Es ist besser, anständig zu sein

Mariana Zuheir Qumsieh

Menschen von morgen (Ausgabe I/2009)


Vielleicht lernt man bei uns in Palästina schneller Verantwortung zu übernehmen. Unser Leben ist härter als das Leben in amerikanischen TV-Serien. Ich schaue sie trotzdem gerne. Das Leben ist dort ganz anders als bei uns: Wir haben keine „Boyfriends“!


Ich wohne mit meiner Mutter, meinem Vater, zwei Brüdern und einer Schwester in unserem Haus. Ich bin die Zweitjüngste. Ich fühle mich erwachsen, weil ich Verantwortung übernehmen kann und auch muss. Ich kümmere mich um meine Großmutter, helfe Freundinnen bei den Hausaufgaben, und wenn meine Mutter nicht da ist, koche ich das Essen für meine Geschwister. Jeden Morgen stehe ich um sechs Uhr auf und fahre mit dem Bus in die Schule. Dann muss ich sieben oder acht Stunden studieren und sehr viel auswendig lernen. Früher war meine Schule eine Mädchenschule, und es wurden Hand- und Hausarbeiten und deutsche Lieder und Gebete gelehrt. Aber jetzt ist sie sehr modern. Zum Mittagessen fahre ich nach Hause, dann muss ich weiterlernen. Wir bekommen viele Hausaufgaben auf. Aber so werden wir auf das Arbeitsleben vorbereitet, auch auf die Arbeit mit Computern. Ich bin sehr gut in Naturwissenschaften. 


In zwei Jahren mache ich mein Deutsches Internationales Abitur, auf Deutsch, Englisch und Arabisch. Dann könnte ich im Ausland studieren, wenn ich ein Stipendium und die Reisegenehmigungen bekomme. Viele palästinensische Jugendliche wollen im Ausland studieren und dann dort bleiben, aber wer bringt dann Palästina voran? Ich will nach dem Studium zurückkommen.


Früher konnte ich nach Israel reisen, aber nun ist es schwierig geworden. Wir Palästinenser brauchen Genehmigungen von israelischen Behörden, egal, wo wir hinwollen. Jetzt müssen wir oft an Checkpoints warten, manchmal dauert es Wochen, bis man eine Genehmigung bekommt, wenn man zum Beispiel einen kranken Verwandten in einem anderen Dorf in Palästina besuchen will. Die Menschen, die das von uns verlangen, sind mir fremd, ich verstehe sie nicht. Dabei sind die Israelis, die ich nur als Soldaten kenne, gerade mal so alt wie ich.


Wenn ich Zeit habe, spiele ich in der Schule Fußball, gehe schwimmen und manchmal tanzen meine Freundinnen und ich zu Hause. Zu Hause spielen wir auch viel Computer. Meine Eltern haben nichts dagegen, aber wenn sie mir etwas auftragen, muss ich es machen. Manchmal lassen sie auch mit sich diskutieren, wenn ich nicht will, und meistens finden wir einen Mittelweg. Zum Beispiel wenn ich abends rausgehen will. Jetzt muss ich um zehn Uhr nach Hause kommen, ich finde, das ist okay. 


Meine Freundinnen sind fast alle aus meiner Schulklasse. Männliche Freunde habe ich nicht, das ist für mich nicht wichtig, auch die Idee mag ich nicht. Es ist besser für ein Mädchen, wenn es keine männlichen Freunde hat. Wir machen auch nie verrückte Sachen, hier ist es für ein Mädchen besser, anständig zu sein. Einmal war ich schon verliebt, aber er weiß davon nichts. Doch jetzt möchte ich ihn nicht mehr heiraten. Als christliches Mädchen darf man hier vor der Hochzeit einen Freund haben, besser ist aber, wenn man verlobt ist. Aber auch dann darf man nur reden. Man darf nicht mal seine Hand halten. Das darf man erst, wenn man mit ihm verheiratet ist. Damit möchte ich noch warten. Mindestens bis ich 24 bin. 


Meine Mutter ist mein Vorbild, obwohl sie keinen Beruf hat. Ich will Familie und Beruf. Aber drei Kinder sollen reichen. Vielleicht studiere ich Chemie oder Biochemie. Ich habe ja noch Zeit, mich zu entscheiden. Manchmal nervt mich, wenn mir jemand sagt, dass meine Meinung nicht wichtig sei oder dass ich keine Stimme habe. Ich interessiere mich nicht sehr für Politik, aber zum Glück gibt es seit dem Bau der israelischen Mauer und der Abnahme der Terroranschläge nicht mehr so viele Ausgangssperren und Verhaftungen. Angst habe ich vor dem Sterben, versuche aber, nicht daran zu denken. Ich glaube, die Welt wird immer technischer. Vor der Globalisierung habe ich auch Angst, und wir müssen gegen den Treibhauseffekt kämpfen. In zehn Jahren, stelle ich mir vor, können Menschen alles im Sitzen erledigen, alles ist im Internet. 

Protokolliert von Jasna Zaj?ek



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