Das Ende westlicher Dominanz

Erhard Haubold

Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Ausgabe IV/2008)


Wer im Westen kennt Kumari Mayawati, die Chefministerin des größten indischen Bundesstaats Uttar Pradesh mit 190 Millionen Einwohnern? In wenigen Jahren ist die 52-Jährige auffällig reich geworden und jetzt auf gutem Weg, nach den gesamtindischen Wahlen im nächsten Jahr die Premierministerin der größten Demokratie der Welt zu werden. Das wäre nicht weiter bemerkenswert, man denke nur an Indira Gandhi, wäre Mayawati nicht eine Dalit, eine Unberührbare. Sie gehört zu den Kastenlosen, die Mahatma Gandhi einmal die „Kinder Gottes“ genannt hat – 150 Millionen Menschen und wahrscheinlich die größte benachteiligte Minderheit auf der Welt. Für sie gibt es nur die niedrigsten, schmutzigsten aller Tätigkeiten, sie wohnen am Rand der Dörfer, sie dürfen oft weder zum Dorfbrunnen noch in den örtlichen Hindu-Tempel. Viele Kastenangehörige, vor allem Brahmanen, nehmen sofort ein „reinigendes“ Bad, wenn ein Dalit sie berührt hat, oder wenn nur sein Schatten auf sie gefallen ist. Der Aufstieg Mayawatis ist exemplarisch für die explosiven Veränderungen, die in den letzten Jahren in Asien stattgefunden haben und die Kishore Mahbubani in seinem neuen Buch beschreibt. Die soziale Revolution in Indien, unblutig dank funktionierender demokratischer Institutionen, ist ebenso bemerkenswert wie das wirtschaftliche Wachstum im einstigen Armenhaus der Welt, ganz zu schweigen von den immensen Devisenreserven, mit denen China die amerikanische Wirtschaft finanziert und den Exporterfolgen der vier Tigerstaaten Singapur, Südkorea, Taiwan und Hongkong. Mahbubani sieht Milliarden von Asiaten in die Modernität marschieren, er sieht Asien förmlich explodieren, „weil Völker, deren Geisteskräfte jahrhundertelang unterfordert waren, jetzt vor Kreativität bersten.“In Asien verlassen Jahr für Jahr mehr Ingenieure die Hochschulen als in allen westlichen Ländern zusammen. Immer noch gehen fähige junge Leute nach Amerika, aber immer mehr kommen hinterher, reich an Erfahrungen, zurück in die Heimat,wo sie, wie in Indien, in die Informationstechnologie einsteigen. Oder, wie in China, nicht mehr nur kopieren, sondern für eigene Innovationen sorgen. Überall in Asien trifft man heute auf Stolz und Selbstbewusstsein, Optimismus und Zukunftsgläubigkeit – kein Wunder bei wirtschaftlichen Wachstumsraten von beinahe zehn Prozent in Indien und China. Millionen von Menschen entkommen in jedem Jahr der Armutsfalle, lernen lesen und schreiben. Die Kindersterblichkeit sinkt, die Lebenserwartung steigt ebenso wie das Bildungsniveau und das mobile Telefon ist der große soziale Gleichmacher. Mahbubani selbst ist ein gutes Beispiel für diese Dynamik. Für ihn, aufgewachsen in einer indischen Familie in bescheidenen Verhältnissen, gehörte das Wasserklosett zu den großen Ereignissen seiner Jugend. Nach einer herausragenden Karriere im diplomatischen Dienst Singapurs, unter anderem als Botschafter bei den Vereinten Nationen, ist er heute Professor an der National University of Singapore und Rektor der Lee Kuan Yew School of Public Policy. Zusammen mit Tommy Koh und Tony Siddiqi gehört er zu jenen Intellektuellen Singapurs, die das autoritäre System des Stadtstaats verteidigen: weil man westliche Demokratiemodelle nicht einfach übertragen könne, weil auch die Sicherheit von Nahrung, Wohnung und der Schutz vor Verbrechen zu den elementaren Menschenrechten gehörten. Anfang der 1990er-Jahre führte er jene an, die den unaufhaltsamen Aufstieg asiatischer, konfuzianischer Werte und das Ende der westlichen „Dominanz“ vorhersagten. Nach der großen Asienkrise 1997 wurde es still um Mahbubani, jetzt ist er wieder da – weniger überheblich, wenngleich in manchen seiner Aussagen viel zu optimistisch.So bleibt es das Geheimnis des amerikanischen Ökonomen Larry Summers, den er zustimmend zitiert, wie der Lebensstandard in Asien innerhalb einer Generation um das Hundertfache wachsen soll. Oder wie die Armut auf der Welt bis 2015 um die Hälfte reduziert werden kann, wie die Vereinten Nationen und Mahbubani glauben. Man müsste nur einmal durch die indischen Dörfer reisen, um zu sehen, wie es um das Spannungsverhältnis zwischen Globalisierung und Armut steht. An die 100.000 Bauern haben dort in den letzten zehn Jahren Selbstmord verübt, weil sie nicht mehr genug erwirtschaften, weil hohe Preise für „ertragsintensive“ Düngemittel sie in die Arme von Kredithaien getrieben haben. Viele haben den Eindruck, dass es ihnen heute schlechter geht als vor der Einführung der wirtschaftlichen Reformen 1991: weil der Staat immer mehr Sozialdienste privatisiert weil Sonderwirtschaftszonen, die private Investitionen anlocken sollen, immer mehr Bauern von ihrem Land vertreiben und arbeitslos machen weil der rigorose Abbau wertvoller Ressourcen (Eisenerz, Bauxit) oft zu erzwungenen Umsiedlungsaktionen von Einheimischen, vor allem Ureinwohnern führt, die dabei noch miserabel entschädigt werden. Längst haben sich, in Indien wie in China, zwei Gesellschaften herausgebildet. Da ist der zunehmend wohlhabende Mittelstand, in Indien vielleicht 250 Millionen Menschen stark, der nach Amerika blickt, an den materiellen Segnungen des Westens teilnehmen und die armen Landsleute am liebsten vergessen möchte. Sie sind die anderen 750 Millionen, über die in den Medien immer weniger zu lesen ist, für deren Nöte die Gerichte immer weniger Verständnis zeigen, die mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen müssen und dem „shining India“ der Oberschicht bei den letzten Wahlen 2004 eine vernichtende Quittung ausgestellt haben. Noch immer gilt das Weltbank-Prinzip des „trickle down“, wonach Wirtschaftswachstum und allgemeiner Wohlstand der Reichen in die unteren Schichten der Gesellschaft durchsickere, obwohl jeder weiß, dass es nicht funktioniert. Schon der 1991 ermordete Rajiv Gandhi hat zugegeben, dass von der massiven Entwicklungshilfe, die Delhi auf die 600.000 Dörfer schickt, nicht einmal ein Viertel bei den wirklich Bedürftigen ankommt. Unter Fachleuten gilt die Faustregel, dass jedes Prozent wirtschaftlichen Wachstums eine Million Menschen über die Armutsgrenze befördert. Es wird also lange dauern, bis Indien in jenen Kreis der neuen „Großmächte“ aufrückt, zu denen Mahbubani auch China und Russland zählt. Und ganz sicher voreilig ist seine Behauptung, dass wirtschaftliches Wachstum zu mehr rechtlicher und sozialer Sicherheit, zu einem Nachlassen religiöser Konflikte führe. Das Massaker an den Muslimen von Gujarat 2002 mit mehr als 2.000 Toten gibt einen Vorgeschmack auf die Verteilungskämpfe der Zukunft. Über die Entwicklung Chinas kann man mangels Transparenz nur spekulieren. Mahbubani scheint der Meinung zu sein, dass es einem flexiblen Autoritarismus dort gelingen könnte, soziale Spannungen rechtzeitig aufzufangen und die Ein-Parteien-Herrschaft noch geraume Zeit fortzusetzen. Jedenfalls ist er voll des Lobs für Deng Xiaoping, der den „Fehler“ Gorbatschows nicht wiederholt und dem Westen „nicht auf den Leim“ gegangen sei, der nur die Marktwirtschaft eingeführt habe, den Protest der Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens aber habe niederschießen lassen. Wäre es anders gekommen, „hätte eine Milliarde Chinesen eine ähnliche Verschlechterung ihrer Lebensumstände erlebt wie das russische Volk.“Das ganze Buch durchzieht die Forderung nach einer neuen Weltordnung. Angesichts der Aufsteiger in Asien könnten Amerika und seine westlichen Verbündeten nicht mehr allein den Gang der Geschäfte bestimmen, nicht mehr die Spitzenplätze in Weltbank, Währungsfonds und anderen internationalen Organisationen besetzen: 900 Millionen Menschen im Westen gegen 5,6 Milliarden in der übrigen Welt. Wie die neue Ordnung aussehen wird, verrät uns Mahbubani vielleicht in seinem nächsten Werk. Der große Wert der vorliegenden Arbeit liegt in der schonungslosen Analyse westlicher Außenpolitik mit den Augen eines Asiaten, der Amerikanern und Europäern nach acht Jahren unter Präsident George W. Bush und den „neocons“ die Rechnung präsentiert sie lautet: massiver Ansehensverlust Amerikas, „Ent-Westlichung“ Asiens, De-Legitimierung von Macht und Einfluss des Westens. Die amerikanisch-britische Invasion im Irak bezeichnet Mahbubani als einen kolossalen „seismischen“ Fehler, einen illegalen Krieg und einen weiteren Beweis dafür, dass die geistigen Landkarten der führenden westlichen Köpfe veraltet sind. Solch harsche Kritik ist umso bemerkenswerter, als sie aus einem Land (Singapur) kommt, das zu den treuesten Verbündeten Amerikas zählt. Man spürt in diesem Buch etwas von der Wut in der Dritten Welt über die oft arrogante, heuchlerische Außenpolitik Washingtons, die Verbündete zu Dienstmägden degradiert und im UN-Sicherheitsrat beinahe immer ihre eigenen Wünsche durchboxt. Für Irak und Afghanistan sagt Mahbubani westliches Scheitern voraus, er beklagt den Zusammenbruch eines über Jahrhunderte sorgfältig aufgebauten internationalen Rechtssystems und die Verletzung der Genfer Konventionen, für die die Bush-Administration verantwortlich ist. In der Tat, wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass Amerika Häftlinge in Ägypten und anderen diktatorischen Ländern foltern, dass es seine Soldaten auf die Korrespondentenbüros von Al-Dschasira in Kabul und Bagdad schießen lässt? Nach Guantanamo und Abu Ghraib quittieren asiatische Kanzleien jedwede westliche Vorhaltung in Sachen Menschenrechte mit einem Lächeln, und den jährlichen Bericht des State Department zu diesem Thema legen sie ungelesen zu den Akten. In Zeitungsinterviews hat sich Mahbubani hoffnungsvoll zu einer Präsidentschaft Obamas geäußert. Er macht aufmerksam auf eine oft unprofessionelle amerikanische Außenpolitik, ihr Ignorieren von Kultur und Geschichte anderer Länder, auf die Versäumnisse in den letzten Jahren und deren „elektrifizierende“ Wirkung auf 200 Millionen Araber und 1,2 Milliarden Muslime in der Welt. Von der Europäischen Union erhofft er sich wenig, die sei zu sehr mit sich selbst, mit ihrer Erweiterung beschäftigt. Dagegen fasziniert ihn die Außenpolitik Chinas, der es gelungen sei, ein beträchtliches Maß an „soft power“ und ein wirksames Gegengewicht zu Amerika aufzubauen, ohne auch nur einen Nachbarn in Asien zu vergrätzen. Dem Schriftsteller V.S. Naipaul, der die westliche Zivilisation als die universale ausgemacht hat, widerspricht Mahbubani auf das Heftigste. Andererseits konstatiert er, dass die meisten Chinesen einen großen Traum hätten: den amerikanischen. Das wäre denn die große Hoffnung nach verlorenen Jahren und Illusionen. Freilich: In China studieren bereits doppelt so viele Indonesier wie in Amerika.



The New Asian Hemisphere. The Irresistible Shift of Global Power to the East. Von Kishore Mahbubani. Public Affairs, New York, 2008.Die deutsche Fassung erscheint unter dem Titel „Die Rückkehr Asiens. Das Ende der westlichen Dominanz“ im November 2008 im Propyläen Verlag, Berlin.



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