Die Falle der Aufklärung

von Horace Campbell

Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Ausgabe IV/2011)


Die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts erfordern eine Abkehr von vielem, was die Philosophie der europäischen Aufklärung lehrt, und eine Annäherung an Ubuntu, die alte überlieferte afrikanische Philosophie. Die Ideen westlicher Denker der Aufklärung führten zu Hierarchisierung, Abgrenzung, Herrschaft, Determinismus und einem mechanistischen Verständnis des Universums. Die afrikanische Ubuntu-Philosophie betont dagegen den Gemeinsinn und unsere intrinsische Verbindung mit einem komplexen Universum.

Ubuntu öffnet eine Gedankenwelt, die uns verstehen lässt, wie die verschiedenen Teile des Universums zusammengefügt sind, indem wir begreifen, dass „alles mit allem verbunden ist“. Wir sind Bewohner auf Zeit eines physischen Raums auf der Erde und erkennen, dass die Biosphäre ein globales ökologisches System ist, das alle Lebewesen und ihre Beziehungen umfasst, einschließlich ihrer Interaktionen mit den Elementen der angegliederten Systeme, der Atmosphäre, Geosphäre und Hydrosphäre. Wir brauchen eine philosophische Neuorientierung, um das Universum menschlicher zu gestalten, und müssen uns von der jahrhundertealten Hegemonie der aufklärerischen Gedankenwelt, die Zerstörung und Unmenschlichkeit verursachte, lösen.

Die heutige internationale Ordnung wurde auf der europäischen Aufklärungsphilosophie errichtet. In ihrem Zentrum stand der „vernünftige Mann“, ein „Wissender“, der die „rights of man“ (Menschenrechte) verdiente. Nichteuropäern, besonders Afrikanern, und Frauen wurde Rationalität abgesprochen. Diese Philosophie verschanzte sich hinter Dualismen und betrieb die Abgrenzung von Mensch und Natur, Männern und Frauen, Geist und Materie, „zivilisierten“ Europäern und „unzivilisierten“ Nichteuropäern. Die Aufklärung degradierte das komplexe Universum zur Maschine. Als menschliches und wissenschaftliches Ziel erachtete sie, die Natur zu beherrschen und zu kontrollieren. Fragen über das Leben, Sinn oder Spiritualität gab es nicht. Die Natur arbeitete nach mechanischen Gesetzen. Auch die Wirtschaft, die dieser intellektuellen Schule entsprang, degradierte die Natur zu einem Gebilde, das für Menschen geschaffen war, damit sie es beherrschten. Wenn Studenten der Wirtschaftswissenschaften heute über Produktionsfaktoren unterrichtet werden, erfahren sie von den Kosten, die durch menschliches Handeln an der Natur entstehen, meist nichts.

Die Idee der Herrschaft über die Natur und über andere Menschen huldigte dem politischen Realismus des sozialdarwinistischen Überlebenskampfes und wurzelte tief in der intellektuellen Tradition des Determinismus. So wurde es möglich, die Unterjochung bestimmter Gruppen zu rechtfertigen, von denen man annahm, dass sie im Wettbewerb um den höchsten Rang der sozialen, wirtschaftlichen und rassischen Hierarchie auf der Strecke bleiben würden. Dieser politische Realismus bevorzugte hegemoniale militärische Herrschaft und das Gesetz des Stärkeren in den internationalen Beziehungen. Diese Vorstellungen inspirierten die „Eroberung“ der Natur, den Genozid an der nordamerikanischen Urbevölkerung, die Versklavung von Afrikanern und die Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten.

Der polnische Philosoph Zygmunt Bauman untersuchte diese Lehren aus der Aufklärung in seinem Buch „Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust“. Karl Marx kämpfte darum, die Schule der Aufklärung zu retten, doch man versuchte ihn in der Tradition der Aufklärung in die Falle zu locken, indem man behauptete, dass alle Menschen dieselben Entwicklungsstadien durchlaufen müssten wie die Europäer, bevor sie sich emanzipieren könnten. Die Idee des „Fortschritts“ und die Entwicklung von Produktivkräften reproduzierte einen mechanistischen Determinismus, der Marx’ emanzipatorische und revolutionäre Beiträge aushöhlte.

Die afrikanische Weltanschauung dagegen überschritt die Grenzen der europäischen Aufklärung, obwohl sie jahrhundertelang verbannt war. Entgegen der aufklärerischen Trennung von Geist und Materie erkennt die vorkoloniale afrikanische Ontologie, dass Menschen nicht von der Natur losgelöst werden können oder von anderen Menschen getrennt. Diese Weltanschauung drückt sich heute in der Ubuntu-Philosopie aus. Ubuntu ist ein Wort aus der Bantusprache, doch das Konzept existiert in fast allen afrikanischen Gesellschaften. Übersetzen lässt sich Ubuntu mit dem Satz: „Ich bin, weil wir sind, und weil wir sind, bin ich.“ Das richtet sich an unsere gemeinsame Menschlichkeit und unsere Verbindung mit dem Ökosystem. In ganz Afrika existierte eine ganzheitliche Beziehung zwischen Pflanzen, Menschen und Tieren.

Die vorkoloniale afrikanische Ontologie respektierte die Natur und würdigte die Biodiversität der Umwelt. Von der Zeit des Sklavenhandels über die Kolonialzeit bis zur neokolonialen Gegenwart hat der Westen die afrikanische Ontologie schlechtgemacht, während gleichzeitig die menschlichen und natürlichen Ressourcen Afrikas ausgebeutet wurden. Der Westen geißelte Afrikaner als unzivilisierte, zurückgebliebene, unwissenschaftliche Wilde und betrachtete die Natur und sogar Mitmenschen als knappe Ressourcen, um die ein Wettbewerb geführt wurde.

Die afrikanischen Völker sahen die Natur nicht rein wirtschaftlich. Die Vielfältigkeit der natürlichen Umwelt wurde als gemeinsame Ressource gesehen, die ihre Nutzer in eine Kombination aus Rechten und Verantwortlichkeiten einbindet. Während die Aufklärung in Europa eine genetische Erosion auslöste, bewahrte die afrikanische Ontologie die Flora und Fauna der afrikanischen Welt über Jahrtausende. Die afrikanische Weltanschauung betrachtete Pflanzen und Tiere als Geschenke der Vorfahren oder höherer Mächte. In ihnen steckt die Kraft zu heilen und zu erneuern. Nach den Produkten dieses Wissenssystems suchen heute westliche Biopiraten der pharmazeutischen und kosmetischen Industrie.

Die afrikanische Ideenfindung trennte nie zwischen Geist und Materie und lieferte keine mechanistische Sicht des Universums. Nach der afrikanischen Denktradition gehören Ungewissheit und Elemente des Unbekannten zum Universum dazu, was in den vorkolonialen afrikanischen Dörfern Bescheidenheit und Demut der Menschen förderte. Man verstand, dass mehr Wege zum Wissen führen, als nur der des Beobachtens. Neueste Forschung zu Stringtheorie, Teilchenphysik und Chaostheorie sind Manifestationen der Suche nach den verborgenen Kräften des Universums und nach neuen Einsichten in die Verbundenheit der Menschen mit allen universalen Aspekten. Diese Theorien demonstrieren ein neues Verständnis gegenüber den spirituellen Kräften, die im Universum aktiv sind. Die Physiker und Wissenschaftler der Aufklärung hätten vieles von dem, was heute die theoretische Physik bewegt, als Aberglauben abgetan.

Seit das menschliche Genom offiziell als vollständig entschlüsselt gilt, sind einige der Wissenschaftler des Humangenomprojekts in neue Projekte eingebunden, die von eugenischem Denken geleitet werden. Die mechanistischen Ideen der Aufklärung erreichen durch die biotechnologische Forschung und das Patentieren von Lebewesen, das der Vorstellung folgt, natürliche Strukturen und ihre Teile könnten als Waren angesehen werden, die man für den Biotech-Markt überarbeiten kann, eine neue Stufe der Absurdität.

Die Gentechnik unterscheidet sich sehr von der ganzheitlichen Sicht afrikanischer Völker auf das Universum und die natürliche wie spirituelle Welt. Leben zu erschaffen und zu besitzen, liegt in der afrikanischen Ontologie außerhalb menschlicher Einwirkungsmöglichkeit. Afrikaner besitzen eine klare Vorstellung von der Verbundenheit aller Formen des Lebens, einschließlich der Gene, der Arten, der natürlichen und menschlichen Lebensräume.

Im Zeitalter von Gentechnik, Militarisierung der Erde und Klimawandel bergen die aufklärerischen Ideen von der Herrschaft über Menschen und die Natur große Gefahren. Es ist möglich, die Menschheit vor den destruktiven Aspekten der Aufklärung zu retten, wenn wir die Ubuntu-Philosophie an eine universale Emanzipation knüpfen. Der emanzipatorische Ansatz dieser afrikanischen Philosophie des Ubuntu verlangt ein Umdenken, um nicht nur Afrikaner, sondern die ganze Menschheit vor der Zerstörung der Erde und dem Verlust der Essenz unserer gemeinsamen Menschlichkeit zu bewahren.

Aus dem Englischen von Karola Klatt



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