„Not macht erfinderisch“

von Marco Solari

Innenleben. Ein Heft über Gefühle (Ausgabe III/2013)


Das Tessin ist eine Naturschönheit. „Sie ist wunderbar schön, und vom Alpinen bis zum ganz Südlichen ist alles da“, schwärmte Hermann Hesse von seiner Wahlheimat. Er bezeichnete sich als „kleiner, abgebrannter Literat“, als er 1919 nach Montagnola bei Lugano übersiedelte, wo er regelrecht aufblühte und Weltliteratur wie „Siddhartha“ und „Der Steppenwolf“ schrieb.

Eine lange Reihe von Schriftstellern fanden im Tessin eine Inspirationsquelle. Dazu gehören Jonas Jonasson, Patricia Highsmith, Max Frisch, Erich MariaRemarque oder Lisa Tetzner. Letztere wurde 1941 durch ihren Jugendroman „Die Schwarzen Brüder“ bekannt, der das Schicksal Tessiner Bergbauernkinder aufgriff, die in den italienischen Städten gleichsam als lebendige Besen Kamine reinigen mussten.

Tetzners aufwühlende Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten. Tatsächlich war das Tessin lange das Armenhaus der Schweiz. Der Berner Patrizier Karl Viktor von Bonstetten, der 1795 auf Inspektionsreise ins Tessin geschickt wurde, war erschüttert über die Zustände und rapportierte: „In solch elendiglichen Hütten würde in der Deutschschweiz kein Schwein leben wollen.“

Die Situation änderte sich erst, als die Eisenbahn Einzug hielt, die auch dem Fremdenverkehr die Pforten öffnete. Das Tessin übte auf die Intellektuellen des Nordens eine magische Anziehungskraft aus. Für Hugo Ball war es „eine Mischung aus Honolulu und Neuguinea“, auf alle Fälle etwas Exotisches. Der Monte Verità, der Hügel bei Ascona, avancierte zum Versuchsfeld für Utopisten und Naturapostel, die eine Alternative zur Hektik der industrialisierten Städte suchten.

Parallel dazu begannen die Tessiner, sich mit ihrem historischen Erbe auseinanderzusetzen. Das Atelier des Bildhauers Vincenzo Vela in Ligornetto wurde 1898 in ein Museum umgewandelt und im abgelegenen Walserdorf Bosco Gurin eröffnete 1938 das erste lokale Museum des Tessins seine Pforten. Heute gibt es im Tessin achtzig Museen, wobei es zu betonen gilt, dass kaum eine dieser Institutionen selbsttragend ist.

Auch das 1946 gegründete internationale Filmfestival von Locarno wäre ohne öffentliche Gelder nicht das, was es heute ist, nämlich einer der größten Kulturanlässe der Schweiz. Tickets und Sponsoren decken rund die Hälfte des Budgets; für die andere kommen Gemeinden, Kanton, Bund und verschiedene öffentliche Institutionen auf.

Locarno muss ständig um seinen Platz als kleinstes unter den großen Festivals weltweit kämpfen. Dass es bisher nicht in der Masse der über tausend Filmfestivals versunken ist, verdankt es der hohen künstlerischen Qualität, der Unabhängigkeit der Direktion in der Programmgestaltung – sie ist frei von jeglichem politischen oder wirtschaftlichen Druck – sowie der einmaligen Atmosphäre auf der Piazza Grande.  Rund 8.000 Zuschauer finden dort bei den Filmvorführungen Platz. Dass von diesem Volksauflauf auch die Tourismusbranche und das lokale Gewerbe profitiert, versteht sich von selbst. Ökonomen der Universität der italienischen Schweiz bezifferten 2005 die Wertschöpfung des Festivals für die Region mit 12 bis 13 Millionen Franken pro Jahr (9,6 bis 10,4 Millionen Euro).

Nicht in diese Kalkulation mit einbezogen wurde die kulturelle Leuchtturmfunktion des Anlasses. Ähnlich wie herausragende Künstler andere Künstler inspirieren, wuchsen im Schatten des Filmfestivals verschiedene kulturelle Anlässe zu teils beträchtlicher Größe heran, etwa das Jugendfilmfestival Castellinaria in Bellinzona, das Jazzfestival von Ascona, das Longlake Festival von Lugano oder die Primavera Locarnese, eine Veranstaltungsreihe, die in diesem Frühling erstmals stattfand und sowohl in Deutschland als auch in Italien ein überraschend großes Echo auslöste.

Wie überzeugt man davon ist, dass Kultur einen wichtigen Standortfaktor darstellt, zeigt sich auch im Bau eines neuen Kunst- und Kulturzentrums in Lugano. Die Kosten für das Lugano Arte e Cultura schlagen mit 169 Millionen Franken zu Buche (135,1 Millionen Euro) – es handelt sich um die größte Investition in der Geschichte der Stadt.

Letztlich war es die Not, die das Tessin erfinderisch machte. Natürlich erhofft man sich bei all diesen Investitionen in die Kultur auch einen Return on Invest, vor allem für den Tourismus. Doch dahinter steckt mehr, nämlich der Wille und der Stolz, den Besuchern aus aller Welt zu zeigen, dass das Tessin mehr ist als bloß eine Naturschönheit. Das Tessin ist eine „Terra d’artisti“, eine Wiege der Kultur.



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