Eine Geschichte ohne Moral

Juri Andruchowytsch

Menschen von morgen (Ausgabe I/2009)


In einer Episode seines siebentägigen Gesprächs mit einem gewissen vorgeblichen Journalisten nennt der Held aus meinem autobiografischen Roman „Geheimnis“ die Kindheit „vor allem Hölle“. Wir wollen ihm glauben.
Wenn aber die Kindheit Hölle ist, was ist dann die Jugend? Fegefeuer? Die unerträglichen Qualen haben nicht nachgelassen, aber du kennst, ahnst schon ihre Endlichkeit. Egal, wie lange sie noch dauern, ein Ende haben sie doch. Im Durchschnitt hält sich eine Seele im Fegefeuer an die zehntausend Jahre auf. Ob wohl einer von uns zehntausend Jahre Jugend aushalten könnte?
Meine Jugend (im Weiteren werde ich sie als „unsere“ bezeichnen) war Fegefeuer ohne große Hoffnung auf das Paradies. Die offiziellen Erwachsenen, also Lehrer, Jugendleiter oder Parteibetreuer, sahen in uns künftige Erbauer des Kommunismus, wir aber hatten keine Lust, ihn zu bauen. Wieso etwas bauen, an das niemand glaubte, auch nicht die Parteibetreuer? Nicht einmal Knetmasse wie wir glaubte ja diesen Quatsch.
Das Beste an unserer Jugend war geheim. Schlupflöcher in nicht sowjetische parallele Wirklichkeiten. Das Wort „Wirklichkeit“ wird eigentlich im Plural nicht gebraucht, ein Fehler von mir – weniger philologisch als philosophisch. Aber ich habe keinen andere Wahl als sie „Wirklichkeiten“ zu nennen.
Die parallelen Wirklichkeiten gaben uns alles, was uns die sowjetische nicht geben konnte. Und die gab uns überhaupt nichts. Nichts von dem, was unsere Jugend wenn nicht absolut glücklich, so doch erträglich gemacht hätte. Wobei wir mehr als elementare Erträglichkeit auch gar nicht forderten.
Dank der parallelen Wirklichkeiten erschien uns unsere Jugend als Zone von Möglichkeiten – begrenzten, natürlich, aber trotzdem.

Am wichtigsten für uns waren die Versuchungen, und davon gab es im Großen und Ganzen vier.
Jeans und modische westliche Kleidung überhaupt konnte man auf dem Schwarzmarkt kaufen. Verkäufer und Zwischenhändler modischer Klamotten bildeten einen halb geheimen Orden furchtloser Abenteurer. Sie standen, wie Shakespeare’sche Hauptleute, jeder auf seinem Wachturm am vereinbarten Ort, unwiderstehlich mit ihren dunklen Brillen. An den Brillen konnte man sie erkennen, und an den Plastiktüten, in denen sich die Ware befand. Sie gehörten zu den romantischsten Exemplaren unserer damaligen Jugend. Es heißt, dass sie vor allem mit Imitaten handelten. Somit könnte man sie auch als Ritter der Illusionen, als Illusionisten bezeichnen.
Rockmusik konnte man hören, nachdem man Ätherhindernisse und die Störmanöver gegen ausnahmslos alle ausländischen Radiosender überwunden hatte. Zudem konnte man Aufnahmen sammeln – auch dafür gab es einen Schwarzmarkt, der mit dem für Jeans eng verflochten war. (Nie werde ich „Chef“ und „Lenin“ vergessen, durch deren Hände das gesamte aktuelle Rock-Vinyl unserer Stadt floss.)
Alkohol konnte man in jedem dafür bestimmten Laden kaufen, das heißt überall. Wir fingen im Alter von 12 oder 13 Jahren damit an, also noch im Vorzimmer der Jugend. Es genügte, einen angeblich von den Eltern geschriebenen Zettel zu fabrizieren (die Handschrift durfte nicht die eines Schülers, sondern musste die eines Erwachsenen sein, aber das war eine Frage der Technik): „Ich bitte, meinem Sohn/meiner Tochter zwei Flaschen ‚Moskowskaya‘-Wodka, vier Flaschen roten Starkwein und zehn Flaschen Shiguljowski-Bier zu verkaufen, dazu ein Päckchen ‚Kosmos‘-Zigaretten und ein Päckchen ‚Aurora‘-Zigaretten, weil ich erkrankt bin und erhöhte Temperatur habe, weswegen ich nicht aus dem Haus gehen und die genannten Produkte selbst kaufen kann. Mit freundlichen Grüßen, Datum, Unterschrift.“
Sex existierte in der UdSSR nicht, insgeheim aber wussten wir, dass es ihn gibt. Woher hätten sonst unsere ganzen Erektionen kommen sollen – in der Physik-, Zoologie- und sogar der Botanikstunde, am störendsten aber beim Sport? Es war unmöglich, ihn zu verheimlichen, zusätzlich aber konnte man ihn sich ausdenken. Der Sex unserer Jugend bestand vor allem in Fantasien, wie unsere ganze Jugend überhaupt.
Unsere Jugend war eine imaginäre, was nicht bedeuten soll, dass es sie nicht gab. Unsere Jugend war eine dauernde Flucht, die Suche nach Schlupflöchern und Verstecken – Weidengestrüpp am Fluss, unterirdische Gänge in alten Ruinen, Treppenhäuser in Rohbauten.

Das alles wisst ihr auch ohne mich. Was ich bisher geschrieben habe, sollte nur eure Erinnerung auffrischen, war dramatische Einführung, noch nicht einmal Intrige. Wenn es sein müsste, ließe sich der ganze bisherige Text durch eine kurze Notiz ersetzen: UdSSR, Ukraine, Ende der 1970er-Jahre. Und jedem wird sofort klar, womit wir es zu tun haben: Gleichheit in der Armut, vorhersehbare Ewigkeit des ewig grauen Morgen, Schweigen der Lämmer.
Aber noch kennt ihr meine (oder vielleicht doch unsere?) Geschichte nicht, wie Jeans, Rockmusik, Alkohol und Sex sich in einer Nacht Ende der 1970er zu einer schmutzigen sumpfigen Masse verbanden. Und ihr wisst noch nicht, was dann aus dieser Masse wurde oder
besser umgekehrt – was aus der Masse nicht wurde, aus dieser schmutzigen Knete.

Jeden Herbst trieb man uns, damals schon Studenten, zum Landwirtschaftseinsatz auf die Felder vor der Stadt. Es dauerte einen Monat, und irgendwie gefiel es uns: keine Vorlesungen und Seminare, keine geistige Anstrengung, Stiefel und wattierte Jacken, in der Erde wühlen, Soldatenbetten aus Metall und keinerlei hygienisch-sanitäre Anlagen – warum sich nicht gehen lassen und so richtig degradieren? Wir riefen „Cowboytage“ aus und weigerten uns, Zähne zu putzen. Wir hatten tumbe, fast schon Sklavenarbeit zu verrichten, meist waren wir Wurmfortsatz von Lastwagen und Traktoren, mehr nicht. Abends nach der Arbeit tranken wir einfach viel. Solange wir Geld hatten.
Dann aber hatten wir keins mehr, und ich fuhr nach Lviv, neues holen. Das gehörte zu meinen Aufgaben als sogenannter Gruppenältester – an der Kasse unseres Instituts die Stipendien in Empfang nehmen und verteilen. In Lviv gelangte ich glücklich zur Kasse, erhielt die gesamte astronomische Summe und dachte mir, dass es nicht schlecht wäre, für die Jungs ein bisschen städtischen Schnaps zu besorgen, wo uns doch der Selbstgebrannte vom Dorf schon zu den Ohren rauskam. Und da traf ich Eber. Unsere Freude kannte keine Grenzen – was für ein glücklicher Zufall!
Eber war unser Kumpel. Student in unserer Studiengruppe, aber aufs Land war er nicht mitgekommen, weil sein Säufer-Trainer ihm eine Befreiung besorgt hatte – angeblich müsse er als Freistilringer an irgendwelchen unheimlich wichtigen Wettkämpfen teilnehmen. In Wirklichkeit nahm Eber an gar keinen Wettkämpfen teil, sondern blieb in Lviv und kümmerte sich intensiv um die Verbesserung seiner materiellen Lage, verscherbelte an seinem Marktstand in Lviv nachgemachte Levi’s-Jeans, die teuersten.
Das erzählte er mir in der erstbesten Kneipe beim ersten Glas. Eber gab gern ein bisschen an, und diesmal hatte er allen Grund dazu: Seine Taschen platzten vor lauter Geldscheinen aus allen Nähten. Nach dem vierten Glas schlug ich vor, er solle mit mir aufs Land fahren und die Jungs besuchen. Von diesem Gedanken wurde uns ganz warm ums Herz. Wir kauften ein halbes Dutzend Flaschen Schnaps und machten uns auf den Weg.
Der Tag endete in einer fantastischen Festivität. Den Schnaps peppten wir mit einem komischen süß-widerlichen Getränk auf, das „Apfelpunsch“ hieß und im Dorfladen verkauft wurde. Wir freuten uns des Lebens. Wir hatten zwei entsetzliche Gitarren dabei und einen Hocker als Basstrommel und nannten uns die Rockgruppe „Engelshaar“. Als die Dunkelheit hereingebrochen war, zogen wir singend und tanzend zur Wohnbaracke unserer Mädchen. Wir tobten bis tief in die Nacht, betrunken und glücklich. Keiner bemerkte, dass Eber verschwunden war.
Am nächsten Morgen (stellt euch dieses Erwachen vor!) erfuhren wir, dass Eber nicht einfach nur so verschwunden war. Etwas Ungutes war mit ihm vorgegangen. Jemand hatte gesehen, wie er noch im Morgengrauen schlammverspritzt, mit auf den Rücken gedrehten Armen und stark geschwollenem Gesicht von zwei Milizionären auf der Straße abgeführt wurde. Sie transportierten ihn zum nächstgelegenen Karzer und sperrten ihn ein wie den letzten Verbrecher, und uns blieb nichts anderes übrig, als unseren Apfelschnapskater zu ertragen und zu überlegen, was eigentlich in der vergangenen Karnevalsnacht geschehen war.

Ein, zwei Stunden später hatten wir eine mehr oder weniger vollständige Version der Ereignisse. Angeblich hatte Eber plötzlich Lust auf ein erotisches Abenteuer bekommen, aber eher mit einer ländlichen Fremden. Unbemerkt verließ er uns auf dem Höhepunkt des Rockkonzerts und tauchte ins Unbekannte des nächtlichen Dorfs ein. Angeblich beging er einen Haufen Dummheiten. Bedrohte zum Beispiel jeden, den er traf, mit dem Messer und machte überhaupt alle blöd an. Wobei es ihm wohl gar nicht in den Sinn kam, dass die Dörfler ihre eigene Partisaneneinheit gegen ihn in Stellung bringen könnten.
Danach war er angeblich über eine Frau hergefallen und hatte das begangen, was „versuchte Vergewaltigung“ genannt wird. Er warf sie auf die Erde und wälzte sich mit ihr im Dreck – bis die Einheit anrückte und die örtlichen Partisanen ihn von seinem Opfer losrissen und mit Fußtritten traktierten. Die Miliz erschien erst viel später.
Das ungefähr war die Version dessen, was geschehen war. Eine Geschichte, wie sie in unserem schlecht beleuchteten, ewig dunklen und sehr schmutzigen Land auf Schritt und Tritt geschieht.

Eber hatte Aussichten auf acht bis zehn Jahre Gefängnis, obwohl sein Opfer, die Dorfbewohnerin, angeblich versprochen hatte, ihre Anschuldigungen zurückzunehmen und keinen Gerichtsprozess anzustrengen, wenn er sie heiraten würde. Aber Ebers Eltern waren in der Partei, einflussreich und nicht arm und stellten sie mit einer gewissen Geldsumme zufrieden, keiner kleinen, glaube ich. Die Person war an die dreißig (Eber erst achtzehn), alleinerziehende Mutter dreier Kinder, jedes von einem anderen Mann. Also war es wohl richtig von Eber, sie nicht heiraten zu wollen, was er auch nicht tat. Seine Eltern befreiten ihn aus dem Karzer, lasen ihm die Leviten und nahmen ihn mit nach Hause.
Dem Gefängnis war er somit entgangen, aber unsere Institutsleitung wollte ihn rausschmeißen. Dabei galt es eine Formalität zu beachten: Erst musste eine Versammlung unserer Gruppe stattfinden, und wir Studenten mussten seine Tat verurteilen und seinen Ausschluss fordern. Niemand zweifelte, dass genau das passieren würde, es war das übliche Szenario kollektiver Abrechnung. Vielleicht sollte darin eine erzieherische Funktion liegen. Aber so lästerlich es klingen mag, es war nichts als eine Form des „Kreuzige ihn!“. Der Dekan selbst erschien auf unserer Versammlung, um den Verlauf der Angelegenheit zu beobachten.
Es dauerte zwei Stunden, aber keiner von uns äußerte sich in einer Weise, die dem Dekan gefallen hätte. Wir retteten unseren Eber. Und das nicht etwa, weil er ein ganz sympathischer Kerl war und wir ihn insgeheim trotz seiner ganzen Dummheiten mochten, sondern weil sie – der Dekan, die Dozenten, das SYSTEM – ihn mit unserer Hilfe vernichten wollten. Also taten wir das Gegenteil. Anstatt an der Bestrafung teilzunehmen, nahmen wir Schuld auf uns. Verstehen Sie, sagten wir, welches Recht haben wir, ihn zu verurteilen und zu bestrafen, wo wir doch an jenem Abend zusammen getrunken haben und jeder von uns mit einem Messer in der Tasche etwas Ähnliches hätte anstellen können? Gemeint war, dass jeder von uns sich auf die Dorfbewohnerin hätte werfen und sich mit ihr im Dreck wälzen können. Hätte ich es gekonnt? Weiß nicht, wohl kaum. Aber auch ich sagte es, denn es war eine Form des Widerstands.
Die Jungen weigerten sich, nach den Regeln der Erwachsenen zu spielen, die dem Kollektiv gewisse strafende Funktionen gegenüber dem Individuum zuschrieben. Echte Sowjetmenschen hätten einen solchen Renegaten auf jeden Fall verurteilt und einmütig von der Sowjetmacht seine Vernichtung gefordert. Und die hätte ihn vernichtet – wie es damals hieß, „um den Wünschen der Werktätigen zu entsprechen“. Wir aber wünschten nichts.

Eine Moral ist in all dem schwer zu finden. Ein Verbrechen ist verübt worden, der Verbrecher müsste ins Gefängnis. Dort hätte man ihn behandelt wie alle Vergewaltiger in den Straflagern der Sowjetunion – ihn niedergemacht, also gezwungen, Mädchen für die privilegierteren Kriminellen zu werden. Andererseits wäre er sowieso nicht ins Gefängnis gekommen, dafür gab es seine Eltern, und vor dem Gesetz waren damals, genau wie heute, keineswegs alle gleich. Vergessen wir also die Moral – wo es um die Jugend geht, hat sie nichts zu suchen.
Denn die Jugend ist ein Fegefeuer, in dem sich ganz plötzlich die Erwartung von Veränderung aufdrängt. Auch wenn alles hoffnungslos erscheint, so bricht sich doch die Überzeugung Bahn – wir können diesem Gefängnis entkommen, das Leben wird lang, glücklich und echt sein.


Aus dem Ukrainischen von Sabine Stˆhr



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