Blutige Geschäfte

von José Springer

Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod (Ausgabe IV/2012)


Die mexikanische Kultur ist berühmt für die Tradition, der Toten zu gedenken und eine Nacht im Jahr, die des 1.?November, mit ihnen zu verbringen. Die Gegenwart der Toten findet Ausdruck in der Musik, in Bildern, in der Architektur und in Alltagsriten. Die jahrtausendealte Obsession der mexikanischen Ureinwohner mit dem Tod nimmt in jeder Generation neue Formen an.

Im vergangenen Jahrzehnt hat der Tod in Mexiko an politischer Bedeutung gewonnen. Seit 2006, dem Jahr, in dem Präsident Felipe Calderón eine breit angelegte Offensive gegen das organisierte Verbrechen lancierte, forderte der Drogenkrieg 57.000 Todesopfer, so viele wie in einem konventionellen Krieg. Neun von zehn Toten sind laut der mexikanischen Generalstaatsanwaltschaft Angehörige der Drogenbanden. Meist handelt es sich um junge Männer aus armen Familien, die bei Rivalitäten der verschiedenen Kartelle untereinander, um Einflusszonen und Schmuggelrouten, umkommen.

In den ersten Jahren des Drogenkrieges machten selbst die seriösen Zeitungen die Zeugnisse unglaublicher Gräueltaten publik; Bilder von Enthaupteten und von verstümmelten Leichen oder die makabren Funde von Massengräbern, in denen man Dutzende von Leichen fand – darunter Frauen, Kinder und Jugendliche, die anonym zu Tode geprügelt oder mit einem Gnadenschuss getötet worden waren. Vor drei Jahren verständigten sich die Medien darauf, auf Bilder von Opfern der Massenmorde zu verzichten oder sie zumindest auf die hinteren Seiten der Zeitungen zu verbannen.

Der Tod so vieler junger Menschen, die der Gewalt zum Opfer gefallen sind, hat vor allem in den am stärksten betroffenen Bundesstaaten, Chihuahua, Sinaloa und Guerrero, ganze Familien zerstört. Die Eruption sozialer Werte und Zukunftshoffnungen hat in Mexiko Gebiete geschaffen, in denen eine ganze Generation sich bewusst entschieden hat, sich den Drogenbanden anzuschließen und das Risiko eines schnellen Todes in Kauf zu nehmen, antatt wie ihre Eltern ein entbehrungsreiches Leben in extremer Armut zu führen.

Es wundert wenig, dass einer der beliebtesten Musikstile der Jugend in den vergangenen Jahren den Drogenhandel und die Drogenkriminalität glorifiziert. Der sogenannte Narcocorrido ist aus dem traditionellen Musikgenre Corrido hervorgegangen. Dabei handelt es sich um kurze gesungene Geschichten in Versform, die von den Todesumständen eines Mafiakillers und seinen vermeintlichen Heldentaten handeln.

2009, als Edgar, der Sohn des mächtigsten Drogenhändlers Guzmán, genannt El Chapo, ermordet wurde, tauchte auf You Tube ein solcher Corrido mit dem Titel „Der Tod des Edgar Guzmán“ auf. Das Lied wurde dort acht Tage nach Edgars Tod von einem Nutzer eingestellt, der sich hinter dem Pseudonym mafiadesinaloa, Mafia von Sinaloa, verbarg. Der Texte lautet: „Der, für den ich den Corrido singe / Kann ihn nicht mehr hören. / In Culiacán, Sinaloa / Haben sie ihn umgebracht. / Der Chapito ist jetzt sauer / Bestimmt wird er sich rächen. / Hinterhältig machten sie ihn kalt / Keine Chance, sich zu wehren. / Ein Volltreffer mit der Bazooka / Da war nichts zu machen. / Ihm blieb keine Zeit für gar nichts / Nicht einmal wehren konnte er sich.“

Diese Art von Liedern wurden in einigen Bundesstaaten verboten, weil man davon ausgeht, dass die Gier nach detaillierten Schilderungen von Todesarten bei Jugendlichen, die sich kriminellen Banden anschließen, zur Verherrlichung von Verbrechen führt. Doch im Internet findet sich nach wie vor ein großes Repertoire an Musik über Mord und Totschlag.

Die ständige Präsenz des gewaltamen Todes in den Medien, aber auch im Leben der heutigen Mexikaner, hat auch in der Alltagskultur neue Formen der Dastellungen hervorgebracht. Das schelmische Bild des Todes, verkleidet als Frau mit breitkrempigem, federngeschmücktem Hut und elegantem schwarzen Kleid, das der Künstler José Guadalupe im frühen 20. Jahrhundert schuf, ist einem moderneren Bild gewichen, das stark religiöse Züge trägt.

Der Kult um La Santa Muerte, den „Heiligen Tod“, passt zu den zahlreichen neuen Religionen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten vor allem unter der einfachen Bevölkerung und in Gebieten, in denen gesellschaftliche Randgruppen leben, ausgebreitet haben. Im Zuge des steigenden Rückgangs der Anhänger der katholischen Kirche in der Bevölkerung hat der Kult um La Santa Muerte einen neuen religiösen Fanatismus entfacht, dessen Ausformungen man überall begegnet. Es ist zur Normalität geworden, dass man in den Straßenecken der ärmsten Stadtviertel Altare ähnlich wie in katholischen Gegenden findet, in denen eine Statue des Todes steht, mit einem Umhang über dem Totenschädel und einer Tunika über dem Skelett. Das Bild entspricht ganz dem eines Schutzpatrons, dem man Gebete und Opfergaben darbringt, um sich seiner Gunst zu versichern. Sich den Tod zum Verbündeten zu machen, ist eine Form, um ihm nicht in die Arme zu fallen.

Um sich vor den schweren Schlägen der Wirtschaftskrise zu schützen und nicht den Entbehrungen des Lebens ausgeliefert zu sein oder einfach nur, um in der immerwährenden sozialen Ungleichheit überleben zu können, erschaffen sich die Mexikaner immer neue Symbole und Mythen. Man kann zwar nicht sagen, wie ernst man die Bilder des Todes nehmen sollte, die sich die Mitglieder von Jugendbanden in die Haut tätowieren lassen oder mit denen Auftragsmörder ihre Pistolen schmücken. Sicher ist jedoch, dass die Mexikaner das Bild des Todes gerne so nah wie möglich bei sich tragen. Es gibt da eine besondere Furcht vor dem überraschenden Besuch des „Knochenmanns“, der dem sinnlosen Leben ein Ende bereitet. Wenn man sich schon nicht durch ein vorbildliches oder tugendhaftes Leben ausgezeichnet hat, kann man sich immer noch um einen angekündigten Tod bemühen, der zumindest eine bleibende Erinnerung in der Familie und bei Freunden schafft.

Zu den Merkwürdigkeiten des todbringenden Drogenhandels gehört eine Erscheinung, die man als „Drogen-Architektur“ bezeichnen könnte. So offenbart sich in den Grabmälern der Mafiabosse die Idee des Todes als Verlängerung des Lebens. In der Umgebung von Culiacán, Hauptstadt des Bundesstaats Sinaloa und Sitz des mächtigsten Drogenkartells Mexikos, findet sich ein Friedhof namens Jardines de Humaya. Von außen sieht der Friedhof aus wie ein typischer Ort für eine letzte Ruhestätte. Innen ist er in Blöcke unterteilt. Einige Meter vom Eingang entfernt fällt ein Block aufgrund seiner Gebäude und seines architektonischen Stils ins Auge. Hier zeigt sich deutlich, wie der Vorstellung vom Leben nach dem Tod in unterschiedlichen Materialien und so fantastischen wie widersprüchlichen Strukturen Ausdruck verliehen wird. Es sieht so aus, als wollten die Toten, die dort ruhen, nichts von den Annehmlichkeiten des Lebens entbehren. Die Gebäude sind zwei bis drei Stockwerke hoch und bestehen aus voll ausgestatteten Zimmern mit Betten, HD-Fernsehern, Stereoanlagen, Bar, Klimaanlagen, Bildern und Fotos der Verstorbenen. Auch an Briefen von Witwen, die dem toten Ehegatten, Geliebten oder Komplizen ihre Liebe und Zuneigung versichern, mangelt es nicht.

Die Fassaden sind reichlich mit gehauenem Stein verziert, darauf sind die wertvollsten Besitztümer der Verstorbenen dargestellt, wie etwa ein Lieferwagen der Marke Hummer, der in Stein gemeißelt an einem griechischen Portal hochklettert; oder erotische Frauenfiguren in Bikinis, die dorische Säulen zieren und den Toten auf seinem Weg ins Jenseits begleiten. Beeindruckend, wie sich das Ganze mit Symbolen der katholischen Religion verbindet wie das Kreuz und das blutende Herz mit Pistolen und Weinblättern voller Weintrauben. Der Tod bedeutet also nicht den unausweichlichen Verzicht auf das materielle Leben. Ganz wie in der indigenen Tradition Mexikos wird der Tote zusammen mit seinen liebsten Besitztümern beerdigt. Botschaften oder Liebesbekundungen, die den Toten auf seiner Reise begleiten sollen, stehen auf bedruckten Vinylplanen, die von den Alabaster- und Terrakottawänden hängen, um zu bezeugen, dass das Leben nur eine vorübergehende Etappe der Existenz war. Der verschwenderische Reichtum demonstriert den Glauben daran, dass es im Jenseits andere Paradiese gibt, die sich den Sterblichen erst erschließen, wenn sie Charon mit seinem Boot über den Fluss gebracht hat, der das Leben vom Tod trennt.

Aus dem Spanischen von Karin Betz



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