Der skurrile Diktator

von Samson Kambalu

Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Ausgabe IV/2011)


Der Roman „Herr der Krähen“ ist laut: eine gigantische, dröhnende Posse über das Leben und die Politik in einem fiktiven Staat im postkolonialen Afrika, der Freien Republik von Aburiria. Ich habe Ohrenschützer gebraucht, um das Buch zu lesen. Ihnen wird es nicht anders gehen, denke ich. Der Bösewicht ist ein typischer afrikanischer Comandante, genannt „der Herrscher“. Er leidet an einer rätselhaften Krankheit, die dazu führt, dass er sich unkontrolliert aufbläht. Sein Regime hat sich zum Ziel gesetzt, das größte Wunder, das die Welt je gesehen hat, zu errichten: Aburirias eigenen Turm zu Babel, der als Zeichen der weisen Herrschaft bis an die Himmelspforten reichen soll.

Doch weil der Kalte Krieg vorbei ist, verfügt der Herrscher nicht mehr über die uneingeschränkte Unterstützung der westlichen Geber und der „Global Bank“. Bei den Untertanen Aburirias selbst, die sich nach Mehrparteienpolitik, Meinungsfreiheit und Arbeit sehnen, stoßen die Baupläne auf heftigen Widerstand. Der Herrscher reagiert entsprechend: Er bläht sich auf, „badet in den Blutkonserven seiner Feinde“ – und fleht seine nun schwankenden westlichen Geber verzweifelt um politische und finanzielle Unterstützung an. „Herr der Krähen“ erzählt also eine vertraute Geschichte aus dem heutigen Afrika, aber das sollte nicht von seinem wahren Klang ablenken, den man erst wahrnimmt, wenn man woanders hinhorcht.

Der russische Philosoph und Literaturkritiker Michail Bachtin schrieb, dass die Armen und Entrechteten das Vulgäre und Groteske benutzen, um die Mächte, die sie unterdrücken, zu parodieren und infrage zu stellen. Die Politik des postkolonialen Afrika mit seiner Ansammlung monströser, skurriler Diktatoren und Präsidenten auf Lebenszeit wie „Feldmarschall“ Idi Amin Dada, Oberst Muammar al-Gaddafi und „Kaiser“ Jean-Bédel Bokassa könnte man auf diese Weise verstehen – und genauso den „Herrn der Krähen“. Der Roman verwandelt sich in eine mächtige Satire über den Zynismus moderner Politik und Werte, nicht nur in Afrika, sondern in der spätkapitalistischen Konsumgesellschaft von heute im Allgemeinen.

Paradoxerweise scheint Ngugi wa Thiong’o selbst mitten im Hamsterrad des politischen und wirtschaftlichen Systems zu stecken, das sein Buch karikiert: Sein Moralismus und sein belehrender Ton lassen dem Leser leider keinen Raum, sich eigene Gedanken über das Böse und die Hoffnungen dieses postkolonialen afrikanischen Landes zu machen. Bei einem Dauerthema, dem ungeschützten Sex, beispielsweise nimmt der Autor ungemeine Umwege in Kauf, um den Leser vor der Gefahr zu warnen, und weist ihn auf die vielen kleinen Erdhügel hin, die sich durch die Landschaft von Aburiria ziehen: Es sind die Gräber der Menschen, die der Aids-Epidemie zum Opfer gefallen sind. Anderswo im Buch gibt es zusätzliche Tipps: „Gib immer acht, was du isst und trinkst … Zigaretten nehmen das Leben und Alkohol den Geist gefangen.“

Im Grunde ist das Buch ein Manifest der persönlichen Vorlieben und Ideale des Autors, die ungewollt an die grausamen Methoden des Herrschers zum Zweck des Selbsterhalts und der Kontrolle erinnern: In einer Szene schließt der Diktator seine Frau ein, weil sie sich über seine Affären mit Mädchen, die jung genug sind, seine Töchter sein zu können, beklagt. Während sie eingesperrt ist, hämmert ihr der Herrscher immer wieder einen Psalm ein, damit sie keine eigenen Gedanken entwickelt: „Der Herrgott wird eines Tages wiederkehren …“ Etwas Ähnliches passiert hier: Wenn der Leser bei der Lektüre nicht ab und an aus dem Fenster blickt, ist alles, was am Ende übrig bleibt, bloß ein papiernes Abbild eines postkolonialen afrikanischen Staates. Und das wäre nach all der Mühe, die es macht, diesen ziemlich ausgefallenen epischen Roman zu lesen, doch etwas schade.

Aus dem Englischen von Rosa Gosch



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