Biografien von der Stange

von Tanja Dückers

Menschen von morgen (Ausgabe I/2009)


So schön kann das Leben sein. Morgens liegen wir in der Sonne oder spielen Tennis. Dann basteln wir an dem neuen Web-Auftritt und chatten nebenbei mit ein paar Freunden. Und wenn es nicht zu spät ist, genehmigen wir uns danach noch ein Wellness-Bad.

So sieht die Zukunft aus, jedenfalls, wenn man jung ist, in Westeuropa oder Nordamerika lebt – und cleveren Trendscouts Glauben schenken will. Die Zeitschrift „Junge Karriere“ hat beispielsweise kürzlich die „Easy Economy“ ausgerufen. Demnach bieten die künftigen Arbeitsverhältnisse ein bislang unbekanntes Maß an Freiheit: Die modernen Angestellten kreieren ihren eigenen Lebensstil und „integrieren ihre Hobbys, persönlichen Interessen und Freunde in ihren Tagesablauf, der bislang nur vom Berufsleben geprägt war. Und sie machen dabei keine Abstriche im Job“, heißt es da. Gerade die 20- bis 30-Jährigen könne man heute nicht mehr neun Stunden an den Schreibtisch ketten.

Weil diese neuen „Freiangestellten“ angeblich produktiver und gelassener arbeiten, stellen besonders fortschrittliche Firmen bereits ihre Arbeitsstrukturen um. Sie messen nicht mehr die Anwesenheit ihrer Mitarbeiter, sondern deren Erfolge. Schon bietet fast jedes fünfte Unternehmen Arbeitsplätze an, die ohne festen Ort auskommen. Prognosen gehen davon aus, dass sich die Zahl derjenigen, die regelmäßig mobil und flexibel arbeiten, in den nächsten Jahren verdoppeln wird.

Offenbar ist eine stille Revolution auf dem Arbeitsmarkt in vollem Gange. Die Generation der „Babyboomer“ begibt sich nach und nach in den Ruhestand und zwingt die Unternehmen, junge Arbeitskräfte einzustellen. Deren Lebensstil ist geprägt von den neuen Technologien und einer fast zeit- und grenzenlosen Kommunikation. Für die Myspace- und Facebook-Generation ist ein Nine-to-five-Arbeitstag ebenso antiquiert wie ein Festnetzanschluss.

Mehr als symbolisch erscheint daher der Macht- und Generationenwechsel bei den US-Präsidentschaftswahlen. Während der jugendliche Barack Obama völlig souverän auf allen Kommunikationskanälen spielte und Millionen Unterstützer mit seinen E-Mail- und Internet-Angeboten gewann, konnte sein konservativer Konkurrent McCain nicht einmal einen BlackBerry bedienen.

Verwandelt jetzt also die „Generation Easy“ unsere Lebenswelt? Stürmen die Jüngeren nun auf den Arbeitsmarkt und schneiden endlich die alten Zöpfe ab? Nun, es gibt auch andere Meldungen, die nicht in das Bild einer aufmüpfigen und innovativen Generation passen.

So hat das österreichische Jugendforschungsinstitut t-Factory gerade 1.000 Personen zwischen 11 und 39 Jahren zu ihren Einstellungen und Gewohnheiten befragt. Herausgekommen ist dabei eine „Diktatur der Angepassten“: Protest gegen bestehende Mängel gibt es kaum mehr. Stattdessen rückt das Konsum- und Freizeitverhalten in den Mittelpunkt. Bei der Ausbildung und im Beruf dominiert Pragmatismus und das Streben nach möglichst raschem Vorankommen. Obwohl die Arbeit nur als Mittel zum Zweck gesehen wird, wollen die Befragten möglichst nichts anbrennen lassen und jedes Risiko vermeiden. Kein Ausgehen bis in den frühen Morgen vor einem Arbeitstag, kein wildes Party-Hopping oder zumindest temporäres Aufbegehren. Stattdessen dominiert die Sehnsucht nach Sicherheit und Stabilität. Die Antworten decken sich mit den Ergebnissen der großen Shell-Studie über die Einstellung von Jugendlichen in Deutschland, die vor zwei Jahren einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Wie geht das zusammen? Passen sich die Unternehmen den veränderten Lebensgewohnheiten ihrer Nachwuchskräfte an? Oder übt sich die „Generation Easy“ am Ende nur im vorauseilenden Gehorsam gegenüber den neuen Anforderungen des Arbeitsmarkts? Jederzeit flexibel, rund um die Uhr, sieben Tage die Woche?

Tatsächlich gehen bei der jüngeren Generation Arbeit und Freizeit eine neue Symbiose ein. Sie trennt oft nicht mehr zwischen beruflichen und privaten Interessen, weil das Private auch beruflich ist. Wie keine andere Generation zuvor wächst sie mit dem Gefühl auf, dass alle Grenzen fließend sind. Noch nie waren wir so mobil, noch nie war es so einfach, sich global zu bewegen. Noch nie haben wir so viel kommuniziert. Und noch nie haben wir dabei so viel gelogen, so sehr an unserem Image gebastelt. Da der beste Kumpel meist auch noch im gleichen Projekt irgendwie mitarbeitet, kann man auch vor ihm nicht wirklich ehrlich sein. Wenn jeder sein eigenes Glück schmieden kann, dann liegt es auch nur an uns, unsere Biografie möglichst effizient zu gestalten – und vor allem zu präsentieren. Weil Arbeit und Freizeit, private Interessen und berufliche Ambitionen eine flexible Symbiose eingehen, richten wir uns schon früh darauf ein, unsere persönlichsten Interessen gut zu vermarkten.

Aus dem verrückten Trip nach dem Schulabschluss wird ein „Sprach- und Studienaufenthalt“ in mehr oder weniger exotischen Ländern, um die eigene „interkulturelle Kompetenz“ unter Beweis zu stellen. Schließlich weiß jeder Abiturient, auch wenn er sonst nichts weiß, dass heute ohne internationale Erfahrung gar nichts läuft. Und nur wer erfolgreiches und fantasievolles Selbst-Marketing betreibt, kommt weiter. Selbst harmlose Auftritte mit der Schülerband werden aufgeführt, um „Teamfähigkeit“ und „soziales Engagement“ zu beweisen. Und der Einsatz als Klassensprecher gilt nun als Beleg für „weitreichende organisatorische Erfahrung“ und „komplexe institutionelle Kommunikation“. Diese Beispiele sind nicht aus der Luft gegriffen, sie sind Bewerbungen für Praktika aus dem Verlagswesen entnommen.

Doch um wirklich fit für den Job zu sein bedarf es nicht nur praktischer Erfahrung, sondern auch einer unkonventionellen Persönlichkeit. Wer künftig flexibel und eigenverantwortlich arbeiten soll, muss dafür zuerst seine charakterliche Eignung beweisen. „Es geht uns nicht darum, nur Einserkandidaten oder Abiturienten auszuwählen“, erklärt Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche in der November-Ausgabe der Jugendzeitschrift „Spießer“. Er bevorzuge „Mitarbeiter, die sich offen und konstruktiv äußern, die auch kritisch sind. Ich habe kein Interesse mit Leuten zu arbeiten, die immer nur Ja und Amen sagen. Denn Nährwert und Mehrwert davon sind relativ gering.“

So beginnt die Arbeit an der eigenen Biografie bereits in der Schule. Kreativ und flexibel, international kompetent und auch noch ausgestattet mit einer kritischen Persönlichkeit.

Dumm nur, wenn alle dasselbe machen. Dass selbst das akribische Feilen an der eigene Biografie nicht unbedingt zum Erfolg führt, zeigt die Erfahrung einer renommierten Consulting-Firma bei der Bewerberauswahl: Inzwischen hätten alle Kandidaten ein vergleichbares Profil. „Sie haben exzellente Noten, sprechen mehrere Sprachen, absolvierten bereits zahlreiche Praktika im In- und Ausland und betreiben unkonventionelle oder kulturell anspruchsvolle Hobbys“, klagt die Personalchefin des Unternehmens auf „Spiegel Online“. Trotz aller erkennbaren Bemühungen ums rechte Quantum Unkonventionalität, präsentieren sich die Bewerber mittlerweile so ähnlich, dass eine Auswahl immer schwerer falle – und selbst ausgezeichnete Lebensläufe in den Papierkorb wanderten.

Gut möglich also, dass bei der „Generation Easy“ doch nicht alles so einfach läuft. Im vorauseilenden Gehorsam rennt sie ständig Anforderungen hinterher, die sie am Ende doch nie ganz erfüllen kann. Sicher sind die derzeitigen Arbeitsmarktbedingungen schwierig und daher der Druck sich anzupassen groß. Aber irgendwann wird auch die derzeitige Wirtschaftskrise überstanden sein. Dann fehlen in vielen Bereichen qualifizierte Arbeitskräfte – und die nächste Generation bekommt hoffentlich doch noch ihre Chance. Und kann vielleicht selbst die Spielregeln mitbestimmen.

Mitarbeit: Anton Landgraf



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