„Wir kommen aus wohlhabenden Familien“

ein Gespräch mit Shaun Tan

High. Ein Heft über Eliten (Ausgabe I/2015)


Herr Tan, Sie sind in einer sehr wohlhabenden Familie in Malaysia aufgewachsen. Wie war es, in der Oberschicht groß zu werden?

Ehrlich gesagt war mir lange Zeit nicht bewusst, dass wir zur malaysischen Oberschicht gehören. Meine Eltern haben uns immer das Gefühl gegeben, Mittelklasse zu sein. Wahrscheinlich wollten sie nicht, dass wir uns anderen gegenüber arrogant und hochnäsig verhalten. Aber irgendwann war klar, dass doch etwas anders war. Wir konnten uns teurere Dinge, Autos oder Urlaube als andere leisten und wohnten in einer gehobenen Gegend. Schon als Kind ging ich auf eine sogenannte International School, die dem britischen Bildungsmodell folgt. Die Unterrichtssprache war Englisch. Mit 16 besuchte ich das King’s College in London und studierte später in Yale. Die malaysische Oberschicht kommuniziert auf Englisch und schickt ihre Kinder auf Schulen und Universitäten im Ausland.

Wie war denn das Studentenleben?

Bevor ich nach London zog, besuchte ich ein abgeschiedenes Internat in England. Das war ziemlich  langweilig. Aber während der Zeit auf dem King’s College gab es viele Studentenpartys. Die besten waren jene, die von asiatischen Verbänden organisiert wurden. Das liegt wohl daran, dass sie am meisten Geld zur Verfügung hatten und so die angesagtesten Clubs mieten konnten.

Sehen Sie Unterschiede zwischen den Eliten in westlichen Ländern und denen in Malaysia?

Die Gemeinsamkeiten überwiegen. Ich habe acht Jahre meines Lebens im Ausland verbracht und Leute aus der ganzen Welt getroffen, die vieles mit mir teilen: Wir kommen aus wohlhabenden Familien, haben einen hohen Bildungsgrad und sind kosmopolitisch veranlagt. Mich verbindet mit diesen Leuten mehr als mit einem Malaysier, der auf dem Land aufgewachsen ist oder im Slum lebt. Ich glaube, das ist ein Thema, mit dem sich viele in meiner Position auseinandersetzten müssen: Identifizierst du dich stärker mit deinen Landsleuten oder eher mit denjenigen, die dieser transnationalen Oberschicht angehören?

Wer ist die politische Elite in Malaysia?

Die Regierungspartei UMNO ist sehr dominant. Sie repräsentiert die drei ethnischen Gruppen Malaysias: Malaien, Chinesen und Inder. Malaiische Politiker verstehen die Malaien als das ursprüngliche Volk des Landes. Deswegen beanspruchen sie eine führende politische Stellung und sind stärker in der Regierung repräsentiert. Die UMNO ist seit der Unabhängigkeit 1957 ununterbrochen an der Macht. Mittlerweile hat sich aber auch eine starke Opposition herausgebildet. Die richtig Reichen haben bestimmte Verbindungen zur Regierungspartei.

Wer sind diese Superreichen?

Sie haben eher einen chinesischen statt einen malaiischen oder indischen Hintergrund. Ich denke, das liegt hauptsächlich daran, dass Chinesen härter arbeiten und stärker businessorientiert sind als die anderen Gruppen. Die Machtfrage hat also auch eine ethnische Dimension. Auch wenn es in Malaysia Gesetzte gibt, die Nicht-Malaien diskriminieren, arbeiten die politische Elite der Malaien und chinesische Malaysier im wirtschaftlichen Bereich eng zusammen. Chinesische Tycoons bestechen Politiker, sodass Gesetze zu ihren Gunsten verfasst werden.

Wodurch unterscheiden sich diese beiden Eliten?

Es gibt kaum Unterschiede. Viele reiche Chinesen pflegen eine fast symbiotische Beziehung mit einflussreichen Malaien. Einige malaiische Politiker denken zwar, es wäre nützlich für sie, sich als Gruppe abzugrenzen. Aber im Endeffekt verbringen sie alle ihre Freizeit in denselben Bars und Clubs.

Das Interview führte Mirjam Karrer



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