Jeder Mann hat seinen Preis ...

von Jagdish N. Bhagwati

Menschen von morgen (Ausgabe I/2009)


Die Bedeutung der Kultur für die Ökonomie wird oft unterschätzt. Kulturelle Faktoren zu berücksichtigen gilt als hinderlich, wenn es darum geht, sich bei der Analyse wirtschaftlicher Phänomene auf die relevanten Fachfragen zu konzentrieren.

Als ich jung war, wurde der Mangel an wirtschaftlicher Entwicklung, der in manchen Gesellschaften zu beobachten ist, damit begründet, dass dem ökonomischen Erfolg dort aufgrund bestimmter kulturell bedingter Wertvorstellungen insgesamt nur eine geringe Bedeutung beigemessen werde. Demgegenüber behaupteten und belegten die Ökonomen, dass Gelegenheiten, die wirtschaftlichen Erfolg versprechen, auf die eine oder andere Weise immer und überall ergriffen werden. Die jeweilige Kultur, so ihre Argumentation, habe lediglich Einfluss auf die Intensität und die Geschwindigkeit, mit der die Menschen auf ökonomische Anreize reagieren. Jeder Mann habe seinen Preis und lediglich die Höhe des Preises falle je nach Kultur unterschiedlich aus. Tatsächlich ging es bei den frühen Studien im Bereich der Entwicklungsökonomie darum zu zeigen, dass etwa bestimmte bäuerlich geprägte Bevölkerungsgruppen entgegen der allgemeinen Annahme durchaus auf Marktanreize reagierten.

Einige Ökonomen taten sich schwer, manche auf kulturellen Faktoren basierende Erklärungen zu akzeptieren. Sie schienen zu wenig eindeutig. So wurde der Konfuzianismus lange als Hindernis für eine wirtschaftliche Entwicklung gesehen. Als dann einige ostasiatische Länder wirtschaftlich erfolgreich waren, wurde der Konfuzianismus plötzlich als der Entwicklung förderlich betrachtet! Ich erinnere mich an eine Karikatur, welche die Einstellung vieler Ökonomen zu kulturell ausgerichteten Erklärungsmodellen wiedergibt: Ein Manager im Outfit eines Shinto-Priesters sagt zu seinen Mitarbeitern: „Die protestantische Ethik tut’s nicht mehr wir wenden uns jetzt dem Shintoismus zu.“ Manche Ökonomen gehen zu weit mit ihrer Skepsis gegenüber kulturellen Faktoren. Dabei bringen sie sich um ein wichtiges Instrument zur Erklärung wirtschaftlicher Phänomene. Ich habe beispielsweise den Einfluss untersucht, den die Globalisierung in armen Ländern auf die Kinderarbeit hat. Wir können, von einem kulturellen Standpunkt aus betrachtet, zwischen schlechten und guten Eltern unterscheiden. Wenn zum Beispiel die Einkommen für Reis dank der Globalisierung steigen, werden schlechte Eltern sagen: Wir können jetzt mehr mit dem Reisanbau verdienen, also nehmen wir eines unserer Kinder aus der Schule und lassen es auf dem Feld arbeiten.

Demgegenüber werden gute Eltern sagen: Es geht uns wirtschaftlich besser, also kann das Kind, anstatt auf dem Feld zu arbeiten, nun zur Schule gehen. In vielen Ländern, in denen entsprechende Studien durchgeführt wurden, erweisen sich Eltern als gute Eltern. Vielleicht gibt es kulturelle und biologische Faktoren, die gute Entscheidungen der Eltern bedingen. Ökonomen würden hinzufügen, dass die tugendhaften Entscheidungen auch durch wirtschaftliche Faktoren beeinflusst werden. Zahlreiche Studien zeigen, dass eine verbesserte Grundschulausbildung ihrer Kinder den einzelnen Familien große wirtschaftliche Vorteile bringt. Allerdings können sich arme Bauern kein Geld leihen, um die Schulausbildung ihrer Kinder zu finanzieren, weil sie nicht genug Sicherheiten haben. Wenn die Einkommen steigen, kann dieses Hindernis überwunden werden und die Bauern können gute – im Sinn von tugendhaften – Entscheidungen treffen.

Auch bei grundlegenden Konflikten zwischen Ländern spielen kulturelle Unterschiede eine wichtige Rolle. So ist die Einstellung gegenüber technischen Neuerungen wie der gentechnischen Veränderung von Lebensmitteln in den USA die, dass man damit Probleme lösen kann. Demgegenüber vermutet man in Europa tendenziell, dass gentechnisch veränderte Lebensmittel Probleme verursachen. In Europa klingt die Bezeichnung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln als „Frankenstein Food“ durchaus plausibel in den USA wird ein solches Bild eher als lächerlich empfunden. Auch dazu fällt mir eine Karikatur ein, in der ein Gast im Restaurant zum Kellner sagt: „Dieser Brokkoli schmeckt nicht er sollte gentechnisch geschmacksverbessert werden.“ In meinem Buch über die Globalisierung schreibe ich, dass die Vereinigten Staaten schließlich auch ein Land sind, in dem künstlich aufgepeppte Frauen von Männern umworben werden, denen man dabei ebenfalls künstlich auf die Sprünge hilft (mit Viagra).

Immer wieder hat es Auseinandersetzungen zwischen den USA und Europa über genmanipulierte Lebensmittel gegeben. Vergleichbare Diskussionen wurden über kulturelle Fragen und die Globalisierung geführt. Im Allgemeinen verstehen Amerikaner nicht, dass andere Länder meinen, ihre Kultur werde durch die wirtschaftliche Globalisierung ausgehöhlt. So wollten die EU, Kanada und andere etwa mit Hilfe von Beschränkungen und Reglementierungen ein Minimum an einheimischen Fernsehsendungen garantieren. In den USA sieht man so etwas tendenziell als Protektionismus. Amerikaner merken nicht, dass die Vereinigten Staaten einzigartig in ihrem Unverständnis gegenüber anderen Ländern sind, die in Anbetracht globaler Einflüsse entsprechende Maßnahmen zur Bewahrung ihrer einzigartigen Kultur für notwendig halten. Die Sonderstellung der USA in dieser Angelegenheit geht auf die Erfahrungen zurück, die man als Einwanderungsland gemacht hat: Der „Import“ und die Assimilierung verschiedener Kulturen bedeuten keine Gefahr, sondern führen dazu, dass man in New York Hunderte Sorten Käse kaufen kann, japanisches Sushi, osteuropäisches Pastrami und indisches Tandoori Chicken.

Aber auch was den Export betrifft, sind die USA ganz vorn mit dabei: Sie exportieren „Massenkultur“ wie Coca-Cola, McDonalds und Popmusik und „Hochkultur“ wie die Forderung nach mehr Rechten für Kinder und Frauen. Will man seine Kultur schützen, bleibt natürlich die Frage, wie man das am besten macht. Wenn man die eigene Kinokultur bewahren und fördern will, sind Quoten zur Importbeschränkung für ausländische Filme insofern schon mal nicht das richtige Mittel, als die Menschen immer auf DVDs ausweichen können. Einmal mehr zeigt sich, dass es besser ist, die eigene Filmindustrie zu fördern, als die Verbreitung ausländischer Filme zu beschränken – lieber den Wettbewerb zwischen Besson und Spielberg zulassen, als Besson vor dem Wettbewerb zu schützen.

Die aktuelle Finanzkrise macht auch sehr deutlich, welche Rolle kulturelle Faktoren bei der vehementen Ablehnung von Bailouts, der Übernahme von Schulden durch Dritte beziehungsweise Staatsgarantien, spielen, die unerlässlich sind, wenn man den Zusammenbruch des Finanzsystems verhindern will. Viele Menschen haben sich in den USA darüber aufgeregt, dass Topmanager ihre Aktien verkauften und aus Firmen ausstiegen, kurz bevor diese pleite gingen, und dabei viel Geld machten, während Arbeiter ihre Jobs verloren und ihre Aktien im Wert abstürzten. Wirklich schockierend sind in dieser Angelegenheit nicht so sehr die großen Summen, die die Manager einheimsen, und die „Ungleichheit“. Die heftigen Reaktionen haben eher damit zu tun, dass die Vorgänge als „unmoralisch“ empfunden werden. Anders als Schulkinder in Asien lernen jene der westlichen Welt von früh an, dass der Kapitän eines sinkenden Schiffs an Deck zu bleiben und mit dem Schiff unterzugehen hat, während die Passagiere sich mit den Rettungsbooten in Sicherheit bringen. Nun taten die Manager aber das Gegenteil, das heißt, sie benützten die Rettungsboote, während die Arbeiter mit den Unternehmen untergingen! Dieser Vorgang vertrug sich nun überhaupt nicht mit den Vorstellungen, welche die Menschen von moralisch richtigem Verhalten haben.

Deshalb sind die Bemühungen der Regierung Bush in Sachen Bailout und ihr Versuch, die Staatsgarantien der amerikanischen Öffentlichkeit beziehungsweise dem Kongress zu verkaufen, auf starken Widerstand gestoßen. Vielleicht hätte es geholfen, die Notwendigkeit des Bailouts mithilfe eines Vergleichs zu erläutern. Stellen Sie sich vor, Sie befänden sich in einem Rettungsboot in der Situation, dass aufgrund einer totalen Überbelegung eine Entscheidung zu treffen ist: Eine Person muss aus dem Boot geworfen werden. Wenn Sie den kräftigen Kerl im teuren Anzug rausschmeißen, könnte er nicht mehr beim Rudern helfen und damit würde sich die Wahrscheinlichkeit einer Rettung verringern. Sie werden also den körperlich weniger starken, in Lumpen gekleideten Mann aus dem Boot stoßen, der nicht so gut rudern kann. Es scheint unfair, denjenigen zu retten, dem es besser geht. Aber aus der Situation heraus ist dieses Handeln gerechtfertigt. Und so ist es auch mit den Bailouts der großen Banken.

Am Ende ist die pragmatische Art der Amerikaner der Garant dafür, dass es uns gelingt, die Krise zu überwinden. Am Anfang der Krise war der französische Präsident Sarkozy mit seiner Lektüre von Marx’ „Kapital“ in der Zeitung. Ich habe mich über ihn lustig gemacht: Hat nicht jeder anständige Franzose Marx, Proust und Voltaire in der Schule gelesen? Warum hat Sarkozy eine so schlechte Ausbildung erhalten und erst französischer Präsident werden müssen, um Marx lesen zu können? Im Gegensatz zu ihm machten sich die Amerikaner daran, die Probleme auf dem Finanzmarkt zu lösen. Die amerikanische Ideologie ist das Fehlen einer Ideologie. Hier muss ich an die Antwort denken, die Sir Geoffrey Crowther von der Zeitschrift The Economist auf die Frage gab, was die Philosophie seines Blattes sei: „Wir gehören zur extremen Mitte!“

Aus dem Englischen von Loel Zwecker



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