Sprachregelungen

von Jan Kruse

Beweg dich. Ein Heft über Sport (Ausgabe I/2014)


Müssen wir Europäer uns endlich angewöhnen, in Englisch miteinander zu kommunizieren, wie der Historiker Andreas Rinke fordert? Er bezieht sich auf eine Aussage des Bundespräsidenten Joachim Gauck vom Mai 2013: „Ich bin überzeugt, dass in Europa beides nebeneinander leben kann: die Beheimatung in der eigenen Muttersprache und ein praktikables Englisch für alle.“

Der Wunsch nach einer einzigen Sprache für Europa wirft Fragen zur Gerechtigkeit in der Kommunikation auf. Er stärkt die Argumentation des Sozialphilosophen Philippe van Parijs, der jüngst in seinem Buch „Sprachengerechtigkeit“ die Reduzierung der internationalen Kommunikation auf eine einzige Sprache fordert: Englisch.

Ähnlich wie bei der Entstehung der Nationalstaaten vor 1900 soll eine wirkliche Demokratie in der Europäischen Union dadurch ermöglicht werden, dass alle dieselbe Sprache sprechen. Für die meisten Nationen galt, dass nationale Einigkeit nur mit einer Nationalsprache zu erreichen war. Sie wurde der Sprachenvielfalt vorgezogen. Schließlich haben sich diese Nationalsprachen auch als Hort bürgerlicher Demokratie und Freiheit manifestiert. Die Forderung nach einer weiteren übergeordneten, dieses Mal internationalen Einsprachigkeit wirft aber neue Fragen auf: Ist es effizienter und gerechter, in einer statt in mehreren Sprachen zu kommunizieren, und ist es möglich, zwei Sprachen gleichberechtigt zu pflegen, wie Gauck meint, ohne dass eine davon zurückgedrängt und schließlich aufgegeben wird?

Die Kraft der Wirtschaftszentren bewirkt weltweit einen Sog aus der Peripherie. Die dort beheimateten Sprachen sind durch Abwanderung oft vom Verschwinden bedroht, wie etwa Rumantsch in der Schweiz. Viele global operierende Betriebe wie SAP oder Adidas reduzieren ihre Unternehmenssprachen auf Englisch. Von den weltweit 6.000 Sprachen (laut UNESCO) werden 90 Prozent in den kommenden Jahrzehnten infolge dieser Anziehungskraft der Wirtschaftszentren aussterben.

Selbstverständlich unterscheiden sich die Beweggründe für eine internationale Einsprachigkeit von politisch Linken wie van Parijs von denen der Wirtschaft. Namhafte Staatsrechtler wie der ehemalige Verfassungsrichter Dieter Grimm weisen darauf hin, dass eine demokratische europäische Einigung ohne eine europäische Öffentlichkeit nicht umsetzbar sein wird. Dies aber über eine einzige gemeinsame Sprache herstellen zu wollen, wird nach heutigem Kenntnisstand über die Sprachenkenntnisse der Bürger nicht funktionieren. Es würde wahrscheinlich zu gro­ßen Ungerechtigkeiten in der internationalen Kommunikation und zu demokratischen Defiziten führen, da wichtige lokale Akteure von der Kommunikation ausgeschlossen werden. Dies trifft auch viele Abgeordnete nationaler Parlamente, zu deren Mandat eine ausreichende Kompetenz im Englischen ja nicht zählt. Sie müssen in großer Zahl mit englischsprachigen Vorlagen der EU arbeiten, obwohl sie der Aufgabe sprachlich nicht gewachsen sind. Sie werden also schon heute von der europäischen Kommunikation teilweise ausgeschlossen. Denn wer nicht gut genug Englisch kann, lebt in undemokratischer Stille.

Im Alltag bedienen sich die Menschen in der internationalen Kommunikation meist mehrsprachiger Strategien, unter denen Kenntnisse der Fremdsprache Englisch nur eine – wenn auch eine zentrale – ist. Regionale Linguae francae, passive Sprachkenntnisse, Sprachwechsel, Dolmetschen und Übersetzen ergänzen dabei die Englischkenntnisse. Für diese Kommunikation wird vielfältiges Sprachwissen zu einer kommunikativen Kompetenz addiert, die sich als sehr effizient in der internationalen Verständigung herausstellt.

Die EU ist ein Staatenverbund mit Bürgern, die eine nationale Identität erworben haben. Diese Bevölkerungen haben nicht dieselben Einigungsbedürfnisse wie zu Zeiten der Leibeigenschaften vor den Revolutionen in Europa. Europa braucht eine Lingua franca. Sie sollte aber in ein komplexes Gefüge aus mehrsprachigen Strategien eingebettet sein. Die Utopie von Wissenschaftlern wie van Parijs ist eine einsprachige Welt, in der die internationale Kommunikation und Solidarität nicht durch Sprachgrenzen erschwert wird. Die Utopie der Linguisten aber ist eine Mehrsprachigkeit, die sprachliche Durchlässigkeit gewährleistet. Sie schützt die Freiheit des Einzelnen, sich in seiner Sprache ausdrücken zu können. Dazu sollte die internationale Stellung von anderen Sprachen als Englisch gefördert und das kreative Potenzial von Mehrsprachigkeit genutzt werden.

Gerade war Neujahr. „in jedem fernseher saß ein präsident“, schreibt Jan Wagner in dem Gedicht „weihnachten in huntsville, texas“. In welcher Sprache werden die Präsidenten künftig sprechen? Die konsolidierte Einsprachigkeit in den Nationen wird ihr Ende finden, da die europäische Einigung dies erfordert. Die neue Mehrsprachigkeit sollte aber nicht die alte sein. Es müssen Bedingungen für eine Sprachenvielfalt geschaffen werden, die den Bürgern Europas die politische Teilhabe in ihrer Muttersprache garantiert.

Eine Sprachenpolitik, die nicht nur das Fremdsprachenlernen zum Ziel hat, wäre ein wichtiger Schritt. Denkbar ist etwa ein Schulfach, in dem Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Sprachen unterrichtet werden. Es hat in der europäischen Gesellschaft nie eine reine Einsprachigkeit gegeben und sie sollte nicht erstrebenswert sein. Die Europäer sollten weiterhin parallele Diskurse in unterschiedlichen Sprachgemeinschaften führen und die Ergebnisse miteinander teilen: „Einheit in Vielfalt“ ist das nobelpreiswürdige Motto der EU.



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