Godard-Filme und Gucci-Taschen

von Juan Villoro

Kauf ich. Ein Heft über Konsum (Ausgabe IV/2014)


Einer der berühmtesten Schwarzmärkte in Mexiko ist der Tepito-Markt in Mexiko-Stadt. Tepito ist ein ganzes Stadtviertel, das von der Schattenwirtschaft lebt. Man bekommt dort alles, was an Produktpiraterie möglich ist. Gefälschte Parfums, nachgemachte Markenkleidung, Handtaschen und Schuhe, Schulmaterialien und geschmuggelte Elektrogeräte aus China.

Auch wenn ich eigentlich gegen Produktpiraterie bin, muss ich zugeben, dass ich den Markt von Tepito besuche, um Filme zu kaufen. Es gibt ganze Stände mit Arthouse- und Dokumentarfilmen. Ich habe in Tepito Interviews mit Bertrand Russel oder Dokumentarfilme von Godard über die Geschichte des Kinos gekauft – die es sonst nirgendwo zu kaufen gibt. Meine Tochter ist Fan des japanischen Anime. Sie schickt mich manchmal mit einer Liste los und sagt: Mal seh’n, welche Titel du findest. Und ich finde alle!

Warum es diese Märkte gibt, hat mehrere Gründe. Die Standards der modernen Konsumwelt, wie der Respekt gegenüber dem Kunden, die Garantie auf Waren oder die Möglichkeit, Produkte in Raten zu bezahlen, funktionieren in Mexiko schlecht. Ein Kunde macht sich hier schon verdächtig, wenn er den Laden betritt. Man unterstellt ihm, dass er einen ausnutzen möchte. Selbst wenn er bloß nach einer Extratüte verlangt, um die Ware einzupacken. Wenn man eine Quittung für das Finanzamt braucht, reicht ein Kassenbon nicht, man muss eine Rechnung bei dem Geschäft beantragen und hat dafür nur wenige Tage Zeit. Da diese seit Neuestem elektronisch verarbeitet werden, wartet man oft vergeblich auf die E-Mail mit dem Zahlungsnachweis.

Die meisten Mexikaner haben ganz andere Sorgen: Sie haben nicht das Geld, um in teuren Kaufhäusern einzukaufen, ihnen bleibt nur der Schwarzmarkt. Die Behörden dulden das, weil sie wissen, dass sich viele Menschen bestimmte Produkte sonst nicht leisten könnten. Die fliegenden Händler bieten ihre Waren so preisgünstig an, weil sie keine Steuern abführen, sich nicht mit den bürokratischen Hürden der offiziellen Wirtschaft herumplagen. Um etwa ein Honorar zu kassieren oder einen Kredit zu beantragen, muss man sieben Papiere vorlegen. Man sagt, der durchschnittliche Mexikaner braucht jeden Tag zwei Stunden für Papierkram und Behördengänge.

All das hat kulturelle Gründe. In Mexiko herrscht eine Kultur des Misstrauens. Unbekannte sind per se Menschen, denen du nicht vertrauen kannst. Wenn diese Leute dir etwas verkaufen, du ihnen etwas abkaufst, existiert zwischen beiden Personen ein Pakt des Misstrauens. Um dieses Misstrauen zu besiegen, ist eine Reihe von Formalitäten eingeführt worden, damit der Vorgang „korrekt“ abläuft. Deswegen ist es so kompliziert, legal ein Geschäft zu eröffnen. Diese bürokratischen Hürden bremsen die Wirtschaft.

Um sie zu überwinden, bedient man sich paradoxerweise oft der Methoden aus der Schattenwirtschaft. Ich habe mir zum Beispiel gerade bei VW ein Auto gekauft. Wenn man einen Freund hat, der Geschäftsführer in der Verkaufsabteilung des Unternehmens ist, geht der Papierkram schneller und man bekommt das Auto viel früher. Das liegt aber nicht an Volkswagen, sondern an Mexiko. Hier ist es immer wichtig jemanden zu haben, der ein Wort für einen einlegt und das Misstrauen zu überwinden hilft.

Der Ursprung des Misstrauens liegt in der Geschichte des Landes: Wir wurden von den sehr autoritär regierenden Azteken beherrscht, dann von den spanischen Kolonialherren und im 20. Jahrhundert war ein und dieselbe Partei 71 Jahre lang an der Macht und hat gezeigt, dass die beste Art, Geschäfte zu machen, darin besteht, Kontakte in der Politik zu haben. In derart vertikalen Gesellschaften gibt es keine Freiheit des Marktes. Mexiko ist ein Land der Wirtschaftsmonopole. Um etwas Bewegung in die Wirtschaft zu bringen, muss man das System umgehen. Deshalb hat Mexiko eine so korrupte Gesellschaft. Und deswegen ist das Misstrauen gegenüber anderen Menschen so groß. In Tepito ist das ein wenig anders: Wenn man ein, zwei Mal dort war, weiß man, welchem Händler man vertrauen kann. Aber so oder so: Eine raubkopierte DVD kostet nur 20 Eurocent. So wenig, dass es nichts ausmacht, wenn eine mal nicht geht.

Protokolliert von Timo Berger



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