„Konsum stillt das Begehren nicht“

Peter Widmer

Kauf ich. Ein Heft über Konsum (Ausgabe IV/2014)


Viele Menschen lieben es, einkaufen zu gehen. Was hoffen wir, beim Shoppen zu finden - das Glück?
Glück ist etwas Eigenartiges. Etymologisch kommt es von "Gelucke", da steckt die "Lücke" drin. Glück ist nicht Fülle, sondern ein guter Mangel. Aber die Fülle, das Volle, verlockt, führt zu Ungeheuerlichkeiten wie den Bankerboni. Weil wir Bedürfnisse aussprechen können, bedeutet dies auch: Es gibt etwas, das ausgegrenzt wird - weil Sprache eben nicht alles ausdrücken kann. Dann bilden sich Phantasmen. Eine Ware kann an diese Stelle des Mangels treten, aber weil sie ihn doch nicht zu füllen vermag, gibt es viele Verkörperungen. Meine ich den Mangel füllen zu können, ist eine Milliarde nicht genug, dann bräuchte ich zwei und so weiter. Wenn ich nicht erkenne, dass das Unendliche unerreichbar ist, macht mich auch materieller Reichtum unglücklich. Glück hat damit zu tun, nicht dem Zwang zu unterliegen, alles haben zu müssen.

"Ich habe doch alles, um glücklich zu sein", sagen Leute, fühlen sich aber nicht so. Warum nicht?

Viele sagen: "Es ist nur technisch unmöglich, das zu bekommen, was ich will, weil ich nicht genügend Geld habe; aber hätte ich genug Geld, dann ... ." Doch logischer wäre es wohl, zu denken: Auch wenn ich das Hundertfache hätte, bin ich immer gleich weit vom Unendlichen entfernt. Der Satz kann auch resignativ gemeint sein. Etwa wenn man meint, dass einem mehr zustünde, aber diese Unzufriedenheit nicht zu äußern wagt. In diesem Fall stimmt das Urteil nicht mit dem eigenen Gefühl überein.

Was bedeutet es, etwas zu "begehren"?
Bei Freud enthält der Wunsch Bedürfnisse, Verlangen, Liebesverlangen oder auch unbefriedigte Wünsche. Lacan wiederum differenziert den Wunsch. In dem Moment, wo er ausgesprochen wird, teilt er sich auf in Anspruch und Begehren.Ein Liebesanspruch zum Beispiel, wie: Ich will dich. Ja. Wenn wir Instinktwesen wären, gäbe es keine Speisekarte oder Shoppingmall. Weil wir lesen können, können wir uns Vorstellungen davon machen, was wir essen und trinken wollen. Das Begehren hat damit zu tun, dass es Möglichkeiten zu konsumieren gibt. Aber auch das Konsumieren kann das Begehren nicht erfüllen. Dieses hat ein Objekt und eine Ursache, nämlich die Leerstelle, die mit Objekten gefüllt wird. Das macht sich der Kapitalismus zunutze.

Worin liegt der Unterschied zwischen Bedürfnis und Begehren?
Das Begehren ist mit einem sprachlichen Zeichen versehen, das gesellschaftlich anerkannt ist. Weil es mitteilbar ist, kann das Begehren warten. Das Bedürfnis verschwindet, sobald es ausgesprochen wird. Es verwandelt sich dann in ein Begehren. Die Mutter kann dem Kind sagen: "Jetzt gibt es noch kein Essen, warte." Dazu kommt die Dimension des Anspruchs: Warum gibt sie mir nichts? Liebt sie mich nicht mehr? Ich will mit der Nahrung die Liebe haben. Wenn sie mir etwas gibt, heißt es, sie mag mich.

Warum begehren wir?
Das Begehren hat zwei gegenläufige Bewegungen, die es antreiben: die nach der Differenz und die nach dem Einssein. Erstere zeigt sich, wenn jemand für einen anderen entscheidet und ihn damit entmündigt. Dann entsteht ein heftiger Protest. Oft möchte man das Begehren nicht erfüllt haben, das zeigt sich an den Wünschen, die man sich bloß ausmalt. Die andere Komponente ist das Begehren nach Einssein, das sich in der Liebe zeigt. Die beiden sind absolut gegensätzlich, aber sie machen das Begehren aus. Wenn ich mit dem anderen eins sein könnte, wäre das tödlich. Wenn ich allerdings nur noch anders bin, bin ich ziel- und orientierungslos.

Läuft etwas verkehrt in unserer Konsumgesellschaft?

Es gibt ein Vollständigkeitsphantasma. Ich würde ein Plädoyer für die Unvollständigkeit, die Hilflosigkeit, die zum menschlichen Sein gehört, vorbringen wollen. Wenn das nicht mitgedacht wird, entstehen gewaltige Probleme.

Sie arbeiten als Psychoanalytiker in Zürich. Mit welchen Fragen kommen die Menschen in Ihre Praxis?
Der eine Teil der Fragen dreht sich um Beziehungen. Manche hatten zum Beispiel noch keine Beziehung, Frauen und Männer über Dreißig, die oft mental noch sehr mit dem Elternhaus verbunden sind. Eine zweite Gruppe kommt wegen Arbeitsproblemen, wegen des Gefühls, nicht am richtigen Ort zu sein, oder wegen Prüfungsängsten.

Was bewegt Menschen in anderen Kulturräumen?

Sie beschäftigen sich mit denselben Fragen: Beziehungsprobleme, Autoritätsängste, Konflikte am Arbeitsplatz. In Schwellenländern sind diese Konflikte aber heftiger, vor allem dort, wo das Kollektiv einen höheren Wert als der einzelne Mensch hat und wo die Tradition die Zugehörigkeit zur älteren Generation innerhalb der Familie verlangt wie in China oder Japan. Der Kapitalismus greift oft brutal in diese traditionellen Lebensformen ein: Er setzt den Einzelnen frei, reißt ihn einerseits aus den traditionellen Verankerungen in Familie und Beruf und gibt ihm andererseits das Gefühl einer zuvor nicht gekannten Freiheit, auch eines Wertes als Individuum. Japaner erleben den Zerfall der Generationentrennung als sehr schmerzhaft, obwohl dieses Land schon lange hochindustrialisiert ist.

Das Interview führte Stephanie von Hayek



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