Allein auf weiter Flur

Zafer Senocak

Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Ausgabe IV/2008)


Die Männer um Staatsgründer Atatürk hatten Visionen: Als sie 1923 die Macht übernahmen, entschieden sie, dass der Folgestaat des Osmanischen Reiches eine Republik sein sollte, ein Nationalstaat, gegründet und aufgebaut nach dem Vorbild Frankreichs. Denker wie Descartes, Voltaire und Diderot waren geistige Geburtshelfer der modernen Türkei. Die Türkei wurde zum ersten muslimischen Land, in dem Staat und Religion getrennt wurden. Die Gesetze wurden nicht mehr aus dem Koran abgeleitet. Der Gesetzgeber orientierte sich an den Rechtstraditionen europäischer Länder. Bereits im 19. Jahrhundert begann sich das intellektuelle Leben an Europa zu orientieren. Erste Grundrechte wurden den Bürgern bereits 1839 zugestanden. Dabei machte die anfängliche kosmopolitische Ausrichtung der meisten Intellektuellen zunehmend einer nationalistischen Positionierung Platz. Der Nationalismus wurde aus dem Zeitgeist geboren, er war wie überall Teil der Modernisierung. Er führte aber auch in der Türkei beispielsweise zum Völkermord an den Armeniern und zu folgenschweren Vertreibungen. In der modernen Türkei wurde die religiöse Identität der nationalen untergeordnet. Erst diese Nationalisierung der Religion ermöglichte den Schritt zur Säkularisierung, zur Entfaltung eines türkischen Islams, der die Glaubensdinge in die Privatsphäre verlegt. Auf der anderen Seite legte dieser Schritt kurz nach der Republikgründung den Grundstein zur fortdauernden Diskriminierung nicht muslimischer Minderheiten. Gegenüber den muslimischen Kurden verfolgte die junge Republik eine forcierte Integrations- und Assimilationspolitik. Gegenüber christlichen Minderheiten verfolgte sie eine Politik der Abschottung, die jederzeit auch aggressive Züge annehmen konnte. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Von Anfang an fühlten sich weite Teile der Bevölkerung mit dem modernen türkischen Staatsapparat nicht verbunden. Wer sich nicht fügte, wurde verfolgt, im günstigsten Fall ausgegrenzt. Diese autoritäre Modernisierung hat der Türkei eine wohl einzigartige, janusköpfige Identität beschert. Die konservativen, muslimisch geprägten Kräfte des Landes stehen einer inzwischen nicht mehr kleinen Minderheit von Kulturrevolutionären der dritten Generation gegenüber, welche die Türkei eindeutig und ausschließlich auf die europäische Zivilisation ausgerichtet sehen wollen. Diesen Wunsch drücken sie vor allem durch ihren Lebensstil aus, der sich kaum vom Lebensstil des europäischen Bürgertums unterscheidet. Die europäischen Türkei-Debatten sind noch weit davon entfernt, die Tiefenwirkung der türkischen Modernisierung zu begreifen. Vielmehr wird ein emotionalisierter Diskurs geführt, der die Türkei vorschnell als fremdartig stilisiert und einer „anderen“ Kultur zuordnet. So haben wir eine sehr ideenarme Diskussion, die wahrscheinlich jene derzeitige europäische Erschöpfung widerspiegelt, die weitaus mehr ist als nur eine Verfassungskrise. Dabei wäre es durchaus wichtig, die türkische Entwicklung genauer zu analysieren, um jene Chancen auszuloten, die zur Überwindung einer gefährlichen Polarisierung zwischen der islamischen Welt und dem Westen beitragen können. Diese Polarisierung wird mit dem Begriff „Zusammenprall der Kulturen“ beschrieben. Doch die Kulturen prallen in der Türkei nicht nur zusammen, sie bilden auch eine gemeinsame Grenze, die immer dann Neuland entstehen lässt, wenn sie durchlässig ist. Nur so lassen sich die Entwicklung und der Geisteswandel der türkischen Muslime erklären, die sich in den letzten Jahrzehnten nicht nur kulturell, sondern auch politisch der europäischen Zivilisation geöffnet haben – anders als ihre Glaubensbrüder in den benachbarten arabischen Staaten. Auffallend ist der Abschied von einer antiwestlichen, apologetischen Polemik, die Hinwendung zu einer Sprache des Universalismus, die zivilisationsübergreifend formuliert und kommuniziert. Diese rhetorische Öffnung muss sich freilich noch in der Praxis bewähren.Sicher, die säkulare Türkei reagiert manchmal panikartig auf muslimische Eingriffe in die Gesellschaft. Vor allem der Iran und die Radikalisierung in der arabischen Welt, aber auch in Ländern wie Malaysia und Indonesien, haben die Gefahr einer Islamisierung moderner Gesellschaften heraufbeschworen. In der Türkei schaut man in erster Linie auf diese Länder und nicht nach Europa, wenn es darum geht, das säkulare System gegen religiöse Indoktrination zu verteidigen. Die Türkei steht heute vor der spannenden Frage, ob die Demokratisierung der säkular orientierten Bevölkerung und die Reformierung des Staatsapparats einhergehen können mit einer Säkularisierung der Muslime. Nur so wäre die gegenwärtige Blockade zu überwinden.Jenseits der Beitrittsfrage zur EU taucht eine weitgehend verwaiste Reflexionsebene auf, in der es um grundsätzliche Fragen kulturellen Selbstverständnisses geht. Wer verteidigt in der Türkei europäische Werte? Ohne Zweifel hat eine Garde junger muslimischer Politiker auf dem Weg nach Europa mehr Wegstrecke zurücklegt als viele eindeutig säkular orientierte Regierungen zuvor. Doch die Europäer der Türkei, vor allem diejenigen, die einen europäischen Lebensstil führen und für die strikte Trennung von Staat und Religion eintreten, sind im letzten Jahr in den Großstädten millionenfach auf die Straße gegangen, um gegen die Regierung zu protestieren. Unter ihnen waren auffallend viele Frauen, die aus verständlichen Gründen auf jede Art von muslimischer Gesellschaftspolitik empfindlich reagieren. Die Beibehaltung der laizistischen Prinzipien bedeutet den Demonstranten mehr als der Europakurs der Regierung. Sind die modernen Türken, also die Europäer der Türkei, gegen Europa? Erschöpft sich die moderne Türkei nur in einem zeitfernen Nationalismus, einem martialischen Militärapparat, einer wuchernden Staatsbürokratie, die vor allem Vetternwirtschaft betreibt? Oder drückt sich in der Türkei eine tiefe Verunsicherung aus, die ihre Wurzeln in Europa hat? Stellen nicht all diejenigen Stimmen in Europa, die von einer muslimischen Türkei sprechen, der säkularen türkischen Republik und somit einem wichtigen Verbündeten den Totenschein aus? Die Einsamkeit der modernen Türkei und ihrer Befürworter, ihr Gefühl, vom Vorbild Europa fallen gelassen worden zu sein, ist inzwischen auch die Brutstätte eines unreflektierten Nationalismus mit zum Teil pathologischen Zügen. Zunehmend wird deutlich, dass die Kommunikation zwischen Europa und der Türkei grundlegend gestört ist. Der Grund für diese Störung liegt nicht nur in der Türkei. Die naive Verklärung Europas als Leuchtturm der Aufklärung passte ins Konzept der türkischen Modernisierung. Es musste ein Gegenmodell zur orientalisch-islamischen Welt geschaffen werden. In diesem Modell gab es keinen Platz für ein dialektisches Verständnis von Aufklärung. Viele Jahrzehnte lang erfüllte Europa eine Vorbildfunktion für die türkische Avantgarde. Dass es diese Rolle heute nicht mehr spielt, hat sich Europa mit seinem Zickzackkurs gegenüber der Türkei weitgehend selbst zuzuschreiben. Doch über die daraus resultierenden Folgen wird nicht einmal ansatzweise nachgedacht. Inzwischen scheint es geboten, über die Konsequenzen eines Scheiterns der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei nachzudenken. Die Europäer der Türkei fühlen sich von Europa im Stich gelassen. Sie fühlen sich wie verstoßene Söhne und Töchter. Falls die französische Haltung zum Vorbild für andere europäische Staaten wird, stünde noch viel mehr auf dem Spiel als der Türkeibeitritt. Was zur Disposition steht, ist die Überzeugungskraft der Aufklärung über die Grenzen Europas hinaus. Wer die türkische Aufklärung aus der europäischen Familie ausschließt, riskiert das eigene Ideal von der Universalität der Demokratie und Menschenrechte. Doch hinter den Ideen stehen die Erfahrungen, die über Jahrhunderte angesammelten feindlichen Berührungen, Ängste und Vorurteile. Die Türkei sorgt immer wieder für eine Bildstörung. Fromme Muslime sind für den Europabeitritt und kommen mit der Globalisierung klar, die Anhänger der Aufklärung zeigen Zähne und geben sich wehrhaft. Das Bild der Türken ist verwackelt, es taugt nicht einmal mehr zum Feindbild.Verstehen kann man die türkischen Widersprüche in Europa aber nur durch eine Selbstbetrachtung. Seit wann ist die Aufklärung mit ihrem Modernisierungsantrieb eine sanfte Angelegenheit? Die türkischen Abgründe wie der Nationalismus und eine allzu naive Auffassung des Rationalismus als Grundbedingung des Fortschritts sind nicht fern von den europäischen, vor allem sie sind wesensverwandt. Diese Hindernisse gilt es es auf dem Weg zur Modernisierung zu überwinden.Das türkisch-europäische Verhältnis fordert beide Seiten zu einem kritischen Umgang mit dem Bild des Anderen heraus. Die Festschreibung des Anderen auf „seine eigene“ Kultur bleibt ein gewaltiges Kommunikationshindernis. Gemeinsame Werte können nur in einer offenen Aussprache geschaffen werden. An dieser Aussprache kann Europa aber nur dann teilhaben, wenn die verwandte Sprache des Gesprächspartners nicht überhört wird. Die Demokratisierung der europäischen Nachbarregionen ist eine gewaltige Zukunftsaufgabe. Dabei könnte Europa als Wertegemeinschaft eine enorme Integrationskraft entfalten. Eine durch die Kriterien der europäischen Aufklärung und nicht durch Gewehrläufe abgesicherte Modernisierung wäre zumindest in der Türkei möglich und trüge nachhaltig zur Entspannung bei.



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