Orangenbäume und Betonbrücken

ein Gespräch mit Akram Zataari

Frauen, wie geht's? (Ausgabe IV/2007)


Die Arab Image Foundation hat über 15.000 Fotos gesammelt. Was sind das für Aufnahmen?

Die Bilder stammen aus der Zeit von 1860 bis 1970 und sind aus dem gesamten Mittleren Osten und aus Nordafrika: Palästina, Syrien, Ägypten, Irak, Iran, Marokko und aus der libanesischen Diaspora in Argentinien, Mexiko, Senegal. Wir sammeln kommerzielle Fotos – Porträts, die im Studio gemacht wurden – und private Aufnahmen von Hochzeiten, Kindern, Beerdigungen.

Wie finden Sie die Fotos?

Durch Reisen. Ich war in Ägypten, Syrien, Jordanien und habe Studios besichtigt oder mir private Familienalben angeschaut. In Saida, einer kleinen Stadt im Südlibanon, habe ich den Fotografen Hashem Al Madani kennengelernt. Er ist heute 79 Jahre alt und hat 1953 ein Studio im Shehezerade-Filmpalast in Saida eröffnet. Madani hat 12.000 Negative aufbewahrt, das ist ein unglaublicher Fundus für uns.

Was hat er fotografiert?

Auf einer Porträtserie sieht man junge Erwachsene, die von der libanesischen Armee eingezogen worden sind. Dann gibt es Aufnahmen mit Männern, die stolz ihre Gewehre in die Kamera halten. Das war in den 1970er Jahren, als es den Palästinensern offiziell erlaubt war, sich zu bewaffnen. Außerdem gibt es Fotos, die ich unter der Überschrift „Spaziergänge“ zusammenfasse. Sie sind wie eine soziologische Studie über das Freizeitverhalten der Libanesen in den 1950er und 1960er Jahren. Die Menschen flanieren im Park unter Orangenbäumen oder laufen über Betonbrücken. Man war draußen mit der Familie – das hat sich geändert, seit man im Libanon auch tagsüber Fernsehen empfangen kann.

Gibt es einen Widerspruch zwischen dem islamischen Bilderverbot und der Fotografie?

Der Islam – das sind Araber, Perser, Türken, Kurden. Sie hatten immer schon unterschiedliche Haltungen zum Bilderverbot, zu der Vorstellung, dass der Mensch im Gegensatz zu Gott nur geometrische Muster erschaffen darf. In einigen sehr konservativen Gegenden in der arabischen Wüste gab es zwar Widerstände gegen die Fotografie, weil man dachte, ein Foto von der Ehefrau sei so schlimm, wie ohne Schleier das Haus zu verlassen. Aber Fotos werden mechanisch hergestellt. Man hat sie dem Bereich der Wissenschaft zugeordnet, nicht dem der bildenden Kunst, insofern gab es im Islam keinen Konflikt zum Bilderverbot. Sultan Abdul Hamid, der Ende des 19. Jahrhunderts über das Osmanische Reich herrschte, hat die Fotografie sogar sehr gefördert.

Wie kam die Fotografie in die arabische Welt?

Die Europäer haben in den 1850er Jahren angefangen, biblische Orte oder archäologische Stätten zu fotografieren. Teilweise haben sie Studios eröffnet. Die Araber waren erst Assistenten, dann begannen sie, selbst zu fotografieren. Es gab einen richtigen Foto-Boom, besonders nachdem die Armenier von der Türkei in die arabischen Länder gegangen sind.

Sieht man Unterschiede zwischen Bildern von europäischen und arabischen Fotografen?

Nein. Die Profi-Fotografen haben wohlhabende Araber, Beduinen, Derwische und Landschaften mit Dörfern fotografiert – Bilder, die als Souvenirs an Touristen verkauft wurden.

Welchen Stellenwert hat die Fotografie heutzutage in der arabischen Welt?

Leider keinen hohen. Viele Fotografen werfen ihre Sammlungen weg, wenn sie ihr Studio schließen. Deshalb haben wir die AIF gegründet. Wir wollen Fotos als Dokumente der Zeit erhalten. In unserer Zentrale gibt es Räume, in denen wir die Bilder nach internationalen Standards konservieren. Solche Bedingungen findet man nicht einmal bei großen arabischen Zeitungsverlagen.

Was geschieht mit den Bildern der Arab Image Foundation?

Wir organisieren Ausstellungen auf der ganzen Welt. Langfristig planen wir eine Art Museum in Beirut, in dem unsere Sammlungen für Besucher zugänglich sein sollen. 

Das Interview führte Carola Hoffmeister



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