Vom Produkt zum Exponat

von Oskar Piegsa

Kauf ich. Ein Heft über Konsum (Ausgabe IV/2014)


Ob schlangenlederne Herrenschuhe aus den "Swinging Sixties" oder spitz zulaufende Stiefeletten aus dem 18. Jahrhundert: Wer Schuhe liebt, ist im Victoria and Albert Museum richtig. Auch der neueste Erwerb des Londoner Designmuseums fällt auf: Fünf Paar Damenschuhe stehen in der "Rapid Response Collection", einer kleinen Schau, die im Juli eröffnet worden ist und noch bis zum 15. Januar 2015 gezeigt wird. Die Schuhe sind identisch bis auf ihren Farbton, der bei einem blassen Beige beginnt, von Paar zu Paar dunkler und kräftiger wird und immer denselben Namen trägt: "Nudes".

"Etwas dunkler als Champagner, heller als Sand, vielleicht mit einem Hauch Pfirsich", so beschrieb die Modejournalistin Samantha Critchell den Farbton des schulterfreien Kleides, das Michelle Obama 2009 zu ihrem ersten Staatsdinner im Weißen Haus trug. Die meisten Journalisten machten es sich damals leichter und nannten die Farbe "nude", auf Deutsch also "hautfarben". Wer die Berichte las und daneben das Foto der Präsidentengattin sah, musste sich wundern: Wessen Hautfarbe war gemeint? Nicht die der Afroamerikanerin Michelle Obama. Auch nicht die von Naeem Khan, dem indischstämmigen Designer des Kleides. Es war ein typischer Fall von mangelnder Selbstreflexion: Dunkler als Champagner, heller als Sand und mit einem Hauch Pfirsich, so sehen zwar viele aus, die als Journalisten, Modekritiker und Marketingchefs beeinflussen, wie die Welt zu deuten ist - aber längst nicht alle Menschen, nicht mal die Mehrheit.

Mag sein, dass der französische Designer Christian Louboutin diesen Vorfall verfolgt hat und deshalb seine "Nudes" gestaltete, die Schuhe, die jetzt im Victoria and Albert Museum zu sehen sind und die fünf unterschiedliche "Hautfarben" tragen. Aber auch die Vertriebsstatistik zeigt: Mörderheels (bis zu 14 Zentimetern) für mörderische Preise (625 US-Dollar das Paar) werden längst auch in Lagos, Rio und Schanghai getragen. "Die 'Nudes' zeigen, wie sich der globale Markt für hochpreisige Mode verändert", sagt Kristian Volsing, kuratorischer Mitarbeiter des Museums. "Louboutin fordert nicht nur Vorurteile heraus, sondern zielt auch auf den wachsenden Wohlstand im Nahen Osten und in Asien." Die Zeiten sind vorbei, in denen Mode ausschließlich von schweinchenfarbenen Menschen für schweinchenfarbene Menschen gemacht wurde. Von Hautfarben kann man nur noch im Plural reden.

Mit der "Rapid Response Collection" geht das Victoria and Albert Museum ein Wagnis ein. Bisher ließen Museumskuratoren - auch solche, die sich mit Design und Zeitgeschichte befassen - einige Jahre verstreichen, ehe sie im Rückblick die wichtigen von den unwichtigen Produkten trennten, den Stil einer Epoche bestimmten und passende Ausstellungsstücke auswählten. Dem "Rapid Response"-Team geht es nicht um Kanonbildung, sondern um Exponate, die politische, wirtschaftliche und kulturelle Fragen berühren, die gerade jetzt wichtig sind. Dazu zählen auch Artefakte wie der Liberator, eine Plastikpistole, welche von amerikanischen Radikalliberalen erfunden wurde, die im staatlichen Gewaltmonopol den Keim der Tyrannei sehen. Mit einem Bauplan aus dem Internet und einem 3D-Drucker, so die Idee, kann sich jeder eine Liberator-Pistole bauen - und diese anschließend unentdeckt durch Metalldetektoren schmuggeln. "Wir zeigen die Geschichten hinter der alltäglichen Massenware", sagt Kristian Volsing, "unabhängig davon, ob sie feierlich sind oder finster."

Es ist vielleicht nicht zu vermeiden, dass die Auswahl dabei eine britische ist. Beeindruckend sind die Exponate aber immer dann, wenn sie internationale Verstrickungen sichtbar machen - und die Konsequenzen des Konsums. Ganz in der Nähe der " Nudes" liegt eine unscheinbare schwarze Cargohose, Größe 34/32, gestiftet von der Billigkette Primark. Sie erinnert daran, dass auch in einer Welt, in der erfolgreiche Frauen viele Hautfarben haben, Ungleichheit und Ausbeutung fortbestehen. Die Hose wurde in Rana Plaza genäht, der Fabrik in Bangladesch, bei deren Einsturz im April 2013 mehr als tausend Menschen getötet wurden.



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