„Innere Potenziale nutzen“

von Wilhelm Hinrichs

Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod (Ausgabe IV/2012)


In zahlreichen EU-Ländern sind die Geburtenziffern in den letzten 40 Jahren um fast ein Drittel gesunken. Den höchsten Rückgang verzeichneten Portugal, Spanien, Italien, Griechenland und Deutschland. Auf einen moderaten Rückgang der Geburtenziffern können Schweden und Luxemburg mit rund zehn Prozent sowie Finnland, Großbritannien und Dänemark mit rund 20 Prozent verweisen. Der Geburtenrückgang erhöht das Durchschnittsalter der Bevölkerung, was wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme mit sich bringt. Wie kann dieser Trend gestoppt werden?

Oft werden Familien- und Migrationspolitik als Lösungsansätze genannt. Tatsächlich könnte die Zuwanderung junger Menschen leichte Entlastung bringen. Doch die betroffenen EU-15-Länder – also die Mitgliedstaaten vor der Osterweiterung 2004 –  sind, mit Ausnahme von Luxemburg, nicht das bevorzugte Ziel hoch gebildeter Migranten aus anderen Teilen der Welt. Diese gehen nach wie vor lieber nach Australien, Kanada, Norwegen und die Schweiz. Außerdem bekommen Migranten, besonders nachdem sie eine Weile in diesen Ländern gelebt haben, nicht notwendigerweise mehr Kinder. Für weniger qualifizierte Zuwanderer stellt ein erfolgreicher Integrationsprozess zudem eine größere Herausforderung für die Aufnahmeländer dar. Deshalb kann auf die Nutzung innerer Poten­ziale keineswegs verzichtet werden. Eine zentrale Frage in den europaweiten Mediendebatten lautet: Kann Politik erfolgversprechend Einfluss darauf nehmen, dass junge Menschen wieder mehr Kinder bekommen, und wie?

Eltern wollen ihre Kinder ver- und umsorgt sehen, daher muss der Lebensstandard zum Zeitpunkt der Geburt und perspektivisch hoch genug sein, um mit einem Kind oder mehreren Kindern gesichert leben zu können. Dies lässt sich durch einen Blick in die Statistiken belegen. Vergleicht man über lange Jahre hinweg die Zufriedenheit mit dem Lebensstandard – welcher sich aus Arbeitsplatzsicherheit und Haushaltseinkommen zusammensetzt – Länder mit den höchsten Fertilitätsraten (Irland, Frankreich, Schweden, Großbritannien und Finnland) mit der in jenen Ländern mit den niedrigsten Fertilitätsraten (Portugal, Deutschland, Österreich, Spanien und Italien), ergibt sich ein konstanter und signifikanter Unterschied. In den fünf Ländern mit den höchsten Fertilitätsraten sind durchschnittlich 87 Prozent der Bevölkerung mit ihrem Lebensstandard zufrieden, während es in den Ländern mit den niedrigsten Raten 72 Prozent sind. Politische Maßnahmen, die für materielle Sicherheit von Paaren sorgen, könnten diese also offenbar dazu bewegen, mehr Kinder zu bekommen.

Eine wichtige Rolle bei der Entscheidung für oder gegen ein Kind spielen auch Faktoren wie Zuneigung, Verlässlichkeit, Bindungsbereitschaft und Bindungsstabilität in der Partnerschaft. Wie kinderfreundlich eine Gesellschaft ist und welches Familienbild in ihr vorherrscht, ist ebenfalls entscheidend. Auch in diesem Punkt zeigt sich im Ländervergleich ein frappierender Unterschied. Partner, die mit Kindern leben, die intensive verwandtschaftliche Kontakte pflegen, die, kurz gesagt, ihre Familiensituation als ausgeglichen beschreiben, sind zufriedener und glücklicher. In geburtenstarken Ländern ist auf einer Skala von 0 bis 10 (0 = ganz und gar unzufrieden; 10 = ganz und gar zufrieden) eine Lebenszufriedenheit von durchschnittlich 7,8 zu verzeichnen, in den geburtenschwachen Ländern fällt sie mit durchschnittlich 6,8 um einen Skalenpunkt geringer aus. Die Politik kann auch auf diesen Aspekt, wenn auch nur bedingt, Einfluss nehmen, indem sie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und das Kinderbetreuungsangebot verbessert.

So gesehen, lässt sich die Frage, ob Familienpolitik die demografische Entwicklung in Europa positiv beeinflussen kann, zugespitzt mit einem Ja beantworten. Dies ist mit erheblichen Folgen für die Politik verbunden. Erstens dürfen sich familienpolitische Maßnahmen, sollen sie fertilitätsfördernd wirken, nicht in einer formalen Erfüllung statistischer Zahlen erschöpfen, etwa darin, antizipierte Ziele von Kinderbetreuungsquoten irgendwie zu erreichen. Zweitens müssen solche Maßnahmen dem Grundsatz folgen, dass Paare die Möglichkeit haben, ihren Lebensstandard durch Erwerbstätigkeit zu sichern, ohne dass sich dies negativ auf die Familiensituation auswirkt. Zudem haben alle politischen Maßnahmen immer das Wohl der Kinder abzuwägen.



Ähnliche Artikel

Körper (In Europa)

„Künstler müssen sich mehr beteiligen“

von Karl-Erik Norrman

Im Kulturparlament diskutieren Künstler Ideen für die Zukunft. Ein Gespräch mit dem Generalsekretär Karl-Erik Norrman über die Rolle der Intellektuellen in Europa 

mehr


Das ärmste Land, das reichste Land (Bücher)

Aufstand am Katzentisch

von Daniel Bax

Die Kinder und Enkel einstiger Einwanderer wollen heute mitbestimmen. Warum dies zu Konflikten führt, erklärt Aladin El-Mafaalani in »Das Integrationsparadox«

mehr


Was vom Krieg übrig bleibt (Forum)

„Migrantenkinder werden unterfordert“

von Janina Söhn

Fördern oder Fordern

mehr


Wir haben Zeit. Ein Heft über Langsamkeit (In Europa)

„Schiffbrüchigen helfen ist unsere Tradition“

ein Gespräch mit Ludger Pries, Giuseppina Maria Nicolini

Die Bürgermeisterin von Lampedusa Giusi Nicolini schildert die Flüchtlingskatastrophe auf ihrer Insel, der deutsche Soziologe Ludger Pries erklärt Migrationsprozesse

mehr


Beweg dich. Ein Heft über Sport (In Europa)

Sprachregelungen

von Jan Kruse

Warum Europa keine Lingua franca braucht, sondern seine Sprachenvielfalt pflegen sollte

mehr


Innenleben. Ein Heft über Gefühle (In Europa)

„Wir können unsere Kritik nicht mehr äußern“

ein Gespräch mit Kornél Mundruczó, Aggeliki Papoulia, Christos Passalis, Àlex Rigola, Dóra Büki

Existiert in Ungarn, Griechenland und Spanien noch eine unabhängige Theaterszene? Ein Gespräch mit europäischen Regisseuren, moderiert von Thomas Ostermeier

mehr