Im Dschungel verschollen

von Hans-Peter Kunisch

Für Mutige. 18 Dinge, die die Welt verändern (Ausgabe IV/2013)


Versunken im Urwald liegt eine verlassene Stadt. Der Engländer Colonel Percy Fawcett nannte sie "Z". In einem Bericht von 1753, den portugiesische Abenteurer hinterließen, Halbkriminelle, die im Landesinneren nach Gold und Silber suchten, heißt es: "An den Torbogen schlosz sich eine breite Straße an, zu deren beiden Seiten sich prächtige Stadthäuser erhoben, mit Fassaden aus behauenem und von der Zeit geschwärztem Stein." Die Gold- und Silberjäger beschreiben ein prächtiges Haus, das am viereckigen Platz im Zentrum stehe, der "Hauptsitz eines mächtigen Landesherrn" mutmaßen sie.

"Es wiesz einen groszen Empfangssaal auf, und wenngleich wir aus Furcht nicht alle Zimmer und Säle durchschritten (...)." Hier wird die Handschrift unleserlich. Fawcett kannte diesen Bericht, als er sich 1925 entschloss, diese versunkene Stadt zu finden. Er war schon oft in Südamerika gewesen. Zum ersten Mal in Bolivien, 1908. Die Londoner Royal Geographical Society hatte den im ruhigen, südenglischen Torquay geborenen, 41 Jahre alten Abenteurer geschickt. Er sollte die Grenze zwischen Brasilien und Bolivien bestimmen helfen. Wegen großer Kautschukvorkommen war sie umstritten. Fawcett sagte sofort zu: "Das war die Chance, auf die ich so lange gewartet hatte: die Gelegenheit, meinem langweiligen Leben als Artillerieoffizier am Standort zu entfliehen."

Siebenmal sollte Fawcett nach Südamerika reisen. Er hatte Routine. Doch von seiner Expedition im Jahr 1925 zur Entdeckung der mysteriösen Stadt Z kehrte er nicht zurück. Sein rätselhaftes Verschwinden machte ihn über Großbritannien hinaus bekannt und inspirierte zu vielen Geschichten. Tom Mc Gowan drehte 1958 "Manhunt in the Jungle", einen ersten dokumentarischen Spielfilm über Fawcetts Schicksal. Auch soll der Colonel, der als "letzter klassischer Entdeckungsreisender" gilt, eines der Vorbilder für Spielbergs "Indiana Jones" gewesen sein. Der Schriftsteller und Journalist David Grann veröffentlichte 2010 auf der Basis von Fawcetts Schicksal "Die versunkene Stadt Z. Expedition ohne Wiederkehr", ein Erlebnisbuch, das Brad Pitt sofort verfilmen wollte, es sich dann aber doch anders überlegte. Die Suche nach dem Vermissten begann 1928 mit einer riesigen Expedition.

Eine 26 Mann starke Truppe fand keine Spur von Fawcett und seinen zwei Begleitern, sie hatten nur Verdachtsmomente. Es schien, dass Fawcett selbst falsche Angaben über die Route gemacht hatte. Es sollte ihm bei seiner Unternehmung keiner zuvorkommen. Trotz zahlreicher Suchaktionen blieb der Colonel unauffindbar. Erst eine Expedition unter Leitung des Brasilianers Orlando Villas Bôas 1951 brachte neue Erkenntnisse. Indios gaben zu, einst drei Weiße getötet zu haben, und führten Villas Bôas an den "grünen See", wo sie Fawcett vergraben hätten. Das gefundene Skelett war jedoch zu klein für Fawcetts Körper und entsprach auch nicht dem seines ältesten Sohnes, der ihn auf der Expedition begleitet hatte. Es maß nur knapp 1,70 Meter. Fawcett aber war 1,86 Meter groß gewesen. Doch die Neugier war wieder geweckt. Assis Chateaubriand, ein brasilianischer Medienmogul, finanzierte eine Reise mit zwei interessanten Teilnehmern: Brian Fawcett, dem zweiten Sohn des Abenteurers, und Antonio Callado, einem 35-jährigen Journalisten und Schriftsteller, der 1953 das von heute aus gesehen wichtigste Buch zu Fawcett veröffentlichte, "Der Tote im See", eine halb dokumentarische Reportage, die jetzt zum ersten Mal auf Deutsch nachzulesen ist. Es ist ein Einkreisen des Themas von vielen Seiten.

Hat man zuerst beinahe einen Krimi vor sich, der Spuren folgt und sich über die diversen möglichen Mörder Gedanken macht, entwickelt sich die Reportage auf einer zweiten Ebene zum Nachdenken über den Imperialismus des 19. Jahrhunderts, der die berühmten Entdeckungsreisenden mit hervorbrachte. Callados Argumentation ist vorsichtig, umzingelt das Objekt der Untersuchung eindringlich und elegant zugleich: Die Luft für den großen Abenteurer wird dünn. Callado verwandelt Fawcett sachte in einen egozentrischen Machtmenschen, der sich beispielsweise zwei Indio-Boote, die er gerade braucht, umstandslos abzweigt, ohne sich um irgendwelche Eigentümer zu kümmern. Und Callado fragt, warum Indios, die noch ein Vierteljahrhundert nach Fawcetts Expedition ohne Kenntnis der modernen Zivilisation sind und unschuldig ihre Körper zeigen, keine großes Aufheben davon machen, dass sie einen Mann umbrachten? Obes sein könnte, dass es sich dabei um so etwas wie den angemessenen Umgang mit einem gewalttätigen Aggressor gehandelt hat?

Aus der Sammlung aus Manuskripten, Briefen und Logbüchern seines Vaters, die Brian Fawcett 1953 veröffentlichte, ergibt sich jedoch ein komplexeres Bild. Neben überheblichen Äußerungen findet sich dort auch Erschütterung über das Verhalten Weißer gegenüber Indios. So berichtet Fawcett von einem bolivianischen Zollbeamten, den er auf einer seiner Reisen zur Rede stellte, als eine nahende Viehherde sich als Menschenherde herausstellte. Der Beamte erklärt ihm, dies seien keine Sklaven, bloß "Schuldner", die verkauft würden, "wenn einer den Gegenwert biete (...). Nur Urwaldindianer würden öffentlich verkauft". In seinen Notizen entsetzt sich Fawcett über die "moralische Verderbtheit dieser Sklavenhändler, des Abschaums Europas und Lateinamerikas". Auch Callado reflektiert im Laufe des Buchs zunehmend die eigene, von den Verhältnissen in den brasilianischen Küstenstädten geprägte Haltung, die sich von der zivilisatorisch-weißen kaum unterscheidet. In Brasilien werde gern gefragt: "Tragen zehn deutsche und zehn italienische Einwanderer nicht mehr zum Gedeihen Brasiliens bei als ein ganzer Stamm Jurunas oder Kalapalos?" Die Antwort, so Callado Anfang der 1950er-Jahre bissig-ironisch, laute: "Die Indios sind nun einmal da, mein Junge: (...) Warum sollen wir die Oberhäupter ihrer Familien nicht fragen, ob sie ihren herumwuselnden Kindern nicht Reife und Bildung zukommen lassen wollen, damit sie ihnen wiederum helfen, eines Tages ihr eigenes Geld zu verdienen?"

Callado versucht, Parameter passenden Verhaltens zu finden. Als Beispiel taugt für ihn vor allem Villas Bôas, der nach der Aufgabe seiner Stelle bei Standard Oil versuchte, mit den Indios zusammen zu Entwicklungsmöglichkeiten zu kommen, und sich sein Leben lang für sie einsetzte. Was sie ihm damit dankten, dass sie 2002, anlässlich seines Todes, ein großes Beerdigungsfest veranstalteten - genau den "Quarup", der Callados Hauptwerk, einem Indio-Roman, später den Titel gab. So gesehen dokumentiert "Der Tote im See" auch Callados eigene Entwicklung zum Schriftsteller. Das ganze Buch zielt auf das letzte Kapitel: "Bildnis des Künstlers als junger Indio". Hier porträtiert Callado den jungen Anta, der das Image vom ständig irgendwie arbeitenden, aber unfähigen Indio selbstbewusst hinter sich lässt. "An den Ohren trug er Ara-Federn, die Jagd schien ihn jedoch nicht zu interessieren. Um seinen Hals hing eine Muschelkette, am Fluss machte er sich aber nie zu schaffen, es sei denn man bezeichnet das Baden darin als Arbeiten." Es gebe auch im Urwald nicht mehr nur Hirten und Jäger, folgert Callado. "Mittlerweile gibt es auch die fruchtbare Faulheit, die Erfindungen hervorbringt, die Dinge verwandelt, durch Musik, Worte oder Bilder die bleierne Last des Lebens erleichtert."

Der Tote im See. Von Antonio Callado. Aus dem Portugiesischen von Peter Kultzen. Berenberg Verlag, Berlin, 2013.



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