Wenn eine keine Reise tut ...

von Regula Freuler

Ganz oben. Die nordischen Länder (Ausgabe I/2008)


Gegen Vorurteile ist keiner gefeit, da können wir uns noch so multikulturell bemühen und das Vokabular politisch korrigieren. Solche moralischen Probleme kannte Favell Lee Mortimer allerdings nicht, als sie zwischen 1849 und 1854 drei länderkundliche Bücher veröffentlichte. Diese hat der New Yorker Journalist Todd Pruzan nun rund hundert Jahre nach der letzten Auflage in gekürzter Form herausgegeben: „The Countries of Europe Described“, „Far off, Part I: Asia and Australia Described“ und „Far off, Part II: Africa and America Described“. Im Malik Verlag sind sie auf Deutsch erschienen. Laden Reiseführer von heute dazu ein, die Welt zu entdecken, so kommt es einem vor, als wollte Mortimer ihren Lesern jegliche Entdeckerlust geradezu austreiben. Über jede Nation wusste sie vorwiegend Abschreckendes zu schreiben. Die Spanier seien „sehr grausam und mürrisch und rachsüchtig“, in Italien seien die Menschen „dumm und gottlos“, und die Russen „lassen sogar ihre Babys“ am Branntwein nippen, während es in China „ganz gewöhnlich ist, auf den Straßen über die Leichen von Babys zu stolpern“.

Der Begriff Sachbuch ist hier nur bedingt angebracht. Für die drei Bände, von der Tonlage und den Adressaten her eine Mischung aus Geographiebuch und Reiseführer, hat Mortimer zwar in Enzyklopädien und Hunderten von Büchern recherchiert, aber keinen Fuß vor die Haustür gesetzt. In ihrem ganzen Leben reiste sie nur zweimal ins Ausland: Als junges Mädchen besuchte sie mit der Familie Brüssel und Paris. Und erst nach Erscheinen ihrer Länderkunde-Trilogie schaffte sie es bis ins schottische Edinburgh. Sogar für die Beschreibung von Wales verließ sie ihre Schreibstube in Broseley nicht, obgleich die englisch-walisische Grenze nur wenige Meilen entfernt war. Umso kruder erscheinen einem die Anekdoten über blutrünstige Wolfsrudel in Spanien und Erdrutsche in der Schweiz, die Mortimer so dramatisch schildert, als hätte sie sie persönlich miterlebt. Bei der Lektüre ergeht es einem ähnlich wie Pruzan es in seinem Vorwort beschreibt: Man lacht über Mortimers rüde Ansichten, man ist abgestoßen und man erschrickt, weil viele von ihnen noch längst nicht passé sind.

Mortimer lobt etwa den Arbeitseifer der soldatischen Preußen: „Die Frauen sind sehr fleißig, und sie nehmen ihr Strickzeug überallhin mit. […] Können sie denn nichts als stricken, kochen und weben? O nein, sie können auch Klavier und Harfe spielen und sie singen sehr lieblich. Aber nützliche Bücher lesen sie nicht gern. Wenn sie lesen, dann nur Romane über Menschen, die gar nicht gelebt haben.“ Was die deutschen Frauen stattdessen lesen sollten: die Bibel. Und zwar in protestantischer Interpretation. Mortimers Beurteilung anderer Religionen lässt keinen Zweifel an ihrer Verachtung gegenüber allem Nicht-Protestantischen, geschweige denn Nicht-Christlichen aufkommen. „Rom ist auch heute noch eine gottlose Stadt. Hier lebt der Papst“, schreibt sie. Auch Mohammed sei ein gottloser Mann gewesen. „Er schrieb ein Buch, Koran genannt, und füllte die Seiten mit albernen Geschichten, absurden Gesetzen und schrecklichen Lügen.“ Umso enthusiastischer fällt ihr Urteil über das protestantische Holland aus: „Es gibt in ganz Europa kein so sauberes Volk wie die Holländer. Sie sind sehr fleißig.“ Schmutz und Trinkerei, überhaupt alles Feiern ist Mortimer ein Gräuel.

Sogar in der Schweiz mit ihren „schlichten, ehrlichen Kreaturen“, angeblich das schönste Land in Europa, stößt Mortimer auf diesen Makel: „Die Protestanten haben eine der schlechten Angewohnheiten der Katholiken übernommen sie amüsieren sich am Sonntag.“Je länger man in diesen lust- und vergnügungsfeindlichen Seiten blättert, desto mehr bekommt man einen Eindruck vom freudlosen Leben der Autorin. Laut Pruzan wurde Mortimer 1802 in London als Tochter des Bankiers David Bevan geboren und starb 1878. Als „literarischer Superstar“ veröffentlichte sie in 40 Jahren 16 Kinderbücher von ihrem erfolgreichsten Buch, der 1833 publizierten Bibel-Fibel „The Peep of Day“, die vor allem zur Abschreckung dienen sollte, erschienen laut Pruzan eine Million Exemplare in 38 Sprachen. Eine enttäuschte Jugendliebe ließ die als Quäkerin erzogene Mortimer als 25-Jährige zum evangelischen Glauben konvertieren. Mit 39 Jahren heiratete sie einen Reverend, vor dessen Wutanfällen sie oft zu ihrem Bruder flüchtete. Zu der Zeit als Mortimer „The Countries of Europe Described“ verfasste, gärten in vielen Regionen der Welt revolutionäre Bewegungen – nichts davon findet man bei Mortimer. In unseren Augen mag auch ignorant erscheinen, wie sie die Sklaverei beklagt und wenige Zeilen später das animalische Verhalten der „Hottentotten“ und anderer „Neger“ beschreibt. Natürlich war sie damit nichts weiter als ein Kind ihrer Zeit. Auch war sie bei Weitem nicht die Einzige, die von Reiseberichten anderer abschrieb. Ihre Länderberichte sind eine heilsame Erinnerung daran, dass sich in 150 Jahren zwar sehr viel, aber auch erschreckend wenig ändern kann.

Favell Lee Mortimer. Die scheußlichsten Länder der Welt. Mrs. Mortimers übellauniger Reiseführer. Herausgegeben von Todd Pruzan. Aus dem Englischen von Martin Ruben Becker. München: Malik, 2007.



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