Große Jungs

Frank Sellers

Was vom Krieg übrig bleibt (Ausgabe I/2007)


Private Militär- und Sicherheitsfirmen haben einen schlechten Ruf. Aber sie sind ein notwendiges Übel für den Wiederaufbau in Kriegsgebieten. Jeder Kunde, jeder Lastwagen, jeder Wasserbehälter, der an sein Ziel gelangt, trägt dazu bei. Private Sicherheitsfirmen eskortieren zum Beispiel Konvois, stellen Bodyguards für Politiker oder Geschäftsleute und bewachen die Checkpoints von Militärbasen und zivilen Institutionen. Die Verträge der Mitarbeiter laufen drei bis zwölf Monate. Manche Firmen kümmern sich sehr gut um ihre Leute, für andere ist der einzelne Mitarbeiter nur eine Nummer. Das gilt besonders für die großen Firmen. Manche Auftraggeber halten nicht, was sie versprechen, aber das merkt man dann erst vor Ort. 


 Ich war bisher dreimal im Irak. Beim zweiten Mal im Jahr 2005 ging es darum, einen Konvoi mit Rohren für Ölpipelines in Kurdistan zu begleiten. Die Mission startete in Kuwait an der Grenze zum Irak, wo fast alles lagert, was in den Irak transportiert wird. Die Regel, um Konvois zu überleben, lautet „den Feind vermeiden“. Daher müssen wir vorher Informationen über alle Eventualitäten und Gefahren auf der Strecke sammeln. Dafür ist der Teamleiter zuständig. Dann treffen wir uns mit den einheimischen Lastwagenfahrern und nehmen ihnen die Mobiltelefone ab, denn es könnte schließlich passieren, dass jemand mit Attentätern irgendwo an der Strecke in Kontakt steht und Bescheid sagt, wann wir kommen. Das Spiel im Irak heißt „Traue niemandem außer deinen Teamkollegen“. Bevor es losgeht, kontrollierten wir unsere persönliche Ausrüstung, Helm, Schutzweste, Maschinengewehr. Anfangs war es schwierig, mit Irakern zusammenzuarbeiten, denn man traut einfach niemandem. Die irakischen Mitarbeiter werden aufgrund von Empfehlungen eingestellt, aber sie werden nicht überprüft. Man weiß nie, ob vielleicht jemand dabei ist, der Informationen an Aufständische weitergibt. Aber wenn sich das Team besser kennenlernt und gemeinsam ein paar schwierige Situationen durchgestanden hat, verschwindet auch der Argwohn. 


 Die Leute im Team sind meist hochqualifiziert und müssen sich hundertprozentig aufeinander verlassen können. Viele kommen von der französischen Fremdenlegion oder von Spezialeinheiten der US-Armee. Ich selbst war acht Jahre bei der US-Navy und habe 13 Jahre lang in einem „Special Weapons and Tactics Team“ der Polizei gearbeitet. Für mich sind Jobs in Sicherheitsdiensten ideal: die Spannung, die Teamarbeit und auch die gute Bezahlung. Wenn ich drei Monate lang im Irak Eskorten durchführe, verdiene ich so viel wie in einem Jahr bei der Polizei zu Hause. Jeder muss für sich selbst abwägen, ob die Bezahlung das Risiko aufwiegt. Wir sind alle große Jungs da draußen. Würde man für fünf- oder sechstausend Dollar monatlich in den Irak gehen und Konvois begleiten? Wahrscheinlich nicht. Solche Aufträge sollten sich eher zwischen 13.000 und 16.000 Dollar Monatslohn bewegen. 


 Militär- und Sicherheitsfirmen müssen wegen der Gefahrenlage recht aggressiv auftreten. Oberste Priorität haben der Schutz des Klienten und die eigene Sicherheit. Wenn ein Auto auf den Konvoi zugerast kommt, dann ist mein erster Gedanke: Das könnte ein Selbstmordattentäter sein. Ich winke oder gebe einen Warnschuss ab. Wenn er nicht anhält und ein tödlicher Schuss die letzte Möglichkeit ist, ihn zu stoppen, darf man nicht zögern. Um ehrlich zu sein: Das passiert häufiger. 


 Normalerweise bleibt der Konvoi möglichst auf Haupttransportstraßen. Die „Bösen“ wissen das allerdings auch, so dass es einfach für sie ist, einen Sprengsatz – ihre Lieblingswaffe – für uns zu postieren. Oft sind die Attentäter nicht einmal selbst da, sondern zünden den Sprengsatz über ein Handy. Ein anderes Problem sind Heckenschützen. Sie operieren nach dem Prinzip „Hit and Run“. Das heißt, sie versuchen, den größtmöglichen Schaden anzurichten, und verschwinden dann schnell wieder. Es passiert nicht oft, dass wir in einen richtigen Kampf verwickelt werden. 


 Die Eskorte muss immer auf der Hut sein, Selbstsicherheit ist absolut tödlich. Wenn möglich, bleibt man im Fahrzeug. Hinten auf dem Wagen sitzen Wachen mit Maschinengewehren im Anschlag. Wenn man eine Pause einlegen muss, um zum Beispiel zur Toilette zu gehen, hält der ganze Konvoi an. Danach geht es sofort weiter. 


 Es klingt vielleicht zynisch, aber ich glaube, dass alles, was passiert, einen tieferen Sinn hat. Jemand kann über 20 Jahre hinweg bei einer Spezialeinheit gearbeitet haben und aus hundert schwierigen Situationen heil herausgekommen sein. Er kann die beste Ausbildung haben, die es gibt: Es reicht eine einzige Kugel, um ihn zu töten. Trotzdem sind laut Statistik seit Anfang des Irakkrieges nur ein Prozent aller Mitarbeiter von Sicherheitsfirmen dort umgekommen. Die Chance, auf einer Straße in den USA von einem Auto überfahren zu werden, ist höher. 
 

Protokolliert von Nicole Graaf



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