Ihre Stimme zählt

Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Ausgabe II/2012)


Die Frauenbeauftragte

Mereani Buli Celua, 67 Jahre alt, aus dem Dorf Verata Wailevu auf Fid­schi, ist die Frau eines Herolds. Dieser ist der Vertreter des Stammeshäuptlings und vermittelt zwischen ihm und seinem Stamm und umgekehrt, und auch zwischen dem Dorf und externen Parteien. Die Rolle der Frau des Herolds ist genauso wichtig: Für die Frauen aus dem Dorf ist Mereani Buli Celua ein guter Draht zum Häuptling. In der traditionellen fidschianischen Kultur dürfen Frauen ihre Meinungen nicht ohne Männer äußern. Dies gilt als wichtig, um die Ordnung innerhalb der Dorfgesellschaft zu wahren, in der Männer die Entscheidungsträger sind. Das bedeutet jedoch nicht, dass Frauen keine Stimme haben. Als Frau des Herolds arbeitet Mereani Buli Celua eng mit der Frau des Häuptlings zusammen und auf diese Weise werden sie zur Nachrichtenlinie, die direkt zum endgültigen Entscheider, dem Häuptling, führt. Wenn es etwa ein von Frauen initiiertes Entwicklungsprojekt gibt, kommen die beiden Herrscherfrauen zusammen, um darüber zu sprechen und die Ergebnisse dann an einen ihrer Männer weiterzukommunizieren. Falls der Häuptling zustimmt, gibt die Häuptlingsfrau die Entscheidung wiederum über die Heroldsfrau Mereani Buli Celua an die anderen Frauen im Dorf weiter. Es klingt ein wenig kompliziert – aber es funktioniert.

Protokolliert von Dionisia Tabureguci

Die Lehrerin

Die Lehrerin Hellen Amaro kam 2010 nach Paso Mariano, in eine ländliche Region im Norden Uruguays, in der etwa 170 Menschen in einfachen Verhältnissen leben. Auf dem fruchtbaren Land bauen die Familien Reis, Soja und Weizen an. An ihrem ersten Arbeitstag  als Lehrerin und Schuldirektorin wurde Hellen Amaro von rund 70 neugierigen Kindern begrüßt. Die 40-Jährige war gespannt, wie gut die Kinder bereits mit den grün-weißen Laptops umgehen konnten, die im Jahr 2009 im Zuge des staatlich finanzierten Bildungsprogramms Plan Ceibal an alle Primarkinder Uruguays verteilt worden waren. Die Kinder bedienten die Geräte bereits mit großer Leichtigkeit, während Hellen Amaro selbst noch nicht einmal alle Lernprogramme ganz beherrschte. Doch die Eltern, die alle in der Landwirtschaft arbeiten, sind nach wie vor skeptisch, ob ihre Kinder wirklich einen Computer brauchen. Politiker hatten mit viel Pathos für das Programm „Ein Laptop pro Kind“ geworben: Soziale Gerechtigkeit durch freien Zugang zum Internet solle es bringen, Demokratisierung  und Chancengleichheit. Hellen Amaro glaubt fest daran, dass den Kindern durch das neue Wissen ein größerer Horizont offensteht als vorher. Die nahe Zukunft wird es zeigen.

Protokolliert von Simon Hügly

Der Älteste

Hoch oben auf einem der Nuba-Berge, im sudanesischen Dorf Kummu Juwa, lebt Rakuba Hamoda, genannt Chocho, mit seiner Frau. Er ist mit 117 Jahren der Älteste der etwa 800 Tira, einer Ethnie der Nuba, die dort in grasgedeckten Rundhütten lebt. Er ist der Einzige vom Rang eines Urdhine – das heißt er hat die Stammesrituale aller Lebensalter durchlaufen. Bei jedem Vorhaben, das die Gemeinschaft betrifft, bitten ihn die Dorfbewohner um Rat und Segen. Wie mancherorts in Afrika üblich, spuckt der alte Mann jungen Nachkommen leicht in die Handfläche, um ihnen Kraft zu übertragen. Seine große Weisheit und Autorität machen Chocho zu einem wichtigen Berater des Stammesgerichts. Als Vorsitzender der Schamanen nimmt er an Ritualen wie Regen- und Erntezeremonien teil und stellt sicher, dass uraltes Wissen nicht verloren geht. Er ist gewissermaßen das Geschichtsbuch des Dorfes und das Bindeglied zu den Ahnen. Seine Gelassenheit, Heiterkeit und sein Sinn für die wesentlichen Dinge erwecken den Eindruck, als stehe er schon ein Stück weit im nächsten Leben.

Protokolliert von Enikö Nagy



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