„Kunst verjüngen“

Hayashida Hideki

Ganz oben. Die nordischen Länder (Ausgabe I/2008)


Das National Art Center in Tokio schließt in der japanischen Museumslandschaft eine Lücke, indem es unserer Bevölkerung die neuesten Trends zeitgenössischer Kunst vorstellt. In Japan gibt es fünf staatliche Museen, von denen jedes seinen eigenen Charakter hat. Das jüngste ist das National Art Center, das im Januar 2007 seine Tore öffnete. Die vier anderen sind The National Museum of Modern Art in Tokio, The National Museum of Modern Art Kyoto, The National Museum of Western Art in Tokio und The National Museum of Art Osaka. Diese staatlichen Institutionen entwickeln und beherbergen in erster Linie permanente Ausstellungen. Mit dem National Art Center in Tokio wird eine andere Museumskonzeption verwirklicht: Hier legen wir den Fokus auf besondere, zeitlich begrenzte Ausstellungen zeitgenössischer Kunst. Diese besonderen Ausstellungen werden von den renommierten Kuratoren des Hauses konzipiert. Um diese großen Ausstellungen effektiv zu gestalten und ihnen so viel Raum wie möglich zur Verfügung zu stellen, bieten wir im National Art Center keine Dauerausstellung an. 14.000 Quadratmeter groß ist die Ausstellungsfläche des neuen Museums im Stadtteil Roppongi, die bereits als der neue Dreh- und Angelpunkt für Kunst und Kultur der Stadt gehandelt wird. Neben den großen Ausstellungen zeitgenössischer Kunst gibt es hier auch Ausstellungsfläche für die japanischen Künstlerverbände, die eine Schlüsselrolle in der Vermarktung japanischer Kunst einnehmen. Außerdem werden Künstlern und Künstlerverbänden Räumlichkeiten für verschiedene künstlerische Aktivitäten zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus werden auch Kooperationsausstellungen mit Vertretern der Massenmedien oder anderen Kunstinstitutionen organisiert. Das National Art Center steht unter dem Dach der Independent Administrative Institution National Museum of Art. Im Rahmen seiner stetigen Kooperation mit Japans vier anderen staatlichen Kunstmuseen sowie der Zusammenarbeit mit weiteren nationalen und internationalen Museen konzentriert sich das Museum darauf, eine möglichst große Bandbreite an Ausstellungen und Veranstaltungen zu verwirklichen. Bei einigen dieser Ausstellungen arbeiten wir mit den wichtigen japanischen Medienunternehmen zusammen. Diese haben jeweils eigene Abteilungen für Kulturprogramme und -veranstaltungen und pflegen eine Tradition des Sponsorings von kulturellen Ereignissen in Museen oder ähnlichen Örtlichkeiten. Künftig soll es in Japan verschiedene Gemeinschaftsprojekte mit diesen Medienunternehmen geben. Es handelt sich dabei insbesondere um Ausstellungen, die enorm kostspielig sind und erwartungsgemäß eine große Besucherzahl anziehen. Allerdings reduziert sich die Aufgabe der Massenmedien auf die Öffentlichkeitsarbeit. Sie haben keinen entscheidenden Einfluss auf die konzeptuellen Entscheidungen der Kuratoren. Ausstellungen, die in Kooperation mit Medienunternehmen veranstaltet werden, vermitteln ebenfalls einen Einblick in die moderne Kunst. Als Teil der Initiative, Ausstellungen zu zeigen, die neue Trends moderner Kunst offenlegen, planen wir zudem, Arbeiten von talentierten Japanerinnen und Japanern zu präsentieren, die sich bereits einen Namen auf dem Gebiet der Medienkunst, Architektur oder Mode gemacht haben. Mit der Sammlung von kunstspezifischen Materialien und Informationen in einer eigenen Bibliothek will das Museum eine Plattform für die Verbreitung von Kunst sein. Kern unserer Kunstbibliothek ist eine umfangreiche Sammlung von Ausstellungskatalogen.Der große Erfolg des Museums – in den ersten sieben Monaten kamen zwei Millionen Besucher – basiert nicht allein auf den wechselnden Gemeinschaftsausstellungen populärer Kunst. Allein das Gebäude, das von dem weltbekannten japanischen Architekten Kishô Kurokowa entworfen wurde, wirkt anziehend. Meiner Ansicht nach hat jedes Kunstmuseum seinen ganz eigenen Charakter und erfüllt damit auch eine ganz bestimmte Funktion. In Zukunft werden sich die Kunstmuseen individualisieren hinsichtlich ihrer Konzepte, Aufgaben und Besucher, um alle Bedürfnisse und Interessen der Kunstinteressierten zu erfüllen. Ich möchte neue Wege beschreiten und sehe die Rolle meiner Kunsteinrichtung darin, einen Beitrag zur Verjüngung der japanischen Kunst zu leisten. Ein Ergebnis der staatlichen Umverteilung von Steuergeldern ist, dass die öffentliche Finanzierung staatlicher Kunstinstitutionen erheblich abgenommen hat. Mit weiterer Unterstützung aus dem privaten Sektor werden wir dennoch unser Bestes geben, die an uns gerichteten Erwartungen zu erfüllen und zu übertreffen und als Katalysator die Entwicklung einer neuen Beziehung zwischen Mensch und Kunst voranzutreiben.

Aus dem Englischen von Sebastian Kubitschko



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