohten die Gefängnisaufseher mit einem weiteren Go-slow, um die Schaffung besserer Arbeitsbedingungen in der Justizvollzugsanstalt zu beschleunigen.

Der Go-slow ist grundsätzlich eine sehr spezielle Taktik: Laut Gesetz müssen verärgerte Angestellte in Trinidad und Tobago keine Warnung abgeben, wenn sie beabsichtigen, langsam zu arbeiten. Im Falle eines ungelösten Disputs zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern muss nur eine vollständige Arbeitsniederlegung beziehungsweise ein Streik angekündigt werden. Das besagt das Gesetz über Arbeitsbeziehungen von 1972 („The Industrial Relations Act“). Es gibt jedoch keine entsprechende Abmachung für einen Go-slow. Ohne Vorwarnung wird die Verlangsamung der Produktivität deshalb zu einem Überfall, zu einer heimlichen, plötzlichen Attacke. Im Gegensatz zu gewöhnlichen Streiks haben solche Aktionen eine gewisse Macht: Sie nutzen die Zeit als Waffe, um die Serviceleistungen eines Arbeitgebers einzuschränken. So versetzen sie ihm einen langsamen und trotzdem kraftvollen Schlag. 

Aus dem Englischen von Carmen Eller



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