„Deutungsmacht entwickeln“

von Klaus Schönberger

Brasilien: alles drin (Ausgabe I/2013)


Aktivisten wie die der Punkband Pussy Riot, die in bunten Kleidern und Strickmasken die Verquickung von Kirche und Staat in Russland anprangerten, sehen sich nicht selten Kritik ausgesetzt. Das Gleiche gilt für die durch ihre Oben-ohne-Proteste bekannt gewordene Feministinnengruppe Femen aus der Ukraine. Beiden Gruppen wird unterstellt, dass ihre spektakulären Protestformen die politischen Inhalte verschwinden lassen würden. Doch die Kritik zeigt vor allem eins: Das Kreative und das Ästhetische stehen unter Verdacht, sobald sie eine Verbindung mit dem Politischen eingehen. Nicht zuletzt weil Walter Benjamin 1936 in seinem sogenannten Kunstwerk-Aufsatz in wenigen Zeilen einen folgenreichen Nebenschauplatz eröffnet hat. Er wies darauf hin, dass die Nazis Macht und Herrschaft ästhetisiert hätten, um in entpolitisierender Weise vom Wesentlichen auf dem politischen Terrain, nämlich der Eigentumsfrage, abzulenken. Seitdem steht jede Form der Nutzung ästhetischer Praktiken unter Generalverdacht, nicht nur hinsichtlich einer offenen Flanke zum Faschismus, sondern auch als Form einer Entpolitisierung. Ästhetisierung und auch „Spektakularisierung“ sind heute geradezu zum Synonym für Entpolitisierung geworden.

Dagegen muss man zunächst einwenden, dass die Form des Protestes oft nicht frei wählbar ist, etwa wenn die politischen Rahmenbedingungen entsprechend repressiv sind. Insofern ist der Bezug zum künstlerischen Feld bei Pussy Riot oder auch bei der feministischen Frauengruppe Femen in der Ukraine sicherlich mitunter ein Schutzmechanismus. Vor allem missachten die Kritiker jedoch die Tatsache, dass die heutige sozioökonomische Situation und die veränderten kapitalistischen Produktionsweisen neue, kreative und ästhetische Formen des Protestes notwendig machen. Sie verharren in einem seit dem 19. Jahrhundert tradierten bildungsbürgerlichen Verständnis, besser gesagt: Missverständnis, von „Ästhetik“ und Kunst als Ausdruck und Garant des Schönen, Wahren und Guten, als Sphäre außerhalb des Alltags und als Ort von Autonomie oder gar als Rückzugsort aus der schlechten Wirklichkeit.

Dabei wird eine grundsätzliche Verschiebung völlig übersehen: Im sogenannten Postfordismus ist nicht mehr wie im industriellen Kapitalismus die Fabrik der zentrale Ort der Arbeit und der Produktion von Wert. Im kognitiven, also auf immaterieller, geistiger Arbeit fu­ßenden Kapitalismus erfolgt die Wertschöpfung in großem Maßstab über die Symbolproduktion der immateriellen oder mentalen Arbeit und über die Symbolanalytiker, wie der US-amerikanische Autor Jeremy Rifkin beschreibt. Dazu passen die neuen Protestformen, denn diese müssen – in Begriffen der Kritik an der politischen Ökonomie ausgedrückt – auf der Höhe des Stands der Produktivkräfte sein.

Nicht überraschend ist die oft kritisierte Tendenz zur Zuspitzung und Emotionalisierung innerhalb von Kampagnen, wie sie etwa im Kontext der digitalen Protestkommunikation – beispielsweise bei Plattformen wie Avaaz.org oder Aktionen wie Kony 2012 – anzutreffen ist. Es gibt seit jeher einen Streit darüber, ob dies eine sinnvolle Vorgehensweise darstellt, weil hierüber selten der gesellschaftliche Zusammenhang von Problemen thematisiert werden kann. Bei den sogenannten Facebook-„Likes“ wird kontrovers diskutiert, was für ein politisches Gewicht diese Art der körperlosen Artikulation besitzt. Es lässt sich aber auch fragen, ob nicht bereits bei der klassischen Unterschriftenaktion der persönliche Involvierungsgrad gering gewesen ist.

Entscheidend ist: Wer gesellschaftliche Deutungsmacht entwickeln möchte, der muss sozial attraktiv sein. Der Erfolg der Neo­nazis in einigen Gegenden Deutschlands ist ein trauriger Beleg dafür, ebenso wie der Erfolg der Occupy-Bewegung, die in ihren Zeltlagern neue Formen des Miteinanders erprobt hat, ein positiver ist. Vor diesem Hintergrund ist auch die Kritik problematisch, die neuen, kreativen Protestformen seien per se wirkungslos. Das Problem dabei ist die Frage, wie und aus welcher Perspektive heraus man Erfolg und Scheitern definiert. So könnte man beispielsweise sagen, die 68er-Bewegung ist politisch gescheitert, war aber kulturell durchaus erfolgreich. Auch wenn es Pussy Riot nicht gelungen ist, ihre Verhaftung abzuwenden oder gar das Putin-Regime zu stürzen, haben sie womöglich dazu beigetragen, staatliche Doppelmoral aufzudecken und damit gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben.

Auch die Frage der Aufmerksamkeitsökonomie, also der Tatsache, dass Aufmerksamkeit für die einen den anderen dieselbe entzieht, beziehungsweise die Frage, mit welchen Protestgruppen sich Individuuen und Staaten solidarisch zeigen sollen, ist nicht neu. Sie ist jedoch durchaus legitim. Sicherlich gibt es in Russland andere Menschenrechtsaktivisten, die ebenfalls unsere Aufmerksamkeit verdienen. Und in der Kony-Kampagne schwingt ein Weltbild mit, das von US-amerikanischen Interessen geprägt ist. Das ändert jedoch nichts an der Richtigkeit der jeweiligen Anliegen.



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