„Ich ernähre mich von Blaubeeren“

ein Gespräch mit Josh Calder

Inseln. Von Albträumen und Sehnsüchten (Ausgabe II/2014)


Herr Calder, Sie haben eine Webseite erstellt, die zahlreiche Informationen über Inseln zusammenträgt. Wie sind Sie dazu gekommen?

Als Student arbeitete ich in einem Kartenraum der Universitätsbibliothek. Wenn gerade nichts zu tun war, schaute ich mir diese Karten an. Inseln bergen die Illusion von Erfassbarkeit, da sie definierte Grenzen haben. Das macht sie als Hobby interessant.

Wie unterscheiden Sie Kontinente von Inseln?

Es gibt Leute, die Eurasien und Afrika als Inseln zählen, aber ich glaube, dass es begründet ist, nur Landmasse die kleiner sind als Australien, „Inseln“ zu nennen. Auch wenn die Australier von sich selbst behaupten, dass sie auf einer Insel leben.

Sie kennen sich auch mit Inselirrtümern aus.

Manchmal erkenne ich schon mit einem flüchtigen Blick auf die Karte, dass eine Behauptung über eine Insel unwahr ist. Dann fange ich an, sie zu widerlegen. Einige Inder behaupten zum Beispiel aus verständlichem Lokalpatriotismus heraus, dass Majuli im Fluss Brahmaputra die größte Flussinsel der Welt sei. Das stimmt aber nicht. Die größte Flussinsel heißt Bananal und liegt in Brasilien.

Ein anderer Mythos, den Sie aufgeklärt haben, betrifft das Korallenatoll Aldabra. Sie widerlegen, dass es sich um das höchste erhobene Korallenatoll der Welt handelt.

In diesem Fall habe ich einen Geologen angeschrieben und nachgefragt. Wenn mich eine Insel interessiert, suche ich mir oft jemanden, der dort lebt und bitte ihn, die jeweilige Frage zu klären. Das höchste Atoll der Welt ist eigentlich Lifou auf den Loyalitätsinseln auf Neukaledonien.

Wie viele Inseln haben Sie sich selbst angesehen?

Ich habe bisher 420 Inseln besucht. Sie sind überall auf der Welt verteilt, vom nördlichen Polarkreis über Island bis zum Äquator und nach Neuseeland.

Ist Inselnsammeln Ihr Hobby?

Ja. Ich bin bereit, mir wirklich jede Insel der Welt anzuschauen. Gerade die unscheinbaren Inseln bergen interessante Entdeckungen. Natürlich faszinieren mich auch die Superlative. Ich bin zur höchsten Seeinsel der Welt nach Nicaragua gereist, die einen gefährlichen Vulkan beherbergt, und kletterte bis an seine Spitze.

Wie entscheiden Sie, welche Insel Sie besuchen wollen?

Was das Material angeht, ziehe ich felsige Inseln den sandigen, sumpfigen vor. Bei einigen moorigen Inseln ist es schwer zu sagen, ob man gerade noch auf oder schon neben der Insel steht. Sie können sehr beweglich sein. Aber eigentlich mag ich es, Inseln zu besuchen, die verschwinden. So kommt man zu einer wirklich unnachahmbaren Sammlung.

Was war Ihre interessanteste Reise zu einer Insel?

Im Laufe der Jahre fand ich viele Inseln, die auf Inseln lagen, zum Beispiel Inseln in einem Fluss auf einer anderen Insel. Das hat mich fasziniert und ich fragte mich, ob es auch Inseln auf Inseln auf Inseln gibt, also dreifache Inseln sozusagen. Auf Glover Island im Grand Lake in Neufundland fand ich mehrere kleine Seen mit Inseln darin. Ich nahm die Fähre auf die Insel Neufundland, reiste mit Bussen landeinwärts und trampte zum Grand Lake.

Alles, was ich dabeihatte, war ein aufblasbares Boot. Ich paddelte damit über den See zu der Insel Glover Island. Ich wanderte über die Insel und fand den See darauf, in dem etwa zwanzig kleine Inseln liegen. Zu einer von ihnen paddelte ich und verbrachte mehrere Tage damit, als einziger Mensch dort in der Wildnis zu überleben. Ich hatte nicht genug Lebensmittel dabei und musste mich von Blaubeeren ernähren, die auf der Insel wuchsen. Ich hoffte nur, nicht einem der Bären zu begegnen, die offenbar auch von den Beeren aßen.

Hatten Sie Angst?

Eines Morgens wachte ich auf, weil ein großes Tier an meiner Zeltwand schnüffelte. Ich machte eine Bewegung und hörte das Klappern von Hufen, die davongaloppierten. Es war zum Glück nur ein Elch und kein Bär, der zu mir gekommen war.

Das Interview führte Shou Aziz



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