Die selbstverschuldete Unmenschlichkeit

von Matthew Taylor

Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Ausgabe IV/2011)


In seinem berühmten Aufsatz „Was ist Aufklärung?“ antwortet Immanuel Kant mit einem Motto: „Sapere aude“ oder „Wage zu wissen“. Eine mehr als hundertjährige umwälzende Entwicklung in einem einzigen prägnanten Satz. Altbewährte Wahrheiten, die als heilig galten, wurden infrage gestellt. Mitgerissen von der Anziehungskraft einer Individualität und Wertschätzung des Selbst schwand nach und nach die Ehrerbietung, welche feudalen Hierarchien und der Religion entgegengebracht worden war. Die Aufklärung hat der Menschheit ihre Spuren eingebrannt und uns zu dem gemacht, was wir heute sind.

Der in Paris lebende Philosoph und Schriftsteller Tzvetan Todorov identifiziert drei Kerngedanken der originalen Aufklärungsepoche: Autonomie – frei von Bevormundung sollte jedes Individuum in der Lage sein, seine eigenen Entscheidungen zu treffen –, Universalismus – alle Menschen teilen die gleichen fundamentalen Rechte – und Humanismus, die Ausrichtung des Handelns auf das Wohl der Menschheit – jeder soll sich Ziele setzen, die der Menschheit dienen.

Wir werden im 21. Jahrhundert anders leben müssen, wenn wir gedeihen wollen. Das verlangt, so wie es die Architekten der Aufklärung gesehen haben, die Fähigkeit, die Welt und uns selbst aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Was also ist Aufklärung im 21. Jahrhundert, besonders im Verhältnis zu den modernen Herausforderungen, denen wir gegen-überstehen? Was auch immer die Zukunft bringt, wir werden einen Weg finden müssen, die moderne Welt mit Gehirnen zu bewältigen, die während unserer Evolution in prähistorischen Jäger-und-Sammler-Gesellschaften geformt wurden. Das ist einer der Gründe, warum wir schon Todorovs erstes Aufklärungsprinzip neu untersuchen müssen: Autonomie.

Im Zentrum der Aufklärung steht die Autonomie des Menschen, der seinen Verstand nutzt, um sich ein selbst gewähltes, wertvolles Leben zu schaffen. Aufklärung im 21. Jahrhundert beinhaltet darüber hinaus, ein eigenverantwortlicheres, gesellschaftlich verankertes Modell der Autonomie zu verfechten. Das bedeutet weder, dem Individuum Rechte abzusprechen, noch unsere einzigartige und erstaunliche Fähigkeit, uns Ziele zu setzen, nicht wertzuschätzen. Doch zu wissen, dass unser Verhalten nur zum Teil durch unser bewusstes Denken gesteuert wird, kann uns dabei helfen, uns selbst zu kontrollieren.

Unser Verhalten ist viel stärker eine automatische Reaktion auf die uns umgebende Welt als das Ergebnis bewusster Entscheidungsfindung. In diesem Sinne ist es realistischer, uns als vollständig mit der Welt verbunden zu sehen, denn als separate, gänzlich autonome Entitäten. Neue Studien zeigen zum Beispiel den unterschwelligen, doch mächtigen Einfluss, den das soziale Umfeld auf unseren Lebensstil hat. Wie viel wir essen, sogar wie glücklich wir sind, wird durch unsere sozialen Beziehungen mitbestimmt. Die sich gerade herausbildenden subtileren, ganzheitlicheren Modelle der menschlichen Natur lehren uns noch mehr. Zum Beispiel sind wir nicht sehr gut darin, Entscheidungen auf lange Sicht zu fällen. Noch auffallender ist, dass wir unsere eigenen Kapazitäten schlecht einschätzen können. Wir können weder vorhersagen, was uns glücklich machen wird, noch akkurat beschreiben, was uns in der Vergangenheit glücklich machte.

Für den britischen Soziologen Anthony Giddens ist eine Kernkomponente modernen Bewusstseins die Steigerung von Reflexivität, unserer Fähigkeit, unser eigenes Leben zu reflektieren und nach unserem Willen zu formen. Treten wir nun also in eine Periode der neurologischen Reflexivität ein, in der wir die Grenzen und Schwächen unserer Kognition mitberücksichtigen und auf der Suche nach einem besseren Leben zwischen echten Bedürfnissen und bloßem Appetit unterscheiden lernen?

In der Royal Society of the Arts haben wir damit begonnen zu ergründen, in welcher Weise es den Menschen in ihrem Leben und bei der Arbeit helfen könnte, ein paar einfache Regeln über Kognition zu kennen. Wir wollen Erkenntnisse vermitteln, die es Menschen erlauben, ihre Handlungen effektiver zu gestalten – nicht durch pure Willensanstrengung, sondern indem sie die Kontexte erkennen, die automatisches Verhalten beeinflussen, und sie verändern. Gleichzeitig brauchen wir eine eigenverantwortlichere Form der Politik, die auf der Erkenntnis aufbaut, dass blinde individuelle Vorlieben meist schlechte politische Berater sind, während politische Entscheidungen, die nach dem Austausch aller Informationen und nach gründlicher Beratung getroffen werden, sich davon abheben. Es wäre sehr hilfreich, wenn wir erkennen würden, dass der Kontext, in dem wir uns bewegen, relativ starr ist – das gilt besonders für unsere sozialen Beziehungen –, wenn wir um unsere kognitiven Schwächen wüssten und die ökonomischen und ökologischen Grenzen individueller Vorlieben wahrnähmen. Das wäre tatsächlich die Basis für eine eigenverantwortliche Autonomie.

Das zweite Aufklärungsprinzip, der Universalismus, baut auf der Idee natürlicher Rechte auf und bedeutet ganz allgemein, dass alle Menschen mit unveräußerbaren Rechten und dem gleichen Anspruch auf Würde geboren werden. Jenseits der Auseinandersetzung zwischen Liberalismus und Kommunitarismus, das heißt, ob jemand nur die Bürgerrechte verteidigt oder für eine Politik argumentiert, die jeden befähigt, seine Potenziale zu erreichen, gibt es eine Dimension des Universalismus, die wenig erforscht ist: Was treibt uns eigentlich an, nach universalistischen Grundsätzen zu handeln? Ich würde sagen, dass Empathie die emotionale Grundlage des Universalismus ist.

Seit der Einführung moderner Bürgerrechte haben sich die gesellschaftlichen Einstellungen gegenüber Andersfarbigen, Frauen und Sexualität revolutioniert. Darüber hinaus brachten uns die modernen globalen Echtzeitmedien das Leid weit entfernter Menschen ins Wohnzimmer und trugen so zur Entstehung staatlicher und philanthropischer Organisationen bei, die sich vielfältig für die ambitionierten Milleniumsziele engagieren. Migration, Fernreisen und globale Kommunikation liefern Gründe und Gelegenheiten, unsere Ähnlichkeiten wahrzunehmen und unsere Verschiedenheiten zu respektieren.

Doch es gibt guten Grund zu fragen, warum ausgerechnet in einer Zeit, in der wir unsere Anstrengungen verstärken müssten, wollten wir die Milleniumsziele erreichen, das Wachsen unserer Empathiefähigkeit ins Stocken gerät. Spannungen zwischen ethnischen Gruppen gibt es noch immer und sie gewinnen sogar eine neue Dimension. Auch scheinen feindliche Gefühle gegenüber Immigranten überall in der westlichen Welt zuzunehmen. Wir nehmen die Tea-Party-Bewegung als rechtsgerichtetes amerikanisches Phänomen wahr, aber die Verbote von Burkas in Frankreich oder Minaretten in der einst so ruhig wirkenden Schweiz belegen, dass das Schwinden der Toleranz eine um sich greifende Tendenz ist. Eine im Juni 2010 veröffentlichte Metastudie der amerikanischen Gesellschaft für psychologische Forschung, die Informationen über 14.000 untersuchte Kollegstudenten zusammenfasst, stellt einen markanten und wachsenden Rückgang der Empathie verglichen mit den späten 1970er-Jahren fest.

Um diesem Trend entgegenzuwirken und ihn umzukehren, sollten wir die Bildungspolitiker darin bestärken, den frühen Kindheitsjahren mehr Aufmerksamkeit zu schenken, denn in dieser Zeit werden empathische Persönlichkeiten geformt. Wir sollten uns für eine Kindererziehung stark machen, welche die Entwicklung der emotionalen Verbundenheit in den Mittelpunkt stellt.

Wir müssen auch zwischen gesunder Ablehnung und gefährlicher Herabwürdigung einen deutlichen Unterschied machen. Es kann zum Beispiel sein, dass man von der Notwendigkeit strenger Kontrollen gegen illegale Einwanderung überzeugt ist, während man gleichzeitig anerkennt, dass man, wäre man in der gleichen furchtbaren Lage, genauso handeln würde wie jene Menschen, die auf der Suche nach Sicherheit und einem besseren Leben durch die Welt ziehen. Aber schiffbrüchige Flüchtlinge, die alles riskierten, um das Mittelmeer zu überqueren, einfach im Stich zu lassen, wie das im Falle eines Flüchtlingsbootes im Frühjahr geschah, zeigt deutlich, was wir noch vor uns haben. Die Vorstellung, Bildung sei die wertvollste Ressource einer Wissensgesellschaft, ist uns geläufig menschliche Empathie aufzubauen, ist ganz genauso wichtig, um eine friedliche, gerechte und nachhaltige Welt zu schaffen.

Doch auch eine eigenverantwortlichere und empathischere Bürgerschaft würde noch immer Dilemmata und Meinungsverschiedenheiten gegenüberstehen. Todorov beschreibt ein drittes Aufklärungsprinzip, nämlich dass „das Wohlergehen der Menschheit Ziel allen menschlichen Handelns“ sein soll. In anderen Worten: Was Glück und Wohlergehen steigert, soll Basis gesellschaftlicher Vereinbarungen sein und nicht, was durch Traditionen, die Worte von Göttern oder die Launen von Königen diktiert wird. Doch manchmal sieht es so aus, als hätte die humanistische Gleichung, Fortschritt solle glücklicher machen, eine subtile, aber entscheidende Wendung genommen, und zwar hin zu der Annahme, den Fortschritt voranzutreiben sei gleichbedeutend mit einer Steigerung des menschlichen Wohlergehens.

Das westliche Projekt der Post-Aufklärungsphase hat Gesellschaften wie die unsere hervorgebracht, die von drei Logiken bestimmt werden: von wissenschaftlich-technischem Fortschritt, von Märkten und von Bürokratie. Die Logik der Wissenschaft und Märkte wird dadurch legitimiert, dass man alle substanziellen Sorgen um das Gemeinwohl gleichgültig zur Seite schiebt. Wenn etwas entdeckt oder entwickelt werden kann, dann sollte es auch entdeckt und entwickelt werden. Das Problem mit der Logik der Bürokratie ist, dass sie, wie Max Weber schon vor über hundert Jahren erkannte, tendenziell die prozedurale Rationalität (die Rationalität der Regeln) der substanziellen Rationalität (der Zweckrationalität) vorzieht. So entspringt es den Logiken des technischen Fortschritts, der Bürokratie und des Wettbewerbs, wenn immer mehr und technisch immer ausgereiftere Waffen an autokratische Regime im Nahen Osten verkauft werden, ungeachtet der offensichtlichen Bedrohung, dass diese Länder sie gegen ihr eigenes Volk einsetzen könnten.

In diesem Zusammenhang verlangt die Aufklärung des 21. Jahrhunderts ein Bekenntnis zur ethischen Dimension des Humanismus. Ethische Motivation gehört zum Wesen des Menschen. Trotz der vielen guten Entwicklungen in Gesellschaften wie der unseren muss man feststellen, dass ver-glichen mit den gigantischen Ausmaßen mancher Vorhaben ethische Überlegungen oft marginal erscheinen. Oberflächlich betrachtet mögen ethische Differenzen als Bedrohung der gesellschaftlichen Harmonie oder des organisatorischen Ganzen aufgefasst werden. Tatsächlich aber ist ein reifer ethischer Diskurs die Grundlage für den dauerhaften Zusammenhalt der Gesellschaft, für Multikulturalismus, für gegenseitigen Respekt und die Möglichkeit, Konflikte zu lösen, und darüber hinaus ein guter Ausgangspunkt für innovatives Denken. All das ist wesentlich im 21. Jahrhundert. Wir stehen vor schweren politischen Dilemmata und brauchen die Ethik für eine authentische und engagierte Politik – eine aufgeklärte Politik zum Wohlergehen der Menschheit, statt einer technokratischen Politik mit regulatorischem Instrumentarium.

Einer der wichtigsten Historiker unserer Zeit, Jonathan Israel, hat die Aufklärung als „Revolution des Geistes“ beschrieben. Wie sich unser Denken seit dem 18. Jahrhundert verändert hat, entzieht sich unserer Vorstellungskraft. Nicht nur unsere festen Überzeugungen haben sich gewandelt, sondern die ganze Art über uns selbst und die Welt nachzudenken man kann vielleicht von unserem Bewusstsein sprechen.

Das Ziel einer Aufklärung im 21. Jahrhundert sollte sein, Licht auf einige tief sitzende Annahmen zu werfen und zu fragen, ob sie die Herausforderungen des kommenden Jahrhunderts meistern können: Die Vorstellung, dass Autonomie in einer Kultur des besitzergreifenden Individualismus hinreichend zum Tragen kommt, dass emotionale Fähigkeiten nicht wichtig sind, und dass Fortschritt ein eigenständiger Wert ist. Was wir brauchen, ist eine Neuauflage des Humanismus, eine, die dafür eintritt, die Logik hinter den Hauptkräften der Moderne – Wissenschaft, Märkte, Bürokratien – einer kritischen Prüfung zu unterziehen, während gleichzeitig die reichhaltige Erfahrung von Bewusstheit durch die tiefe Empfindsamkeit unseres Menschseins ergänzt wird. Zurück zu Kants Motto: Wir können mehr über uns wissen. Und wir sollten es wagen.

Aus dem Englischen von Karola Klatt



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