„Nicht als Missionare auftreten“

Klaus-Dieter Lehmann

Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Ausgabe IV/2008)


Auf meinen Reisen stelle ich immer wieder fest, wie groß das kulturelle Interesse an Deutschland ist und wie stark die Erwartung an eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut. Lassen Sie mich einige Beispiele geben. 2009, zwanzig Jahre nach dem Mauerfall, werden in 16 europäischen Ländern Theaterautoren den Mauerfall thematisieren, nicht aus deutscher Sicht, sondern aus der Sicht des jeweiligen Landes. Die Stücke werden in Theatern dieser Länder aufgeführt. Die besten kommen auch nach Deutschland. Die Wiedervereinigung wird zum europäischen Thema. Es geht nicht um Selbstbespiegelung, sondern um Öffnung. Oder ein Beispiel aus Afrika: Wir werden diesen Kontinent nur erschließen können, wenn wir die Goethe-Stützpunkte vernetzen und eine Plattform für die Kunst herstellen, indem wir eine innerafrikanische Öffentlichkeit dafür schaffen. 

Die Mitarbeiter der Goethe-Institute kommen aus einem Land, das viel über das eigene Selbstverständnis nachgedacht hat. Es galt, die Kontaminierung der Kulturrezeption durch die Nationalsozialisten zu reflektieren, und auch, die Wiedervereinigung Deutschlands als kulturelles Ereignis zu begreifen. Diese Prozesse haben dazu beigetragen, dass bei allem Selbstbewusstsein ein sensibler Umgang miteinander gegeben ist. Für die konkrete Arbeit bedeutet es, dass zivilgesellschaftliche Aspekte wie Kritikfähigkeit, Urteilsfähigkeit und Eigenverantwortung immer eine Bedeutung haben werden. 

Wir wollen nicht missionarisch arbeiten oder uns als Vorbild darstellen, sondern durch gute Beispiele überzeugen und durch die Bereitschaft, uns zu beteiligen. Ein weiterer Aspekt, der uns prägt, ist der Umstand, dass Deutschland ein Mittelland ist und immer äußere Einflüsse aufgenommen und integriert hat. Unsere Kultur hat deshalb eine ausgeprägte Dialogfähigkeit. Diese Stärke sollten wir nicht vergessen. Deshalb sind die Fragen der Migration und der Integration in Deutschland auch für das Goethe-Institut Schlüsselthemen. Unsere Nationalkultur ist nicht statisch, sondern sie wandelt sich, sie ist lebendig. Ich würde von einer diskursiven Nationalkultur sprechen. Es besteht für mich aber kein Zweifel, dass die Nationalkultur ein wichtiges Element für die Identifikation ist, nicht im Sinne von Abgrenzung, sondern im Sinne von Erkennbarkeit und Offenheit. Wir leben nicht in postnationalen Zeiten. Nationalstaaten sind ein konstitutives Element der Europäisierung. Wir leben aber durchaus in transnationalen Zeiten. Das heißt, Mobilität, grenzüberschreitende Kooperation und Koproduktion sind typisch. Die Sprache ist für mich eine Voraussetzung für Integration. Sie ist nicht nur Werkzeug, sondern kulturelles Medium. Das Goethe-Institut ist deshalb sowohl im Inland als auch im Ausland mit einer Sprach-offensive derzeit sehr aktiv. Für die Zuwanderer ist die deutsche Sprache auch eine Form der Emanzipation in Deutschland. Das bedeutet nicht, dass sie ihre kulturellen Wurzeln kappen müssen. Sie können durchaus eine Bereicherung sein. 

Wir sprechen immer von der Vielfalt der Kulturen. Wenn das allerdings als Trennung verstanden wird, nützt diese Vielfalt der Kulturen nichts. Kultur hat in ihrer Vielfalt nur dann einen Wert, wenn sie sich mitteilen kann, wenn ein Dialog ermöglicht wird. Mir ist bewusst, dass der Kulturdialog kein Allheilmittel zur Lösung aller Probleme ist, dazu gehören geeignete politische Bedingungen. Aber ohne den kulturellen Dialog ist alles nichts. Unser Zusammenleben ist nun einmal in erster Linie eine kulturelle Leistung. 

Kultur sollte aber nicht nur fähig zum Dialog mit der Kultur sein, Kultur muss auch offen sein gegenüber anderen gesellschaftlichen Segmenten, zum Beispiel der Wirtschaft. Die Wirtschaft ist interessiert an interkultureller Kompetenz, sie selbst wiederum kann helfen bei der Entwicklungsarbeit und Einrichtung von kultureller Infrastruktur. Das Deutschlandbild im Ausland sollte nicht in getrennte Einzelsichten zerfallen, sondern realistisch das Zusammenwirken vermitteln. Berührungsängste sind abzubauen. Unsere Aufgabe ist es, die Neubewertung von kultureller Bildung in die Welt zu tragen. Kulturelle Bildung bedeutet auch, dass wir nicht nur zeitgenössische Kunst vermitteln, sondern dass wir uns auch unserer eigenen Geschichte und Tradition bewusst sind. Es gibt eine Erwartungshaltung, dass die großen Dichter und Komponisten unseres Landes eine Rolle bei der Vermittlung spielen, dass die großen Museumssammlungen mit ihrem umfassenden Potenzial eingebunden werden. Deutschland besitzt sicher eines der dichtesten Netze von Kultureinrichtungen. Dies zu nutzen ist wichtig. Wir sollten unser eigenes Profil zeigen, aber auch möglichst enge Kooperationen finden. Es genügt nicht, nur gastfreundlich zu sein, Partnerschaften sollten das Ziel sein. Unsere Unabhängigkeit gibt uns dafür eine hohe Glaubwürdigkeit. Sie auch in schwierigen Staaten zu erhalten, ist entscheidend. Wir sollten Freiräume und Dialogräume schaffen, die freies Denken ermöglichen. 

Protokolliert von Falk Hartig



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