Kunst gegen das Vergessen

von Fabian Ebeling

High. Ein Heft über Eliten (Ausgabe I/2015)


Im tschechischen Luková erhebt sich auf einer Anhöhe die Dorfkirche Sankt Georg. Alt und ruhig steht sie da. Auf den Grabsteinen sind tschechische und deutsche Namen eingraviert. Drinnen ist die Zeit stehen geblieben. Es bröckelt Putz von den Wänden, ein Gerüst aus Stahl füllt den Chorraum aus. Am 8. Mai 1968 stürzten während der Messe Teile der Decke in den Raum. Andachten wurden seither draußen abgehalten. Heute haben sich einzig ein paar geisterhafte Figuren aus Gips und Stoff zur Messe versammelt. Sie sitzen in den Reihen, stehen still unter der Empore. Der Künstler Jakub Hadrava hat sie hier aufgebaut, um auf ein Schicksal hinzuweisen, das viele Kirchen der Region ereilt hat. Und die Orte, in denen sie stehen: Sie sterben aus.

Luková liegt eine Stunde nordwestlich von Pilsen. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte der Ort bis zu 120 Einwohner, die meisten waren Deutsche. Durch die Vertreibung und Zwangsumsiedelung der deutschen Bevölkerung am Kriegsende wurden ganze Ortschaften in der Region entvölkert. Viele Dörfer zogen nicht genügend Neusiedler an, so blieben bis zu 3.500 Siedlungen verlassen. Damit verwaisten auch einige Kirchen rund um Pilsen. Heute leben in Luková vier Menschen, an den Wochenenden sind manchmal mehr Leute dort. Sie kommen aus Pilsen, Prag oder Karlsbad und wohnen in ihren Wochenendhäusern.

Klara Salzmann kuratiert und organisiert Land-Art-Ausstellungen im Rahmen des Programms der Kulturhauptstadt Pilsen 2015. Für sie spielen die heiligen Häuser eine wichtige Rolle in der Aufarbeitung der Geschichte dieser Landschaft. Auch die Installation in Luková ist Teil des Projekts: „Die Kirchen waren wichtige Orte in den Dörfern. Heute sind die Menschen zwar nicht mehr besonders gläubig, spüren aber die Kraft dieser Orte. Deswegen zeigen wir in sieben Häusern Arbeiten von Studenten oder machen Konzerte“, sagt sie. Sie will die Region beleben, die für sie ganz klar eine gemeinsame der Tschechen und Deutschen ist: „Wie man hier mit der Vertreibung und der verwahrlosten Landschaft umging, war für mich ein Schock.“

Tschechien arbeitet diesen Teil seiner Geschichte, der lange ein Tabu war, allmählich auf. Initiativen wie „Antikomplex“ sollen die Zwangsumsiedlungen und die Verwitterung der Kulturlandschaft ins Bewusstsein der Menschen rücken. Die gemeinnützige Organisation macht Ausstellungen, veranstaltet öffentliche Debatten und engagiert sich im deutsch-tschechischen Dialog. Tschechische Medien sprechen teilweise von einer Kollektivschuld bei der Entrechtung der deutschstämmigen Bewohner.

Auch die wirtschaftliche Sinnlosigkeit der Enteignungen ist Thema – landwirtschaftliche Hilfsarbeiter beispielsweise sollten nach 1945 ganze Höfe bewirtschaften. In den Schulen werden die Vertreibungen jedoch kaum angesprochen. Auch fielen der amtierende Präsident Miloš Zeman und sein Vorgänger Václav Klaus eher durch rechtfertigende Äußerungen auf, als dass sie zur Aussöhnung etwas beigetragen hätten. Nur Václav Havel, der von 1993 bis 2003 regierte, bedauerte öffentlich die Art und Weise der Vertreibungen. Das Motto der Kulturhauptstadt „Pilsen, open up!“ ist also auch ein Türöffner für eine neue Auseinandersetzung mit der Zeit vor und nach 1945. Die Land-Art-Projekte sollen diese Debatte vorantreiben.

Luková bekommt das gesteigerte Interesse der Öffentlichkeit zu spüren. Seitdem Jakub Hadrava 2012 seine Gipsgespenster auf die alten Bänke setzte, kommen Menschen, um sie zu sehen. Busse halten am Fuß der Anhöhe und laden Gäste aus Brasilien, Australien und ganz Europa ab. „2014 waren es schon mehr als 2.000 Leute“, freut sich Petr Koukl, der als „Meister der Geister von Luková“ gerne die Kirchentüren für Besucher öffnet. Ihre Spenden könnten helfen, die Decke instand zu setzen. Mit der Kulturhauptstadt Pilsen 2015 öffnet sich die Region und vielleicht auch das ganze Land für eine neue Aufarbeitung der tschechisch-deutschen Geschichte.



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