Können Neger Kant verstehen?

von Yanick Lahens

Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Ausgabe IV/2011)


Die haitianische Revolution von 1804 stellt von allen Revolutionen, welche die europäische Aufklärung hervorgebracht hat, die größte dar. Denn trotz ihres Bemühens um Universalismus bezog sich die Aufklärung ausschließlich auf den Westen, das heißt auf Europa und seine Verlängerung in Nordamerika. Genau hier liegen die Grenzen und Widersprüche dieses Zeitalters. Sie liegen im Schweigen der Aufklärer zur Problematik der Sklaverei. „Kann es sein, dass es der Aufklärung – was immer sie auch aufklärt – nicht gelingt, die Schwarzen als Menschen zu betrachten und Afrika in ihre Überlegungen mit einzubeziehen?“, fragte der Philosoph Louis Sala Molins anlässlich des 200. Jahrestags der französischen Revolution. Das ist zwar polemisch, aber treffend.

Am Vorabend der haitianischen Revolution war die französische Kolonie Saint Domingue der größte Zucker- und Kaffeeproduzent der Welt. Sie exportierte so viel Zucker wie Jamaika, Kuba und Brasilien zusammen und deckte die Hälfte des weltweiten Kaffeebedarfs. Viele der Bürger, die sich in Frankreich gegen die Zwänge des Ancien Régime erhoben, hatten ihr Glück durch den Zucker- und Kaffeehandel gemacht. Zugleich machte dieser Saint Domingue zu einem Kernstück des transatlantischen Versklavungssystems. Als 1789 in Frankreich die Menschenrechte erklärt wurden, kamen in Saint Domingue auf 31.000 Weiße und 28.000 freie Schwarze rund 456.000 Sklaven. Zum Vergleich: In den Vereinigten Staaten gab es damals rund 700.000 Sklaven.

Etwa sechzig Prozent der Sklaven von Saint Domingue waren in Afrika geboren, also nicht mit Unfreiheit und Plantagenarbeit aufgewachsen. Sie begannen ihre ersten Revolten 1791. Die freien Schwarzen hatten oft ein höheres akademisches Niveau als die Siedler, einige von ihnen hatten zudem eine Ausbildung in der französischen Armee absolviert. Sie verteidigten ihre Anliegen in Frankreich und in der Kolonie, was für alle ein Spiel der Allianzen war, auch mit den Engländern und Spaniern in der Region. Der frühere Sklave Toussaint Louverture wurde Meister dieses subtilen Spiels und entwickelte sich zum ersten Führer der haitianischen Revolution. Als die Sklaverei erst ausgesetzt und dann 1801 wieder eingeführt wurde, folgte eine ganze Reihe von Revolten, die 1804 zur Unabhängigkeit Haitis führten.

Dies war die erste erfolgreiche Revolution von schwarzen Sklaven. Aufgrund ihres Wagemuts stellt sie die Verwirklichung des für ihre Epoche Unvorstellbaren dar. Sie sprengt die Kategorien, in denen sich der Fortschrittsglaube und das revolutionäre Denken des Westens zuvor bewegten, was die Menschlichkeit der Schwarzen und die Unverletzlichkeit ihrer Territorien betrifft. Sie zeigt die Widersprüche und die Grenzen auf, die in den Kern des Projekts der Moderne eingeschrieben sind, und sie erinnert die Moderne unaufhörlich an ihre nicht gehaltenen Versprechen.

Ebenso unaufhörlich erinnert sie die Haitianer an die eigenen Schwierigkeiten, eine Bürgergesellschaft zu schaffen. In meinem Buch „Und plötzlich tut sich der Boden auf“ erinnere ich anlässlich des Erdbebens vom 12. Januar 2010 daran. Dieses hat eine schmerzliche Katastrophe zum Vorschein gebracht, die ebenso verheerend ist wie das Erdbeben selbst, unsere Bilanz als Nation nämlich. Und die ist zugleich die Bilanz der Beziehungen zwischen den Ländern des Nordens und denen des Südens. Haiti, die erste „schwarze Republik“, wurde von allen großen Sklavenhandels- und Kolonialmächten isoliert.

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurde sie bestraft und gezwungen, Schulden an Frankreich zu zahlen, weil der unterjochte Neger das Undenkbare gewagt und seine Freiheit zurückerobert hatte. Die haitianische Erfahrung liefert ein Modell. Sie nimmt, Anfang des 19. Jahrhunderts, Art und Ausprägung dessen vorweg, was man später die Nord-Süd-Beziehungen nennen wird. Die Vereinigten Staaten, die während der Revolution von 1804 gerade dabei waren, sich als Handelsmacht zu entfalten, hatten mit der Stimme von Präsident Thomas Jefferson die Bedingungen benannt, unter denen ein unabhängiges Haiti niemandem Schaden zufügen durfte. Es reichte, den Schwarzen den Besitz von Schiffen zu verbieten. Haiti durfte als großes Dorf von entflohenen Sklaven bestehen, doch es war ausgeschlossen, dass man es im Konzert der Nationen akzeptierte. Obwohl Haiti 1818 Simón Bolívar empfangen und ihn zur Befreiung der Länder Lateinamerikas mit Waffen, Munition und Truppen unterstützt hatte, wurde es 1826 nicht zum ersten internationalen Panama-Kongress eingeladen.

Als ich zwei Tage nach dem Erdbeben im Januar 2010 durch Port-au-Prince ging, schrieb ich: „Ausgeliefert, nackt und bloß war Port-au-Prince, aber nicht schamlos. Schamlos war die erzwungene Entblößung. Schamlos war und ist die skandalöse Armut.“ Eine Armut, die eine Entstehungsgeschichte hat, nämlich die oben beschriebenen externen Gründe, aber auch interne Gründe, die nicht verschwiegen werden dürfen.

Anthropologen und Soziologen haben den Begriff der „Kreolen“ geprägt, um diejenigen zu bezeichnen, die nach der Revolution auf Haiti zu Besitz gekommen waren, sowie den der „Bossales“ für jene, die nichts haben. Der Kreole ist oftmals „Mulatte“, das heißt er ging im Laufe des 19. oder 20. Jahrhunderts aus einer Verbindung mit einem weißen Siedler oder einem Ausländer weißer Hautfarbe hervor, vielleicht aber auch schwarzer Hautfarbe, falls er Nachfahre von zu Kolonialzeiten freigelassenen Sklaven oder von Schwarzen ist, die reich geworden und im Laufe der Jahre in den Genuss einer „westlichen“ Erziehung gekommen sind.

Der Bossale hingegen ist schwarz bis auf sehr wenige Ausnahmen ehemaliger „Mischlinge“ auf dem Land, die aus Beziehungen mit den Nachfahren von Indern in der Karibik oder mit den weißen Nachfahren von Polen hervorgingen, die sich zur Zeit des Unabhängigkeitskrieges auf die Seite der rebellierenden Schwarzen gestellt hatten. Der französische Anthropologe Gérard Barthélémy hat in „La culture opprimée“ äußerst treffend beschrieben, wie es zu dieser sozialen Spaltung Haitis gekommen ist. Nach der Unabhängigkeit von 1804 „wurden die Produktionsmittel der Weißen von jenen monopolisiert, die am besten damit umzugehen wussten: den Kreolen“. Die Bossales waren aber von der Aufteilung der kolonialen Hinterlassenschaften ausgeschlossen. Sie besetzten folglich den sozialen und kulturellen Raum, der durch den Aufstieg der Kreolen frei wurde. Während die Kreolen nicht nur die Plantagen der Weißen, sondern auch das Erbe ihrer Sprache, Kultur, Religion und Staatsstruktur weiterführten, fanden, so schreibt Barthélémy, die Bossales im Kleinbauerntum ein eigenes Milieu, im Voodookult eine Religion, im Kreolischen eine Sprache und eine eigene Familienstruktur: die Lakou-Gemeinschaften und die Plaçage-Beziehungen.

Diese historische, soziale und kulturelle Verwerfung erzeugt auf Haiti seit über zwei Jahrhunderten Ausgrenzung. Sie durchdringt uns alle, Bossales wie Kreolen. Sie bestimmt die Struktur unseres Seins. Sie prägt unsere Vorstellungswelt, ordnet unsere Fantasien, unsere Hautfarben, unsere Klassen. Speist unsere Frustrationen. Gibt unseren Illusionen neue Nahrung. Sie zermalmt uns ganz leise. Die haitianische Gesellschaft kämpft seit zwei Jahrhunderten mit den Grenzen und Widersprüchen, die Teil der Umstände ihrer Revolution sind, und angesichts jener Forderung nach Würde, die sie 1804 gestellt hat, ist sie heute mehr denn je dazu verpflichtet, sich die Chance, eine echte Zivilgesellschaft aufzubauen, nicht entgehen zu lassen.

Abschließend möchte ich aus dem Buch „Avengers of the New World: The Story of the Haitian Revolution” des amerikanischen Historikers Laurent Dubois zitieren: „Die Auswirkungen der haitianischen Revolution waren enorm. Als einziges Beispiel einer siegreichen schwarzen Revolution spielte sie in den politischen, philosophischen und kulturellen Strömungen des 18. und 19. Jahrhunderts eine wesentliche Rolle.“ Die haitianische Revolution hat demnach die Welt verändert. Sie hat eine zentrale Rolle bei der Abschaffung der Sklaverei in Amerika gespielt und stellt damit einen wesentlichen Moment in der Geschichte der Demokratie dar. Und sie hat den Grundstein für das permanente Ringen um die Achtung der Menschenrechte gelegt. Dubois bilanziert: „So gesehen sind wir alle Nachfahren der haitianischen Revolution.“ Bisher wurde dies ignoriert. Der 12. Januar 2010, an dem für einen Moment die Zeit stillstand, hat die Welt wachgerüttelt und die Menschen gezwungen, Haitianer zu sein. Und nun?

Aus dem Französischen von Claudia Kotte



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