Die schärfsten Menschen auf Erden

von Joey Goebel

Brasilien: alles drin (Ausgabe I/2013)


Über das Aussehen der Brasilianer ist sich die ganze Welt einig. Daraus wird sicher kein Thema für die nächste Sitzung der Vereinten Nationen. Es aber völlig zu ignorieren, nur weil es etwas seicht zu sein scheint, wäre auch eindimensional. Warum nicht einmal offen die oft artikulierte These: "Die schärfsten Menschen auf Erden sind die Brasilianer", prüfen? Objektive Beweise für eine Bestätigung zu finden, wird schwer, doch weist einiges darauf hin, dass das Land tatsächlich in einem Maße außergewöhnlich attraktive Menschen hervorbringt, den der Rest der Welt schlicht unfair findet.

Eine schnelle Internetrecherche bestätigt den Konsens: In allen Umfragen, in denen es um Schönheit geht, liegen Brasilianer auf dem ersten Platz und gerne wird die brasilianische Dominanz in Sachen Aussehen mit dem lapidaren Hinweis, das sei ja Allgemeinplatz, vom Tisch gefegt.

Auf Universitätsebene hat sich bisher niemand an globale Vergleiche der Gesichtssymmetrie herangewagt. Doch eine Studie der London School of Hygiene and Tropical Medicine hat jüngst kulturübergreifend Standards der Schönheit untersucht und auf der Basis seriöser Daten den durchschnittlichen Body-Mass-Index von 177 Nationen bestimmt. Die Brasilianer liegen mit ihrem Körpergröße-Gewichts-Verhältnis in der Gruppe der "Gesündesten".

Und noch etwas lässt sich kaum ignorieren: Übermäßig viele weltbekannte Models kommen aus Brasilien. Beim US-amerikanischen Dessouslabel Victoria's Secret sind mehr Brasilianerinnen beschäftigt als Mädchen aus irgendeinem anderen Land, Amerika eingeschlossen. Jeder weiß, dass der Ruf der brasilianischen Schönheit mit dem Aufstieg des deutsch-brasilianischen Supermodels Gisele Bündchen Anfang des Jahrtausends auf ein neues Niveau katapultiert wurde. Zwei weitere Ausrufungszeichen erhält die brasilianische Invasion durch Adriana Lima und Alessandra Ambrosio, die in den Folgejahren Topmodels bei Victoria's Secret wurden.

Kein Wunder also, dass die Welt heute von Brasilianern erwartet, umwerfend zu sein. Diese Erwartungshaltung hilft vielleicht auch zu verstehen, warum Brasilien bei der Häufigkeit von Schönheitsoperationen auf Platz zwei in der Welt rangiert. (Wer Erster ist? Na, die USA!) Anfang des Jahres berichtete die New York Daily News, dass Brasilien seinen armen Bürgern kostenfrei kosmetische Operationen von Botox bis Haarentfernung ermögliche, weil das Aussehen wesentlich mit dem Selbstwertgefühl verknüpft sei. Da hat der brasilianische Jedi-Meister der plastischen Chirurgie, Dr. Ivo Pitanguy, ganze Arbeit geleistet und seinem Land einen vorurteilsfreien Blick auf solche Eingriffe beschert. Was zunächst absurd anmutet - kosmetische Fürsorge -, entpuppt sich als wohlmeinende Hilfe für Menschen, deren Schönheitslatte immens hoch gehängt wurde.

Doch das alles erklärt immer noch nicht, warum die Welt die natürliche Schönheit der Brasilianer als Tatsache hinnimmt. Nur ein Mann mit internationaler Perspektive kann uns dieses Phänomen erhellen: Jonas Araújo, 24 Jahre alt, geboren in São Luís, Maranhão, besucht ein College in Evansville, Indiana, das vom Meinungsforschungsinstitut Gallup 2010 als amerikanische Stadt mit den fettesten Einwohnern gebrandmarkt wurde. Mit dem Blick des Auswärtigen erkennt Araújo im brasilianischen Klima und dem gesunden Lebensstil entscheidende Faktoren, doch was Brasilien anderen wirklich voraus habe, sei die multiethnische Abstammung, das Mischen der DNA verschiedenster ethnischer Gruppen mit der DNA brasilianischer Ureinwohner. Die genetische Vielfalt liefert nach Araújo die beste Erklärung: "Anders als in anderen Ländern hat man sich hier nicht voneinander ferngehalten. (...) Deshalb waren die Nachkommen aus gemischten Beziehungen ästhetisch so einzigartig."

Viele Studien belegen, dass wir andere Menschen umso anziehender finden, je mehr sie uns gleichen. Vielleicht findet die Welt die Brasilianer ja gerade deshalb so attraktiv, weil jeder an ihnen, ganz unbewusst, kleine Ähnlichkeiten feststellt.

Aus dem Englischen von Karola Klatt



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